Bis 2025 soll hier die Parkanlage "Freie Mitte" stehen. Der erste fertige Teil davon ist die Stadtwildnis.

© Nina Oezelt

Chronik Wien
12/14/2021

Wiener Stadtentwicklung: Ganz schön wild in der neuen Stadtwildnis

Die Stadtwildnis – ein naturbelassener Park – beim Nordbahnviertel wurde eröffnet. Wie es dort zugeht, was noch geplant ist.

von Nina Oezelt, Christa Breineder

Eine Wildnis mitten in der Stadt? Die Stadtregierung – erst rot-grün, jetzt rot-pink – kündigt im Nordbahnviertel seit Jahren ein noch nie da gewesenes Areal unberührter Natur in Wien an. Jetzt ist der erste Teil (siehe Grafik unten) fertig. Konkret geht es um die "Freie Mitte", eine Parkanlage, auf dem einstigen Bahnhofsareal. Die sogenannte Stadtwildnis im Realitätscheck.

Wie kommt man hin?

Bei der Ankunft mit dem O-Wagen bei der Bruno-Marek-Allee steht man vor Kränen und Zäunen. Baucontainer umzingeln den Wasserturm. Es schaut wild aus – wenn auch nicht wegen der Natur. Nicht beirren lassen: Der Eingang befindet sich hinter den Baustellen.

Wie klein ist die Wildnis?

Bis 2026 entstehen um den Park 2.500 Arbeitsplätze und 5.000 Wohnungen, bis 2030 leben 20.000 Menschen hier. "Das Areal ist viel zu klein, wenn man sieht, wie viel hier gebaut wird", sagt ein Anrainer. "Verglichen mit dem Augarten ist die ‚Freie Mitte‘ ein kleiner Garten." Er hat nicht unrecht: Die gesamte Parkanlage, die 2025 fertig sein soll, ist rund 13 Fußballfelder groß. Der Augarten hingegen 72 Fußballfelder. Der Teil der Stadtwildnis – rund 1,4 Hektar – ist nur zwei Fußballfelder groß, wirkt aber weitaus kleiner. Das kann auch an den hohen Kränen am Areal liegen.

Was gibt es in der Wildnis?

Ein Holzsteg führt in die "Wildnis". In zwei Biotopen wurden Wechselkröten angesiedelt. Sie lebten bereits früher auf dem Areal, das jetzt bebaut wird. Die Stadt hat die Absiedelung aufgrund eines naturrechtlichen Bescheids in die Wege geleitet. Eine ökologische Bauaufsicht kontrolliert noch 15 Jahre nach Fertigstellung des Viertels das Wohlergehen der Kröten. In der Stadtwildnis stehen Bänke und drei Hochsitze. In den Teichen sieht man jahreszeitenbedingt nicht viel – außer eine leere Zigarettenschachtel.

Für wen ist die Wildnis?

"Für die Tiere. Ich sehe immer wieder Hasen und Füchse", sagt ein Besucher. Auch er hat recht. Neben den Biotopen gibt es Stein- und Holzvorrichtungen, bei denen sich Zauneidechsen verstecken können. Und es wurden Insekten- und Vogelnährpflanzen gesetzt: Gemeine Berberitze, Kornelkirsche, Weißdorn und Pfaffenhütchen. Bestimmte Pflanzen locken bestimmte Tiere an: Für das Wiener Nachtpfauenauge wurde etwa die Vogelkirsche gepflanzt. Vogelgezwitscher, wie das des Neuntöters, der viele Vogellaute nachsingen kann, ist wirklich zu hören. Auch wenn es vom Baulärm übertönt wird.

Was gibt es noch zu sehen?

Vor der historischen Eisenbahnbrücke aus dem Jahr 1876 befindet sich ein Bauzaun. "Betreten verboten", steht dort. Die Brücke soll in das nächste Areal zur Picknickwiese führen. Aber die neu restaurierte Brücke wurde schon wieder beschmiert und wird darum abermals bearbeitet. Bis die Brücke fertig montiert wird, muss man durch das Gebüsch und über Schleichwege in das Areal der Picknickwiese vordringen.

Warum liegen hier Matratzen?

Das Areal der Picknickwiese wird 2022 gebaut. Für die Bauzeit wird es dann eingezäunt. Lichter und Leitungen werden laut Wiener Stadtgärten montiert – und dann wird das Gebiet gereinigt. Derzeit geht es nämlich auch hier noch wild zu: Matratzen liegen herum und besprühte Steine, daneben das verlassene Haus der Bahnmeisterei. "Das wird 2022 abgerissen", sagen die ÖBB. Sie sind im Besitz dieses Grundes. "Die einzelnen Abschnitte werden nacheinander der Stadt übergeben", heißt es. Vor Jahren wurde der von Anrainern gebaute Skatepark abgerissen. 2024 soll anstelle der Bahnmeisterei ein neuer Skatepark entstehen.

Was war hier zuvor?

Zeugen der Bahngeschichte sind nach wie vor zu sehen: Schienenstränge, Weichensteller, Masten. Sie erinnern auch an die beschämende Vergangenheit. Denn vom Nordbahnhof kam es unter den Nazis zu Deportationen in Vernichtungslager. Die ÖBB und die Stadt besprechen derzeit die Errichtung eines Mahnmals.

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