Chronik | Wien
03.10.2018

Grüne Wien: Fünf Kandidaten kämpfen um Platz eins

Drei Männer und zwei Frauen bewerben sich um die Spitzenkandidatur für die Wien-Wahl 2020.

Drei bekannte Gesichter, zwei Außenseiter: Bei dieser Startaufstellung für die Spitzenwahl der Wiener Grünen ist es geblieben. Neben Klubchef David Ellensohn,  Sozialsprecherin Birgit Hebein und Wirtschaftssprecher Peter Kraus wollen auch der Meidlinger  Bezirksrat Benjamin Kaan und die  Kinder-Psychiaterin Marihan Abensperg-Traun die Grünen in die nächste Wien-Wahl ( regulär 2020, Anm.) führen.

Bei ihrer offiziellen Präsentation  am Mittwoch gaben sich die Kontrahenten betont kollegial, der Eindruck von Grabenkämpfen sollte vermieden werden: „Wir kandidieren miteinander, nicht gegeneinander“, sagte etwa Ellensohn. Doch der Ton könnte schon bald rauer werden:  Ab nächster Woche messen sich die Kandidaten bei Hearings – und haben dabei Gelegenheit, ihr Profil zu schärfen.

Der Gewinner  beerbt spätestens Mitte 2019 Maria Vassilakou. Die Vizebürgermeisterin will sich bekanntlich bis dann aus der Kommunalpolitik  zurückgezogen haben. Die erste Hürde auf dem Weg ins Rathaus haben ihre potenziellen Nachfolger nun genommen. Bis Dienstagabend mussten sie mindestens 100 Unterstützungserklärungen nachweisen (Ellensohn, der mehr als zwei Funktionsperioden im Amt ist, sogar 200, Anm.) – wobei 50 von Parteimitgliedern stammen mussten. Vier Bewerber haben dieses Ziel verfehlt (mehr zu allen neun Kandidaten lesen Sie hier).

Newcomer

Die größten Chancen auf den Sieg haben nach wie vor Ellensohn, Hebein und Kraus – sie sind in der Partei fest verwurzelt. Außenseiter Kaan sieht fehlende  Seilschaften aber nicht als Nachteil. Wichtig sei, auch außerhalb der grünen Netzwerke Entscheidungen zu treffen, erklärt er – offenbar auf Unterstützung von vielen Nicht-Mitgliedern (siehe unten) hoffend. Der 32-Jährige sitzt seit 2015 im Meidlinger Bezirksparlament. Zuvor war er Mitarbeiter der damaligen EU-Abgeordneten Ulrike Lunacek. Sein Geld verdient er in der  Bio-Lebensmittelbranche. „Gestalten ist wichtiger als Oppositionsarbeit“, sagt er.

Quereinsteigerin Abensperg-Traun verbucht lediglich „treues Wählen“ als „bisherige Tätigkeit“ für die Grünen. Sie will Begrünungsmaßnahmen, den Öffi-Ausbau und niederschwellige medizinische Anlaufstellen forcieren.

Zeit, Anhänger zu gewinnen, haben die fünf Zweckfreunde noch bis November, wenn die Briefwahl stattfindet.

Neuer Wahlmodus

Erstmals dürfen nicht nur Grün-Mitglieder den Spitzenkandidaten wählen, sondern auch Externe – sofern sie sich online für 15 Euro registrieren. Parteimitglieder gibt es rund 1800, bisher haben sich 1520  Personen von Außen  angemeldet. Die Registrierung ist bis 18. Oktober möglich.

In den den nächsten Wochen sind vier Hearings mit allen fünf Kandidaten angesetzt. In moderierten Runden werden sie zu verschiedenen Themenblöcken befragt. Der Auftakt findet am 9. Oktober im Ode-on-Theater statt und wird auch via Facebook übertragen. Willkommen sind nicht nur Parteimitglieder, sondern auch alle anderen Interessierten, die sich anmelden.

Wer das Rennen macht, wird in knapp zwei Monaten feststehen. Entschieden wird die Wahl via Briefwahl, sie startet am 8. November.

Die Kandidaten im Überblick

Die Quereinsteigerin

Marihan Abensperg-Traun ist Wiener Kinder- und Jugendpsychiaterin. Die 42-Jährige war mit Philipp Abensperg-Traun verheiratet, dessen Familie zum österreichischen Hochadel gehörte. Sie will die „Ökologisierung der Stadt“ mit Begrünungsmaßnahmen vorantreiben, das öffentliche Verkehrsnetz aufbauen und Grätzelbildung fördern. Eine Funktion hatte Abensperg-Traun bei den Grünen bisher nicht, ihre Tätigkeit für die Partei beschränkt sich auf „regelmäßiges und treues Wählen“.

Der Bezirksrat, der ins Rathaus will

Benjamin Kaan, 32 engagierte sich bereits in seiner Jugend als grüner Wahlhelfer. 2015 zog er ins Meidlinger Bezirksparlament ein, sein Geld verdient er mit einem Bio-Lebensmittelladen. Kaan will seine Partei aus der „grünen Blase“ führen, den inhaltlichen Scherpunkt will er auf Klima- und Sozialpolitik legen.

Junger Gemeinderat mit Ressort-Erfahrung

Peter Kraus wuchs in Niederösterreich auf und kam zum Zivildienst nach Wien. 2010  wurde der Volkswirt in der Brigittenau grüner Bezirksrat. Parallel dazu übernahm der 31-Jährige die Funktion des stv. Büroleiters von Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou. Seit 2013 engagiert sich Kraus als Sprecher der Grünen Andersrum Wien in der lesbisch-schwulen Community. Nach der Wien-Wahl 2015 zog er in den Gemeinderat ein. Er wirbt mit Forderungen nach leitbarem Wohnraum, einer kleineren Schere zwischen Arm und Reich und einer intakten Welt für Nachfolgende Generationen um Stimmen.

Fachfrau will mit Sozialpolitik punkten

Birgit Hebein zog 2010 in den Wiener Gemeinderat ein und ist dort Sozialsprecherin. Zuvor war die diplomierte Sozialarbeiterin sieben Jahre lang im Bezirksparlament von Rudolfsheim-Fünfhaus tätig. Sie kommt aus der Antifa-Bewegung und arbeitete für die Grünen Gewerkschafter. Die 51-Jährige will die Grünen wieder zu „Verbündeten der Zivilgesellschaft“ machen. „Sozialpolitik ist meine Herzensangelegenheit“, sagt sie.

Nummer zwei setzt zum Überholen an

David Ellensohn ist seit 2004 die Nummer zwei hinter Front-Frau Maria Vassilakou. Er wurde damals nicht amtsführender Stadtrat, 2010 übernahm er die Klubspitze. Im Gemeinderat sitzt er seit 2001. Seine Karriere bei den Grünen startete er wie Hebein als Bezirksrat in Rudolfsheim-Fünfhaus, auch er ist in der Antifa-Bewegung verwurzelt. Vor seinem Wechsel in die Politik arbeitete Ellensohn als Sport-Journalist. „Links der Mitte ist ein Platz frei geworden. Den gilt es zu besetzen“, schreibt er in seiner Bewerbung.