Protest gegen Rechts: Dutzende Anzeigen und Verletzte

Akademikerball…
Foto: KURIER/Jürg Christandl Akademikerball

Sechs Polizisten und vier Demonstranten verletzt. Die Polizei ermittelt wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung".


Der friedliche Beginn sollte sich als trügerisch herausstellen: Unter massivem Polizeiaufgebot starteten Freitagabend die Demonstrationen gegen den Akademikerball in der Wiener Hofburg. Rund 5000 Aktivisten zogen durch die Innenstadt, um gegen das Treffen der deutschnationalen Burschenschaften zu protestieren. Sie skandierten Sprüche wie "Nazis raus" oder "Nieder mit der FPÖ". Seitens der Polizei waren insgesamt 2500 Beamte im Einsatz.

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Während die offizielle Demo durch die Innenstadt weitgehend friedlich verlief, kam es nach 20 Uhr immer wieder zu gröberen Zwischenfällen: Beim Naturhistorischen Museum blockierten Aktivisten Taxis mit Ballgästen. Flaschen, Böller und Rauchbomben wurden geworfen. Schließlich mussten Beamte der WEGA beim Volkstheater eingreifen. Es kam zu mehreren Festnahmen. Trotz allem nahmen es manche der Beteiligten mit Humor: "Sie sind heuer viel netter als im Vorjahr", sagte ein beim Volkstheater eingekesselter Demonstrant zu einem Polizisten, der ihn gerade zurückdrängte.

Auch am Schwarzenbergplatz kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten, die ebenfalls ein Taxi blockieren wollten. 25 Personen wurden allein hier festgenommen.

Zeitgleich lieferten sich in der Neustiftgasse mehrere Dutzend vermummte Demo-Touristen aus Deutschland ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Exekutive. Die Demonstranten blockierten die Straße mit Blumentöpfen und Mistkübeln. Die Polizei, die auch Diensthunde einsetzte, versuchte, die Randalierer einzukesseln. Als Flaschen durch die Luft flogen, machte sich kurzfristig auch unter den Beamten merkbar Nervosität breit. "Ruhig bleiben, ruhig bleiben", wurden sie von der Einsatz-Leitung angewiesen.

Mit Postschlüsseln verschafften sich einige der Aktivisten Zugang zu Wohnhäusern, um sich dort vor der Polizei in Sicherheit zu bringen. Auch beim Museumsquartier und am Karlsplatz kam es zu Festnahmen. Bei der Bellaria wurde ein Beamter verletzt. Er erlitt nach einem Böllerwurf ein Knalltrauma.

Waffen sichergestellt

Bereits im im Vorfeld der Kundgebung kam es zu sieben Festnahmen. Am Nachmittag stoppte die Polizei einen tschechischen Reisebus auf der A4 und nahm sechs Personen fest. Sie hatten Messer und Schlagringe bei sich. Ein Bus aus München wurde kontrolliert und wieder zurückgeschickt, weil sich im Fahrzeug ebenfalls Pyrotechnik befunden hatte.

Am späten Nachmittag kam es laut Polizei zu einer weiteren Festnahme. Eine der rechten Szene zuzuordnende Person wurde in der Mariahilfer Straße mit einer verbotenen Waffe angetroffen. Details waren vorerst nicht bekannt.

Um ein Zusammentreffen mit den Demonstranten zu vermeiden, haben dieses Jahr offenbar auch die Ball-Organisatoren ihre Taktik geändert. Viele der Ballgäste trafen bereits gegen 17.30 Uhr in der Hofburg ein, darunter FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Das war also Stunden vor dem offiziellen Beginn der Veranstaltung. Später streute Strache der Polizei Rosen: "Heute gibt es einen problemlosen Zugang zum Wiener Akademikerball", ließ er via Twitter ausrichten.

Die Innenstadt glich Freitagabend einer Geisterstadt. Zwischen Hofburg, Schwarzenbergplatz und MQ wurde eine Sperrzone eingerichtet. Zahlreiche Geschäftsleute hatten aus Angst vor ähnlichen Verwüstungen wie im Vorjahr ihre Läden vorzeitig geschlossen (siehe Bericht unten).

Am Graben schirmten Polizisten die Geschäfte ab. Vorsorglich wurden auch sämtliche Mistkübel abmontiert, die im vergangenen Jahr am Graben als Wurfgeschoße in den Auslagenscheiben landeten. Auf Anordnung der Polizei musste die U-Bahnstation Stephansplatz gesperrt werden.

Bereits die Tage vor dem Ball waren geprägt vom Schlagabtausch zwischen Gegendemonstranten und Exekutive: Nach Gewaltaufrufen erstattete die Polizei Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" – darauf stehen bis zu drei Jahre Haft. Das weitere Vorgehen werde derzeit "geprüft", hieß es auf KURIER-Anfrage.

Polizei zufrieden

Am späten Freitag zog die Polizei Bilanz: "Die Demo war im Gegensatz zum Vorjahr wesentlich friedlicher", sagt Sprecher Roman Hahslinger. "Die Entwicklung war ständig unter polizeilicher Kontrolle, es gab zwar einzelne Vorfälle, aber die Strategie der Deeskalierung hat eine positive Wirkung gezeigt." Der Demo-Abend in Zahlen: Es gab 54 Festnahmen. Sechs Polizisten (leichte Prellungen, Schnittverletzungen und ein Knalltrauma) und vier Demonstranten wurden leicht verletzt, am Samstag war niemand mehr in Spitalsbehandlung. Insgesamt wurden etwa 150 Anzeigen wegen strafrechtlicher und verwaltungsstrafrechtlicher Übertretungen erstattet.

Aufgrund unsachlicher Postings wurde das Forum gesperrt.

Video

Akademikerball: Erst ruhig, dann Krawalle in Wien Neubau

Die Demo-Nacht in Bildern

Bei den Demonstrationen gegen den Akademikerball am Freitagabend ist es zu Ausschreitungen gekommen. Mindestens 35 Personen wurden festgenommen. Die meisten Scharmützel hat es im Bereich des Volkstheaters/ Museumsquartier gegeben. Hier wurden auch mehrere Taxis von Demonstranten am Weiterfahren gehindert. Ein Polizist ist durch einen explodierenden Böller verletzt worden. Auseinandersetzung in der Neustiftgasse. Sitzstreik beim Volkstheater. Parkbänke und Blumentröge wurden umgeworfen. Die Wiener Polizei sprach von ca. 5000 Demonstranten. Gespannte Ruhe am Heldenplatz am frühen Abend. Spontandemo trotz Verbotes: 100 Teilnehmer ziehen zum Burgtheater. Dort verläuft sich die Menge. Viel Lärm und Licht um nichts? Die Lage war anfangs ruhiger als erwartet. Die Polizei war nach den Krawallen vom letzten Jahr heuer bestens gerüstet. Die Polizei rechnete bei den insgesamt 14 angemeldeten Kundgebungen mit 6000 Demonstranten. Und viele kamen auch, ob es zu den befürchteten Ausschreitungen kommt, war schwer abschätzbar. Kundgegeben wurde auch bei diesem schlechten Wetter. "Nazis raus" steht auf Transparenten. Versammlung bei der Wiener Uni. Die ersten Besucher des Balls treffen  ein.
Salomonisch

Antifaschistische Kämpfer mit reichlich schrulligen Thesen

In ein paar Jahrzehnten werden sie – in Ehren ergraute Soziologen, Politologen etc. – den Enkeln von ihren antifaschistischen Heldentaten erzählen. Wie sie Jagd auf Burschenschafter im Frack gemacht, Damen ihre Ballfrisur zerstört haben und mit der Polizei Katz und Maus gespielt haben. Und wie sie die Gesellschaft durch das Abbrechen von Autospiegeln verändern wollten.

Die Kämpfer können nur hoffen, dass ihre Enkelkinder nie Fotos und Originaltexte von 2015 zu Gesicht bekommen werden. Im besten Falle könnten sich Alt und Jung gemeinsam über den aufgeplusterten, pseudointellektuellen Unsinn von "NOWKR" lustig machen.

Da ist davon die Rede, dass die "Rechte" drohe, "die Zumutungen und Gewalthandlungen des Kapitalismus noch zu steigern". Der Kapitalismus sei "nicht dazu eingerichtet, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, sondern Profit zu schaffen".

Hallo? Haben wir in Europa (wo der böse Kapitalismus ja jetzt auch noch in den Oststaaten wütet) nicht satte 50 Prozent aller weltweiten Sozialleistungen, obwohl hier nur sieben Prozent der Weltbevölkerung und nur 25 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung existieren?

Der Sprecher von NOWKR bezeichnete seine Gruppe in einem SN-Interview als "antiautoritäre Kommunisten". Soll das jetzt dialektisch sein? Der Kommunismus ist ja per se autoritär und hat in der Praxis Massenelend, millionenfachen Mord und einen brutalen Polizeistaat gebracht.

Kommunistische Realität

In Russland hätten die NOWKR-Spaßvögel wahrscheinlich keine einzige Demo veranstaltet – und wenn doch, dann hätte man in jahrelanger Haft seine Ziele "überdenken" können. Der angeschlossene "Frauen-Lesben-Inter-Trans*-Block" würde vermutlich in einem ziemlich ungemütlichen sibirischen Umerziehungslager dunsten. Und es ist fraglich, ob sich so viele Menschen aus anderen Ländern so mutig dem "linksradikalen" (Eigendefinition) Netzwerktreffen angeschlossen hätten. Dagegen haben wirkliche Helden wie Vaclav Havel oder Lech Walesa gewaltfrei demonstriert.

So groß der "antifaschistische" Furor auch ist, das Objekt der Erregung scheint ein wenig beliebig gewählt zu sein. Viele Jahre war der Opernball das Ziel der radikalen Gschnas-Linken. Jetzt ist es halt der Ball der nationalen Burschenschafter, der davor jahrzehntelang ebenso unbeachtet wie unbehelligt stattfinden konnte. Unsere Demokratie wird dieses Tanzvergnügen aushalten. Die aggressive Bekämpfung macht ihn in Wahrheit tausend Mal wichtiger, als er ist.

Der ohnehin verhaltensoriginellen Hochschülerschaft, den Jusos (die der SPÖ längst entglitten sind) und auch Teilen der Grünen kann die Solidarität mit den aggressiven Antifa-Kämpfern durchaus auf den Kopf fallen.

Ein bisschen Stadtkrieg

Das hat übrigens auch der schlaue Grüne Peter Pilz erkannt und auf Facebook geschrieben: "Liebe NOWKR- Herrschaften … Es geht nicht um Antifaschismus, es geht euch nur um euch selbst. Ihr wollt ein paar Stunden Stadtkrieg spielen und euch wichtig machen. Dass ihr damit nur die FPÖ wichtig macht, ist euch egal. Ihr könnt euch sicher sein: Wir gehen euch nicht in die Soli-Falle." Endlich mal ein wirklich guter Pilz-Kommentar!

(kurier) Erstellt am