Chronik | Wien
27.06.2018

Saya Ahmad: „Man muss nicht alles lesen“

Die neue Bezirkschefin des Wiener Alsergrunds im Interview über Hasspostings und ihr Verhältnis zu Ludwig.

Heute, Mittwoch, übernimmt Saya Ahmad ( SPÖ) im Alsergrund von Martina Malyar den Chefsessel. Die 33-jährige, im Irak geborene Kurdin flüchtete als Kind mit ihrer Familie nach Österreich. Bis 2004 studierte sie in Wien Internationale Entwicklung. Ahmad ist mit SPÖ-Gemeinderat Marcus Gremel verheiratet und hat eine Tochter. Zuletzt arbeitete sie im Presse-Team von Ex-Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger. Der KURIER traf sie vor ihrer Wahl durch das Bezirksparlament zum Gespräch.

KURIER: Was qualifiziert Sie für den Job der Bezirkschefin?

Saya Ahmad: Ich liebe den Neunten. Seit fünf Jahren bin ich Bezirksrätin und für Jugendfragen zuständig. Ich glaube, dass ich den Alsergrund in vielen Bereichen weiterentwickeln kann. Ich möchte etwa im Sozial- und Bildungsbereich Akzente setzen. Wichtig ist mir auch, nahe an der Bevölkerung zu sein.

Was sind Ihre konkreten Pläne?

Ich möchte im Sommer alle Grätzel besuchen und Sprechstunden im öffentlichen Raum abhalten. Durch meine bisherige Arbeit sehe ich, dass Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen Schichten nicht viel Kontakt haben. Das würde ich gerne ändern. Etwa, indem man eine Bezirksjugendvertretung etabliert, wo Jugendliche gemeinsam Projekte auf die Beine stellen und so Berührungsängste abbauen.

Sie sind die erste Bezirkschefin mit Migrationshintergrund. Welche Bedeutung hat das?

Es ist wichtig, die Vielfalt einer Weltstadt wie Wien auf der politischen Ebene abzubilden. Mich freut, dass wir als neunter Bezirk zeigen: Vielfalt ist möglich. Abgesehen davon hoffe ich, dass meine Hautfarbe, mein Name und mein Alter in Zukunft eine geringe Rolle spielen werden. Mir ist wichtiger, über Positionen zu reden als über mein Aussehen.

Warum ist diese Vielfalt bisher wenig präsent?

Politische Parteien müssen an ihren Strukturen feilen. Ich hoffe, dass wir mit der Gastmitgliedschaft (Gratis- Mitgliedschaft für ein Jahr, Anm.) die SPÖ öffnen können. Bisher haben wir zu wenig auf diese Thematik geschaut.

Mireille Ngosso, die neue stv. Bezirkschefin (SPÖ) in der City, wurde zuletzt in sozialen Medien rassistisch beleidigt. Ist Ihnen das auch schon passiert und wie gehen Sie damit um?

Das Thema Rassismus begleitet mich seit Kindesbeinen. Vor Hasspostings – etwa in Online-Foren von Medien – versuche ich mich zu schützen. Man muss nicht alles lesen. Gleichzeitig versuche ich, ein Auge darauf zu haben, um nicht tatenlos dazusitzen, wenn es strafrechtlich relevant wird. Mit Rassismus darf man nicht durchkommen.

Die SPÖ diskutiert derzeit ein Kopftuchverbot für Schülerinnen, bald soll es ein Ergebnis geben. Wie ist Ihre Position?

Ich halte nichts von einem Kopftuchverbot. Frauen sollen selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden. Dazu müssen sie den öffentlichen Raum nutzen können. Ein Verbot drängt sie aber zurück ins Private.

Wenn sich Ihre Partei nun aber dafür entscheidet?

Schauen wir einmal, was herauskommt.

Bevor der Althangrund umgewidmet wird, verhandeln Stadt, Bezirk und der Immobilien-Investor über den Sommer einen städtebaulichen Vertrag. Wo liegt Ihre rote Linie?

Ganz klar beim leistbaren Wohnraum: Die Hälfte der geplanten Wohnfläche muss leistbar sein.

Die SPÖ Alsergrund wurde im Duell um die Landesparteispitze dem Schieder-Lager zugerechnet. Wie stehen Sie zu Michael Ludwig?

Wir werden gut zusammenarbeiten. Es gab einen Wettbewerb der Ideen und am Landesparteitag fiel eine Entscheidung. Ich freue mich, dass es zwei Kandidaten gab – das belebt die Demokratie in der Partei.

Einen Wettbewerb gab es ja auch um die Spitze des neunten Bezirks – zwischen Ihnen und Thomas Liebich. Welche Rolle wird er künftig spielen?

Thomas Liebich ist als stv. Bezirksvorsteher gewählt und der bleibt er. Wir haben uns für die gleiche Aufgabe beworben, aber ich nehme das nicht persönlich.