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Chronik Wien
11/05/2020

Terror in Wien: Ein Lichtermeer für die Opfer

Berührende Momente am Morzinplatz. Vertreter der Religionsgemeinschaften warnen davor, einen Keil in die Gesellschaft zu treiben.

von Bernhard Ichner

Ein "starkes Zeichen der Verbundenheit" setzten Donnerstagmittag Spitzenvertreter der Religionsgemeinschaften in der Wiener Innenstadt. Mit Gebeten und einem stillen Gedenkmarsch zu den einzelnen Tatorten gedachten unter anderen Kardinal Christoph Schönborn, der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka, Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister und der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ), Ümit Vural, der Opfer des Terroranschlags.

Den Geistlichen - darunter auch der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Peter Schipka, der evangelische Wiener Superintendent Matthias Geist, der orthodoxe Metropolit Arsenios Kardamakis oder der Präsident der buddhistischen Religionsgesellschaft, Gerhard Weißgrab - ging es darum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu demonstrieren.

Denn "das ist Österreich", betonte Kardinal Schönborn. "Und wer Österreich liebt, der spaltet es nicht." Es gelte, sich gegen alle Tendenzen zur Wehr zu setzen, die versuchen, einen Keil in die Bevölkerung zu treiben.

Schönborn warnt davor, vor dem Hintergrund des Terrors politisches Kleingeld zu wechseln. „Wenn Einzelne ein Verbrechen begehen, dann muss man das auch als Verbrechen dieser Einzelnen sehen. Dann darf man nicht ganze Gruppen oder die Gesellschaft dafür verantwortlich machen. Es gibt keine Sippenhaft.“

Imame legten Rosen nieder

Bevor die Geistlichen der einzelnen Religionen um 12 Uhr bei der Anker-Uhr am Hohen Markt zusammentrafen, versammelten sich bereits Imame und muslimische Religionslehrerinnen zum Gedenken. Am Desider-Friedmann-Platz legten sie nach Gebeten Rosen nieder.

Die IGGÖ verurteile den Terroranschlag, betonte deren Präsident, Ümit Vural, einmal mehr. Da manchmal Worte aber nicht ausreichen würden, hätten Imame und Religionslehrerinnen nun Taten folgen lassen. Auch Vural beschwor den "Geist des Zusammenhalts, der in die Zukunft wirken" möge.

Die Muslime in Österreich seien besorgt, sagt er. Er sei aber "sicher, dass die Menschen in Österreich zwischen der Religion und dem Verbrechen unterscheiden können".

Gemeinsam mit Bischöfen, Rabbiner und anderen Geistlichen folgten die Imame im Anschluss an ihre eigene Gedenkveranstaltung dem Weg des Attentäters. Von der Anker-Uhr auf dem Hihen Markt, über die Jerusalem-Stiege zur Ruprechtskirche, dann zum Stadttempel in der Seitenstettengasse und schließlich über den Rabensteig bis zum Schwedenplatz.

"Keine Gewalt im Namen Gottes"

An jedem der Tatorte hielt man kurz inne. Genau wie viele Passanten, die noch immer Kerzen anzünden, Blumen niederlegen, weinen. Im gesamten Bermudadreieck herrscht andächtiges Schweigen. Auffällig viele Polizeibeamte geben den Menschen ein Gefühl der Sicherheit.

Organisiert wurde der Gedenkmarsch von Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister und IGGÖ-Imam Ramazan Demir. „Wenn Hass, Hetze und Gewalt im Namen von Religion ausgeübt werden, müssen wir die Ersten sein, die dagegen aufstehen und das verurteilen und klarstellen, dass es so etwas nicht gibt“, erklärte Hofmeister: „Es gibt keinen Hass und keine Gewalt im Namen Gottes.“

IGGÖ hofft auf Mittel für Gefängnisseelsorge

Demir, seines Zeichens ehemaliger Leiter der islamischen Gefängnisseelsorge, verband den Gedenkmarsch mit einer Forderung an die Politik. "Die Gefängnisseelsorge muss endlich ernst genommen und stärker gefördert werden", betonte er. Zurzeit gebe es einen hauptberuflichen muslimischen Gefängnisseelsorger für alle 27 Justizanstalten in Österreich. Und der werde von der IGGÖ bezahlt.

"Sowohl Gefängisseelsorge als auch Deradikalisierungsstelle müssen gefördert werden", meint Demir. Denn Prävention durch Seelsorge und Deradikalisierung müssten Hand in Hand arbeiten.

Das bestätigt auch der aktuelle Leiter der islamischen Gefängnisseelsorge, Dzemal Sibljakovic. Ein Vergleich mit anderen Ländern zeige, dass ein Seelsorger für 80 bis 100 Gefängnisinsassen effizient wäre. Aber allein in Wien sei er der einzige hauptberufliche Seelsorger für 500 bis 550 muslimische Häftlinge.

Lichtermeer

Gemeinsam mit der Jüdischen HochschülerInnenschaft, European Union of Jewish Students und der ÖH Uni Wien gedachte am Mittwochnachmittag auch die Muslimische Jugend Österreichs (MJÖ) am Morzinplatz der Opfer des Anschlags.

Die Kundgebung endete mit einem Lichtermeer. Es gelte, „eine mörderische Ideologie zu bekämpfen“, appellierte Bini Guttmann von der European Union of Jewish Students (EUJS) an die politischen Verantwortlichen, den Kampf gegen den Islamismus „mit voller Härte des Rechtsstaats“ zu führen. Von einem „Angriff von einem Menschen, der sich am Rande der Gesellschaft befand“, sprach Bouchra Ikherrazene von der MJÖ und gab gleichzeitig aus: „Ein Terrorist wird niemals unsere Gesellschaft definieren.“

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