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Chronik Wien
09/19/2020

Trend in der Stadtplanung: Was an Superblocks super sein soll

Geht es nach Stadtplanern, soll Wien Barcelona werden – wo Superblocks seit Jahren Standard sind. Was das Konzept kann.

von Stefanie Rachbauer

In der Stadtplanung gibt es ein neues Zauberwort. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man Forschern und Wiener Politikern zuhört. Das Zauberwort lautet: Superblocks.

War es bisher innovativ, zum Beispiel nach Begegnungszonen auf einzelnen Straßen zu rufen, sollen jetzt die Superblocks die Verkehrsprobleme Lärm- und Abgas-geplagter Städte lösen.

Sogar eine Wienerische Bezeichnung dafür gibt es bereits: Supergrätzel. Aber was ist das? Und was ist daran so super?

Ein Superblock ist eine etwa 400 mal 400 Meter messende Einheit aus mehreren Häuserblocks. Der motorisierte Durchzugsverkehr wird aus dieser Einheit ausgesperrt – und zwar nach dem Prinzip der selektiven Durchlässigkeit.

Vorrang für Fußgänger

Das klingt kompliziert, ist aber recht einfach: Mit Sperren in Form von Pollern an den Kreuzungen, Einbahnen und Schleifen wird es Autolenkern verunmöglicht, das Grätzel zu durchfahren. Für Einsatzfahrzeuge oder Anrainer bleibt aber (fast) jede Ecke erreichbar (siehe auch Grafik am Ende des Artikels).

Vorschläge und Pläne für Superblocks  existieren in Wien mittlerweile so einige. Sie stammen allen voran von den Grünen – die auch im Wien-Wahlkampf damit werben.

Im 5. Bezirk hat die  Öko-Partei kürzlich Pläne für die Gegend um den Siebenbrunnenplatz vorgestellt:  Demnach soll der Bereich zwischen Ramperstorffergasse, Bacherplatz, Arbeitergasse, Einsiedlergasse, Fendigasse und Stolberggasse zu einem Supergrätzel umfunktioniert werden.

Der gewonnen Raum könnte mit sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Angeboten gefüllt  werden, hieß es bei der Präsentation.  Das Konzept soll letztlich auf ganz Margareten ausgeweitet werden.

Ähnliches schwebt den Landstraßer Grünen vor: Sie wollen den  gesamten 3. Bezirk verkehrsberuhigen. Der Verkehr soll dazu auf den Hauptrouten gebündelt werden – in den Arealen dazwischen sind Superblocks mit begrünten Begegnungszonen geplant.

Im 2. Bezirk hat Bezirkschefin Uschi Lichtenegger (Grüne) eine Studie für ein Supergrätzel im Volkertviertel beauftragt. Umgesetzt werden soll es zwischen der Taborstraße, Am Tabor der Nordbahnstraße, der  Mühlfeldgasse und der Heinestraße. Dieses Wochenende findet eine Info-Veranstaltung dafür statt in den kommenden Monaten soll die Meinung der Bürger eingeholt werden.

Zusätzlich werden die Straßen im Superblock für Radfahrer und Fußgänger attraktiver gemacht – etwa mit Fußgänger- und Begegnungszonen. Und: Parkplätze werden gestrichen.

Gemeinsam mit dem Platz, der in der Mitte der gesperrten Kreuzungen gewonnen wird, entstehen so neue Freiräume, die die Bewohner des Superblocks als Grün- und Freizeitflächen nutzen können.

Die Stadt der Superblocks

In Barcelona, wo seit 1993 Superblocks forciert werden, feierte man damit Erfolge: Ein Jahr nach Umsetzung eines solchen Blocks im Viertel Gràcia war das Auto-Aufkommen innerhalb des Superblocks um 40 Prozent gesunken – und an den Rändern immerhin um ein Viertel.

Das zeigt zweierlei. Erstens: Superblocks ändern das Mobilitätsverhalten der Bewohner. Weil diese im Auto nur auf Umwegen aus dem Block herauskommen, radeln oder gehen sie lieber (zum Beispiel zur nächsten Öffi-Station).

Positiver Nebeneffekt: Die höhere Radler- und Fußgängerfrequenz zieht Nahversorger an.

Zweitens: Die Blocks haben Effekte über das Grätzel hinaus. „Schleichwege in den Wohngebieten werden blockiert. So kommt der Verkehr dahin, wo er hingehört: auf die Durchzugsstraßen“, sagt Ulrich Leth. Er ist Verkehrsplaner und forscht an der TU Wien.

Potenzial für Wien

Mit Kollegen hat er das Superblock-Potenzial für Wien erhoben – und anhand von Beispielen in Neubau, Favoriten und Hernals gezeigt, wie der Verkehr geändert werden könnte.

Eigentlich ist das Konzept in Wien ja schon Realität: Gemeindebau-Anlagen mit ihren verbundenen Höfen sind im Grunde genommen Superblocks.

Testdurchlauf

Das Konzept ist freilich nicht überall sinnvoll: Nötig seien eine hohe Bevölkerungsdichte, wenig Grün und eine gute Öffi-Anbindung, sagt Leth. Eine rasterartige Stadtstruktur – wie in Barcelona – erleichtere die Umsetzung, sei aber keine Bedingung.

Aber was spricht nun für den Trend?

Superblocks hätten gegenüber Konzepten für singuläre Straßen einen entscheidenden Vorteil, so Leth: „Der Ausweichverkehr lässt sich besser abfangen.“

Wie magisch Superblocks tatsächlich sind, das kann man übrigens dieses Wochenende im Volkertviertel testen. Dort soll bald ein Superblock entstehen. Bis morgen, Sonntag, wird in der Volkertstraße eine Art Test-Superblock errichtet.

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