Der Karl Seitz Hof in Jedlesee, vom Roten Wien als "Gartenstadt" errichtet

© Kurier/Jeff Mangione

Chronik Wien
11/05/2020

Verliebt in 1210: Einmal Floridsdorfer, immer Floridsdorfer

Der 21. gilt nicht als attraktivster aller Bezirke. Vielleicht haben die Floridsdorfer gerade deshalb eine große Verbundeheit zu ihrer Heimat

von Barbara Mader

 Die Bezirke, die man „drüber der Donau“ nennt, haben keinen guten Leumund. In der Wahrnehmung derer, die sich auf der richtigen Seite der Donau wähnen, ist der 21. bloß ein klassischer Arbeiterbezirk. Geprägt von Gemeindebau-Siedlungen, die man aus Sozial-Reportagen kennt, skandalträchtigen Bauprojekten wie dem Krankenhaus Nord und trostlosen Orten wie dem Franz-Jonas-Platz, Anziehungspunkt für Gestrandete und Alkoholiker. Da kann der Willi Resetarits noch so beherzt singen nur die Trangla gebm ka Ruah – eine schöne Gegend ist das hier nicht.

Die andere Wahrheit

Das ist eine Wahrheit. Die andere ist: Floridsdorf hat die Hälfte vom Bisamberg, die Hälfte der Alten und einen Gutteil der Neuen Donau, alte Dörfer mit zum Teil noch gut erhaltenen Kernen und, trotz fortschreitender Verbauung, immer noch Wiesen, Felder und jede Menge Heurigen. Außerdem eine große Verbundenheit seiner Einwohner zu ihrem Bezirk. Wer hier aufgewachsen ist, für den gilt, egal, wo er später wohnt: einmal Floridsdorfer, immer Floridsdorfer.

Das liegt zum Teil an der Lebensqualität, die es hier – entgegen aller Vorurteile – tatsächlich gibt. Viel Grün und authentische Wirtshauskultur. Das Wirtshaus am Wasserpark im Paul-Speiser-Hof, einem wunderschönen Gemeindebau aus den späten 1920ern. Das Gasthaus Birner gegenüber dem Angelibad, wo einem der Ober die berühmte Fischbeuschelsuppe „über die Gasse“ bringt. Die Heurigen – in Stammersdorf etwa der Göbel, in Jedlersdorf der Bernreiter, in Strebersdorf die Buschenschank Walter. Nur Gehässige erinnern daran, dass die unfreundliche Bezeichnung für sauren Wein auch von hier stammt: Der Brünnerstrassler.

Es gibt die alten Dörfer und es gibt die berühmten Gemeindebauten wie den Karl-Seitz-Hof, vom Roten Wien als „Gartenstadt Jedlesee“ errichtet. Unweit ist der Fußballverein FAC zu Hause, wo Karrieren wie jene von Peter Pacult begonnen haben. Dabei wollte der Pacult ja eigentlich Fleischhauer werden. Ging nicht, zu klein. Er wurde Postler, gemeinsam mit dem heutigen Bürgermeister Michael Ludwig (der als Student bei der Post jobbte und den Pacult für dessen Schnelligkeit beim Briefe austragen bewunderte). Dem Pferdefleischhauer blieb Pacult dennoch treu: Wann immer in der Gegend, kaufte erden berühmten Leberkäse beim Schuller, der erst kürzlich seine Pforten für immer geschlossen hat.

Bessere Zeiten

Dass vieles heute nicht mehr ist, wie es war, ist eine Binsenweisheit und trifft doch auf Floridsdorf stärker als auf andere Bezirke zu. Der Schlingermarkt hat bessere Zeiten erlebt, das alte Schulschwänzer-Café Fichtl auf der Schlosshofer Straße hat endgültig geschlossen und vor allem wurden die Wiesen und Felder hier in atemberaubender Geschwindigkeit verbaut und die alten Häuser abgerissen. In Floridsdorf wird viel gebaut, aus Sicht der Bürgerinitiativen zu viel. Aktuell geht’s etwa um die weitere Verbauung der Siemensäcker und des Donaufeldes, die die letzten Bauern hier in Bedrängnis bringt. Auch, dass in Dörfern wie Leopoldau, Schutzzone hin oder her, die alten Häuser abgerissen werden und in Dorfwirtshäusern  nun Zuwanderer ihre Kirchen untergebracht haben, schlägt vielen  Alteingesessenen auf den Magen. Die Politik argumentiert stets mit dem großen Wohnungsbedarf. Die vielen Bürgerinitiativen wollen das nicht recht glauben und kämpfen dagegen.

Marietta Wild ist auch eine Kämpferin. Für die Kultur im Bezirk. Ihr „Kulturverein Transdanubien“ ermöglicht seit 25 Jahren Musik, Literatur und Schauspiel im 21. Seit die U6 hierherfährt, kommen auch die Wiener von der anderen Seite der Donau. Ursprünglich stammt die gelernte Modistin aus dem ersten Bezirk, in den späten 60ern kam sie über eine Tante nach Floridsdorf und blieb. Damals herrschte hier, am Freiligrathplatz, wo Marietta Wild heute noch lebt und ihr „Kulturkabinett“ führt, eine „Stimmung wie auf dem Dorf. Man kannte jedes Kind und jeden Hund“.

Dennoch war die Zahl derer, die damals die Nase rümpften, groß. „Was willst du denn da drüben?“ hat man zu Marietta gesagt. Gerade deshalb hat sie ihren Kulturverein „Transdanubien“ genannt. Jenen zum Trotz, die nicht wissen (wollen), was es hier, auf dieser Seite der Donau, alles gibt.

Floridsdorf ist vielleicht keine Liebe auf den ersten Blick. Der 21. ist kein Nobelbezirk und die schönen Ecken springen einen nicht an wie in Hietzing. Man muss sie finden. Aber vielleicht liegt ja gerade darin die große Verbundenheit vieler Bewohner mit ihrem Bezirk.

Die vielen Dörfer
Dass Floridsdorf so viele Dörfer hat, liegt natürlich an seiner Geschichte:  Der 21. wurde erst 1904 eingemeindet, mitsamt  umliegender Dörfer wie Stammersdorf, Strebersdorf, Jedlesee, Leopoldau und Großjedlersdorf. Floridsdorf ist nach Fläche der zweitgrößte und der drittbevölkerungsreichste Bezirk

Die Persönlichkeiten
Viel Polit-Prominenz: Unter anderem Hannes Androsch, Gitti Ederer und Michael Ludwig. Künstler wie Schauspielerin Erika Pluhar, Regisseurin Barbara Albert, Maler Hermann Nitsch, Crooner Louie Austen, Musiker Willi Resetarits. Auch spätere Fußball-Nationalspieler wie Veli Kavlak und Marko Arnautovic kickten  einst in Floridsdorf im Käfig.

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