Der Michaelerplatz zählt zu den beliebtesten Standplätzen, in der Politik ist er umstritten.

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
06/03/2021

Umstrittene Traditionssbranche: Die Leiden der Wiener Fiaker

Tierquälerei-Vorwürfe, Debatten um Gummihufe und Kämpfe um Standplätze bestimmen den Alltag der berühmten Pferdekutscher.

von Magdalena Willert, Agnes Preusser, Bernhard Ichner, Nina Oezelt

Eine Kutsche fährt beim Burgtheater vorbei, als eines der zwei eingespannten Pferde plötzlich zusammenbricht uns stirbt. Die Aorta ist gerissen. Das tote Tier wird abgedeckt und nach über einer Stunde vom Ring abtransportiert. Vier Tage später halten Tierschützer an dem Ort eine Mahnwache ab, um des verendeten Tiers zu gedenken – rote Grablichter inklusive. Szenen, wie sie auch im und nicht vor dem Theater hätten stattfinden können.

Der Tod des Pferdes steht zwar laut Amtsarzt nicht zwingend mit der Fiakertätigkeit in Verbindung, befeuert die Debatte um ein Verbot der Traditionsbranche aber erneut. Mögliche Anknüpfungspunkte für Diskussionen gibt es viele.

Die Tierquälerei als Gretchenfrage: Tierschützer fordern seit Jahren strengere Tierschutzgesetze für Kutschenpferde und fuhren in der Hinsicht schon einige Siege ein. Die Pferde haben etwa eine definierte Arbeitszeit von 11 bis 22 Uhr. Außerdem sind sie nur jeden zweiten Tag im Dienst – höchstens 18 Tage im Monat. Die Einhaltung der Tierschutz-Vorgaben wird von der Polizei und der Magistratsabteilung für Verkehrsangelegenheiten kontrolliert.

Für den Verein gegen Tierfabriken (VGT) sowie die Vier Pfoten geht das nicht weit genug. Sie fordern ein komplettes Verbot, unter anderem wegen Reizüberflutung in der für Pferde unüblichen Umgebung mitten in der Stadt.

Kein Umsatz durch fehlende Touristen: Fiaker sind vor allem eine Touristenattraktion. Darum waren die 21 Wiener Unternehmen vom coronabedingten Ausbleiben der Touristen besonders betroffen. Bei der Wirtschaftskammer Wien spricht man von Einbußen zwischen 70 und 90 Prozent, vereinzelt sogar von bis zu 100 Prozent.

Stadt Wien und Wirtschaftskammer unterstützten die Betriebe darum bei der Versorgung der Tiere mit Futtermittelpaketen. Es gab 250 Euro pro Pferd und Monat. Ob die Unterstützung in die Verlängerung geht, werde noch eruiert, heißt es von der Kammer.

Heiße Diskussion um den Hitze-Urlaub: Hat es 30 Grad, sind Amtstierärzte des Magistrats regelmäßig in der Stadt, um zu überprüfen, ob es den aufgeheizten Pferden gut geht. Sie werden medizinisch untersucht, Hufe und Geschirr werden überprüft und es wird sichergestellt, dass die Tiere ausreichend getränkt wurden.

Seit 2016 gibt es zudem ab 35 Grad Hitze-Urlaub für Fiaker. In diesem Fall müssen die Pferde ganz im Stall bleiben. Man hat sich dabei an den Vorschriften für Bauarbeiter orientiert. Die Polizei kontrolliert, ob sie eingehalten werden. Tierschützer setzen sich dafür ein, dass Pferde bereits ab 30 Grad hitzefrei kriegen.

Das Gerangel um die guten Standplätze: Die Parteien der Inneren Stadt treten – mit Ausnahme der FPÖ – geschlossen gegen Fiaker innerhalb des Rings ein. Im vergangenen Bezirksparlament gab es gar einen Mehrparteienantrag, um den Stand am Michaelerplatz gänzlich aufzulassen.

Dieser Platz ist aber, gemeinsam mit dem Stephansplatz, der beliebteste und meistfrequentierte Ort der Fiaker, weil hier die meisten Touristen unterwegs sind. Dem Vernehmen nach soll der Michaelerplatz zwar umstrukturiert werden, aber trotzdem weiter von Fiakern genutzt werden dürfen.

(Un)Sicherheitsfaktor im Straßenverkehr: Die Tierschutzvereine Vier-Pfoten und VGT wollen eine pferdefreie Innenstadt und die Kutschen auf die städtischen Grünanlagen übersiedeln. Diese Meinung teilen auch die Grünen und die Neos, die die Innenstadt langfristig ohne Pferde sehen. Sie argumentieren mit erhöhter Sicherheit im Verkehr, wenn keine Tiere mehr daran teilnehmen.

Wegen Verkehrsunfällen in Verbindung mit Fiakern muss die Polizei jedoch kaum ausrücken. Die Vorfälle sind laut Einschätzungen aus Polizeikreisen verschwindend gering. Der letzte Unfall in Wien ereignete sich im Jänner 2019, als ein Fiaker das Heck eines stehenden Pkw rammte.

Keine Anerkennung als Kulturerbe: Die Wiener Heurigenkultur, das Zitherspielen und auch die Kaffeehauskultur sind in das immaterielle Kulturerbe der österreichischen Unesco-Kommission aufgenommen worden. 2016 wollten auch die Fiakerunternehmer Teil der illustren Runde werden. Immerhin gehören sie schon seit dem 17. Jahrhundert zum Wiener Stadtbild. Fürsprecher war etwa Universitätsprofessor und Soziologe Roland Girtler.

Obwohl die Lipizzanerzucht und auch die Reitkunst der Spanischen Hofreitschule als Kulturerbe akzeptiert wurde, gingen die Fiaker leer aus. Aber die Fiakerei wurde nicht abgelehnt, sondern rückgestellt, heißt es seitens der österreichischen Kommission.

Eine der Grundvoraussetzung sei, dass die Kulturpraxis zu 100 Prozent konform mit der Gesetzgebung stattfinde – und zum Zeitpunkt der Einreichung war das wohl nicht gegeben, heißt es. Man könne aber jederzeit neu einreichen.

Gummihufe als Schutz vor Lärm und Schäden: Hufe und Granit sind nicht die besten Freunde, da es schnell zu Schäden am Straßenbelag kommt. Darum wurde 2016 ein Teil der Herrengasse betoniert, um eine eigene Fiaker-Fahrspur zu schaffen.

Markus Figl, ÖVP-Bezirksvorsteher in der Inneren Stadt, macht sich darum für Gummihufe stark. Diese sind zwar für den Belag schonender, dafür nicht so lange haltbar wie herkömmliche Pferdehufe. Aus medizinischer Sicht hätten sowohl Stahlhufe als auch Gummihufe Vor- und Nachteile, sagt Theresia Licka von der veterinärmedizinischen Universität. Das sei in Studien untersucht worden, Die Ergebnisse der Untersuchungen liegen derzeit bei der Stadt.

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