Chronik | Wien
08.11.2018

Thronfolge bei den Wiener Grünen: „Es wird ein König“

Die Spitzenwahl geht ins Finale. Wer die besten Chancen auf die Top-Position hat und welche Strategien die Kandidaten fahren.

Für die fünf Anwärter auf Maria Vassilakous Posten als grüne Front-Frau und Vizebürgermeisterin wird es ernst. Am Donnerstag startet die interne Wahl des künftigen Spitzenkandidaten (siehe unten). Wer gewinnen könnte, ist – auch nach den vier absolvierten Hearings – schwer abzuschätzen. Selbst langjährige Funktionäre trauen sich kein Urteil zu.

Fest steht: Prominenz wird ein Baustein zum Sieg sein. Um den werden die Kandidaten bis zuletzt kämpfen – wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln.

"Hebein war zu brav"

Sozialsprecherin Birgit Hebein etwa eröffnete die letzte Wahlkampf-Phase zu Beginn der Woche. Sie präsentierte ein Komitee aus mehr (u. a. Sigi Maurer, Albert Steinhauser) und weniger bekannten Unterstützern. Davor setzte die 51-Jährige stark auf persönliche Diskussionen mit potenziellen Wählern.

Reichen wird das aus Sicht von Christoph Haselmayer vom Meinungsforschungsinstitut OGM nicht. „Hebein war zu brav“, sagt er. „Am Ende des Tages braucht sie mediale Geschichten – die hat sie nicht geliefert.“

Ganz im Gegensatz zu Klubchef David Ellensohn und Wirtschaftssprecher Peter Kraus.

Startvorteil für Ellensohn

Ellensohn zeigt seit Beginn des bisher eher schaumgebremsten Wahlkampfs vorwiegend mit dem Thema leistbares Wohnen auf – zugespitzt in Form seiner Auseinandersetzung mit Heumarkt-Investor Michael Tojner.

„Er versucht damit zu polarisieren, das ist sicher auch Kalkül. So hat er Aufmerksamkeit und Berichterstattung“, sagt Haselmayer. Aufgrund seiner Funktion als Klubobmann sei der 55-Jährige auch vor dem internen Bewerb medial präsent gewesen, was ihm einen Startvorteil verschaffe.

"First Mover" Kraus

Um Kraus ist es nach seinem aufsehenerregenden Kampagnenstart inzwischen ruhiger geworden. Er hatte sich als Erster aus der Deckung gewagt und seine Kandidatur per Online-Video öffentlich gemacht – begleitet von einem Blog und einem E-Book zu seinen Visionen.

Mit seinem Vorpreschen sorgte der 31-Jährige nicht nur intern, sondern auch medial für Rummel. „Er war der First Mover (Pionier, Anm.). Alle haben geschrieben, dass er der neue Messias der Grünen sein könnte – den sie auch brauchen“, sagt Haselmayer.

Männer-Duell

Für den Politikexperten haben sich mittlerweile Ellensohn und Kraus als Kronprinzen herauskristallisiert. „Sie haben es geschafft, die Spitzenwahl zu einer Richtungsentscheidung hinaufzuspielen – ähnlich wie bei der CDU in Deutschland. Es wird eine enge Entscheidung, aber es wird ein König werden“.

Neben dem komplizierten Wahlsystem macht eine neue Wählergruppe genauere Prognosen schwierig. Denn erstmals dürfen gegen eine Online-Registrierung auch Nicht-Mitglieder mitstimmen. Zu welchen Kandidaten sie tendieren, ist offen.

Haselmayer: „Kraus könnte hier die Nase leicht vorne haben, weil sich eher Junge anmelden.“

Wer auch immer das Rennen macht, steht vor einer großen Aufgabe. „Die Herausforderung wird sein, ob es der Neue schafft, die Grünen langfristig zu einen oder ob es zu Flügelkämpfen kommt“, sagt Haselmayer.

Als Vorbild könne der große Koalitionspartner dienen, der den Wechsel an der Spitze bereits hinter sich hat: „ Die Grünen wären gut beraten, wie die SPÖ den Kader zu tauschen. Es muss klar sein: Jeder, der die Linie nicht mitträgt, hat kein Mandat.“

Der neue Weg an die Spitze der Grünen

Die Kandidaten

Maria  Vassilakou wird die Grünen nicht  in die nächste Wien-Wahl führen, die für 2020 angesetzt ist. Fünf Personen wollen das an ihrer Stelle tun und rittern um die Spitzenkandidatur: Klubchef David Ellensohn, die Gemeinderatsmandatare Birgit Hebein und Peter Kraus, der Meidlinger Bezirksrat Benjamin Kaan sowie die Ärztin Marihan Abensperg-Traun.

Die Wahlberechtigten

1850 Grün-Sympathisanten, die sich zuvor registrieren ließen, und 1550 Parteimitglieder dürfen die nächste Nummer eins bestimmen.

Die Abstimmung

Die Wahl funktioniert nach dem Instant-Runoff-System. Dabei wird am Stimmzettel nicht nur ein Kandidat angekreuzt, die Bewerber werden stattdessen gereiht. Ab Donnerstag werden die Stimmzettel ausgeschickt, gewählt wird per Brief. Am 27. November soll das Ergebnis feststehen.