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Chronik Wien
03/23/2020

Was uns frühere Seuchen lehren

Im Lauf der Jahrhunderte wurde Wien immer wieder von verheerenden Infektionskrankheiten heimgesucht.

von Andreas Puschautz

Seit Kurzem gelten in Österreich aufgrund des Coronavirus Einschränkungen des öffentlichen Lebens, wie sie die Nachkriegsgenerationen – also der Großteil von uns – noch nicht am eigenen Leib erfahren haben.

Es ist aber nicht die erste Infektionskrankheit, die das gewohnte Leben in der Hauptstadt zum Erliegen bringt. Bis ins ausgehende 19. und teilweise noch bis ins beginnende 20. Jahrhundert brachen immer wieder Seuchen unterschiedlicher Intensität über den Schmelztiegel der Kulturen der Donaumonarchie (und darüber hinaus) herein.

Schließlich waren Infektionskrankheiten bis zur Entdeckung der Antibiotika im 20. Jahrhundert „eine ständige Bedrohung und auch die häufigste Todesursache – auch in den Perioden zwischen größeren Seuchen“, wie Medizinhistoriker Herwig Czech von der MedUni Wien erzählt.

Der Schwarze Tod

Eine der heimtückischsten Krankheiten, die die Welt und damit auch Wien immer wieder heimsuchte, war die Pest (siehe Kasten unten).

Pest
Zwischen 1349 und 1714 wurde Wien von insgesamt zwölf Pest-Epidemien heimgesucht. Ihren Ursprung nahm die bakterielle Infektion in Zentralasien.

Spanische Grippe
Die Influenza-Mutation raffte zwischen 1918 und 1920 je nach Schätzung weltweit 25 bis 50 Millionen Menschen dahin. Entgegen ihres Namens kam die Seuche vermutlich aus den USA.

Cholera
Neben Pest und Spanischer Grippe plagten natürlich auch immer wieder andere Seuchen die Bewohner Wiens. 1831 erreichte etwa eine erste katastrophale Cholera-Epidemie die Stadt. Inklusive der Folgeausbrüche bis 1873 starben rund 18.000 Menschen an der bakteriellen Infektionskrankheit.

Der schwerwiegende Ausbruch von 1678/79 ging als Geburtsstunde des „lieben Augustin“ in das kulturelle Gedächtnis der Stadt ein. Der leidenschaftliche Trinker soll die Menschen in dieser schweren Zeit mit seinen zotigen Liedern aufgeheitert haben – und kam so zu seinem Spitznamen.

Während des Höhepunkts des Ausbruchs 1679 schlief Markus Augustin der Legende nach in der Gosse seinen Rausch aus, wurde jedoch für ein Pestopfer gehalten und in ein Massengrab vor der Stadtmauer geworfen. Am folgenden Tag soll er in der Grube so lange auf seinem Dudelsack gespielt haben, bis er wieder herausgezogen wurde.

Die Anekdote soll aber nicht über die dramatischen Zustände dieser Zeit hinwegtäuschen. „Der Ausbruch der Seuche wurde von den Behörden lange Zeit ignoriert, bis im Sommer mit dem Eindringen der Krankheit in die Stadt nur noch Chaos herrschte“, erzählt Historiker Czech.

Nicht gehört

Der kaiserliche Hof ergriff die Flucht, die Toten wurden nicht mehr bestattet, kurz gesagt: ein völliges Versagen der Strukturen. Dabei hatte der Hofmedikus Paul de Sorbait schon früh vor der Seuche gewarnt und eine „Pest-Ordnung“ veröffentlicht, in der er vor allem auf Sauberkeit drängte – etwa mit der Empfehlung, keine toten Tiere auf die Straße zu werfen.

Nur: Er wurde nicht ausreichend ernst genommen, und so übersprang die Pest schließlich trotz der Warnungen die Stadtmauer und forderte über 10.000 Tote.

Eine brutale, doch lehrreiche Erfahrung: Der nächste Ausbruch 1691 verlief mit nur 47 Erkrankten glimpflich, weil erstmals behördliche Vorkehrungen griffen, die die Stadt abriegelten. Wer sich näherte, musste den Wachen seinen Herkunftsort zurufen. Wütete in diesem die Pest, wurde der Zutritt verweigert.

Spanische Grippe

Während die Pest von Bakterien ausgelöst wird, handelte es sich bei der Spanischen Grippe (1918–1920) um eine Mutation des Influenza-Virus, die – eine Parallele zum Coronavirus – von keiner vorhandenen Immunität unter den hauptbetroffenen 15- bis 40-Jährigen gehemmt wurde. Von den USA ausgehend zog das Virus in drei Wellen um die Welt und forderte mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg.

Nur wenige Inseln blieben verschont. Australien konnte sich die erste Welle etwa durch rigorose Quarantänemaßnahmen vom Hals halten. Während der zweiten Welle rutschte jedoch ein Infizierter durch. Die Folge: 40 Prozent der Bevölkerung steckten sich an, 15.000 Menschen starben.

Bleibt die Frage: Was kann man aus der Geschichte lernen? Kann man überhaupt Lehren aus der Vergangenheit ziehen, angesichts einer mittlerweile völlig veränderten, vernetzten Welt?

„Ja“, ist Czech überzeugt: „Dass es immer wieder passiert, dass der Punkt, an dem man noch eingreifen könnte, aus Ignoranz, widerstreitenden Interessen oder schlichter Verantwortungslosigkeit übersehen wird – und es dann zu spät sein kann.“

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