Wie im Urlaub fühlt man sich im Krapfenwaldlbad

© Kurier/Gerhard Deutsch

Chronik Wien
08/03/2019

Urlaub daheim: Darum ist die Wien-Wien-Situation angesagt

Freie Tage in der eigenen Stadt zu verbringen, wird immer beliebter. Denn das Image von Balkonien hat sich gewandelt.

von Stefanie Rachbauer

Um auf eine Insel zu kommen, muss Christian Böhm weder in den Flieger steigen noch mit einem Boot fahren. Sondern acht Minuten gehen. Von seiner Wohnung in Kaisermühlen ins Gänsehäufel – das bekannte Strandbad auf einer Sandinsel in der Alten Donau.

Den Weg über die Brücke wird er in den nächsten drei Wochen mit Frau Susanne und Sohn Emil oft zurücklegen.

Denn die Böhms machen Urlaub. In Wien. „Wenn es hier 35 Grad hat, muss ich nicht nach Spanien“, sagt Christian.

Urlaub auf „Balkonien“ – so hätte man das zumindest bis vor einigen Jahren genannt. Und die Familie schief beäugt. Denn Verreisen galt lange als das, was den freien Tagen erst Sinn verlieh.

Heute heißt Urlaub daheim Staycation oder Holistay (Kombination aus „stay“ für „bleiben“ und „vacation“ bzw. „holiday“ für „Urlaub“). Mit dem schicken Namen kam ein neues Image: Das Zuhausebleiben ist nun en vogue.

Das hat inzwischen auch die Stadt Wien erkannt: Mit Wortschöpfungen wie „Havannaschmarkt“ (Kreation aus der kubanischen Hauptstadt Havanna und Naschmarkt) bewirbt sie heuer exzessiv den „Urlaub vor der Haustüre“.

„Staycation rückt immer mehr in den Fokus“, sagt Florian Aubke, Leiter des Bereichs Tourismus an der Fachhochschule Wien. „Aber ein neues Phänomen ist es nicht.“ Doch woher rührt dann die Aufmerksamkeit? Aubke: „Die Gründe, nicht wegzufahren, haben sich gewandelt.“

Statussymbol

Wer früher daheim blieb, tat das meist unfreiwillig: Reisen war lange der wohlhabenden Bürgerlichen vorbehalten. Die Arbeiterschicht verbrachte die freien Tage daheim – bis in die 80er.

Ab dann machten die Liberalisierung des Flugmarkts und der Boom von Pauschalurlauben Reisen auch für weniger gut Betuchte erschwinglich. Und wichtig.

„Reisen wurde zum Statussymbol. Nicht nur musste das eigene Auto größer sein als das des Nachbarn. Sondern auch der Urlaub toller“, sagt Aubke.

Doch das hat sich geändert. Menschen definieren sich weniger über Konsum, Reisen eigne sich nicht mehr zur Abgrenzung: „Überspitzt gesagt: Wenn auch die Putzfrau nach Mallorca fliegt, kann man sich mit einem Urlaub nicht mehr abheben“. Das heißt: Wer besonders sein will, bleibt daheim.

Dazu kommt, dass Nebenwirkungen des Reisens wie Overtourism („Übertourismus“) und Umweltschäden (Stichwort Flugscham) aktuell kontrovers diskutiert werden. Auch das fördert Urlaub zu Hause.

Hoteliers reagieren bereits darauf: mit Sonderangeboten für die neue Zielgruppe der Daheimbleiber. Denn Staycation muss nicht nur Baden mit dem Aufblas-Flamingo und Pommes vom Selbstbedienungsbuffet heißen.

Das Fünf-Stern-Hotel Palais Hansen Kempinski am Schottenring etwa bietet im heurigen Sommer erstmals ein „Wien für Wiener“-Paket an. Mit Wiener Hauptwohnsitz nächtigt man für 140 Euro (inklusive Dinner und Frühstück).

24  Prozent der Wiener planen einen Urlaub in  Wien. 

28  Prozent  der Wiener wollen zwar raus aus der Stadt, bleiben aber in Österreich.

3 Millionen Nächtigungen von Österreichern verzeichnete Wien 2018. Österreich ist damit für Wien der zweitstärkste Tourismusmarkt.

16,5  Millionen Nächtigungen registrierte Wien im Vorjahr gesamt. 

„Staycation ist ein Trend, der immer mehr in Wien ankommt“, sagt Kempinski-Manager Florian Wille. Wie viele Gäste das Paket gebucht haben, verrät er nicht.

Marketing-Gag

Karl Wöber, Professor für Tourismuswirtschaft an der Modul University, sieht solche Aktionen als Marketinginstrument: „Hier steht im Vordergrund, Aufmerksamkeit zu erregen.“

Und welchen Hintergedanken verfolgt die Stadt damit, den Urlaub zu Hause anpreisen? „Früher haben Städte wie Wien nur in den Quellmärkten geworben“, sagt Aubke.

„Diese Strategie hat ausgedient.“ Damit Tourismus akzeptiert werde, müsse man auch die Einheimischen ansprechen und einbeziehen.

Davon abgesehen bringt Urlaub am Wohnort der Stadt konkreten Nutzen: Er fördert die lokale Wirtschaft. Und schont die Umwelt. Der große Nachteil: Die Fremde kennenzulernen – was Reisen so reizvoll macht – fällt weg.

Tourismusforscher Wöber glaubt, dass wir uns daran vielleicht ohnehin gewöhnen müssen. Etwa, wenn die Rufe nach einer höheren Besteuerung von Flügen gehört werden.

Dann wären Menschen gezwungen, „Erholung im Nahbereich zu suchen“ – wie es die Böhms schon tun.

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