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Chronik Wien
07/17/2021

Pappelteich-Patriotismus: Rettung eines Liesinger Wahrzeichens

In Mauer gilt ein versteckter Teich als Nabel der Welt. Nun wird er mit einer Wasserleitung vor der Austrocknung bewahrt.

von Agnes Preusser

Rein am Papier klingt der Pappelteich im Maurer Wald nicht sehr spektakulär. Er ist ein 500 Quadratmeter großer Tümpel – noch dazu wie ein Schwimmbecken in grauen Beton eingefasst.

Planschen kann man in ihm trotzdem nicht, weil er zugewachsen ist. Und am Rand gibt es hauptsächlich Matsch.

Trotzdem gehen in Liesing jedes Jahr im Sommer die Wogen hoch, weil der Pappelteich vom Austrocknen bedroht ist. Nun haben der Bezirk und die zuständige MA 45 (Wiener Gewässer) angekündigt, dem mit einer permanenten Wasserleitung entgegenzuwirken.

Besonders die Bewohner des Bezirksteils Mauer hatten im Vorfeld Druck gemacht, um ihr Wahrzeichen zu retten. Nicht umsonst gilt dort „Mauer liegt am Pappelteich, rundherum liegt Österreich“ als geflügelte Redewendung.

Böse Zungen behaupten, dass die Bewohner der früher selbständigen, schwarzen Ortschaft Mauer es bis heute nicht überwunden haben, dass sie im 2. Weltkrieg in Wien eingemeindet wurden und jetzt zum tiefroten Liesing gehören.

Der Pappelteich-Patriotismus wird daher bis heute hochgehalten.

Doch die Grätzelliebe ist nicht der einzige Grund für die Anziehungskraft des Pappelteichs. Um seinen Zauber zu verstehen, muss man ihn aufsuchen.

Kraftort

Schon in der Früh sitzen Menschen um ihn herum – teilweise auf dem Beton am Ufer, teilweise auf Bänken. Keiner spricht, jeder lässt das Gewässer auf sich wirken, das in seiner Schlichtheit fast so etwas wie Stärke ausstrahlt.

Ja, der Teich ist verwachsen. Aber zwischen Schilf und dem, was nicht-Biologen wohl meist als grausliche Wasserpflanzen bezeichnen, gibt es Seerosen in mehreren Farben – und viele andere Pflanzen und Tiere

Stille Wasser sind tief, sagt man. Im wörtlichen Sinn ist der Pappelteich zwar nicht tief, weil er von der Austrocknung bedroht ist . Aber im übertragenen Sinn ist er es schon – er hat nämlich weit mehr zu bieten, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Laut Naturschutzbericht der Stadt Wien aus dem Jahr  2015 weist der Teich trotz seiner geringen Größe eine „erstaunlich hohe Artenvielfalt“ auf. 

Man findet dort etwa die streng geschützten Pflanzen Seerose und Krebsschere, aber auch zahlreiche Vertreter der wirbellosen Tiere. Außerdem ist er ein wichtiges Amphibien­Laichgewässer.

Unter anderem sind hier Erdkröten, Teichmolche und Gelbbauchunken beheimatet.  Wenn (Haus-)Tiere ausgesetzt werden, stellt das allerdings ein Problem für Flora und Fauna dar. Das geht  aus einem Bericht des Biosphärenparks Wienerwald hervor, in dem der Pappelteich angesiedelt ist.

Goldfische seien  eine große Gefahr  – für Molche, Frösche und Libellen, da sie deren Eier und Larven fressen.  Sie sind nicht die einzigen Tiere, die zwangsweise in einen unwirtlichen Lebensraum  umgesiedelt wurden. Auch Schildkröten und Wasseragamen, die oft Wasserdrachen genannt werden,  wurden bereits dort „entsorgt“, heißt es.  

„Ich liebe den Pappelteich einfach“, sagt eine Ausflüglerin. „Ich komme das ganze Jahr über hier her und sehe mir an, wie sich die Natur verändert.“

Verändert hat sich das Gewässer schon öfter – nicht nur durch die Jahreszeiten hindurch. Der Teich taucht auf historischen Plänen das erste Mal im 18. Jahrhundert auf, damals noch unbetoniert und unter dem Namen Mackteich, benannt nach einer Hofjuweliersfamilie.

Das erzählt Wolfgang Mastny, Obmann der Maurer Heimatrunde. Diese setzt sich seit mehr als zehn Jahren mit der Historie von Mauer auseinander.

„Der Teich war damals schon ein beliebtes Ausflugsziel“, sagt Mastny. Maurer und „Sommerfrischler“ pilgerten dorthin. Mit Zirkussen und Ringelspielen etablierte sich in den heißen Monaten beim Teich die sogenannte „Maurer Lust“.

Das Betonkorsett bekam der Teich schließlich im 2. Weltkrieg – als Schwimmbecken für die Soldaten der (nie fertiggestellten) Luftnachrichtenkaserne am Georgenberg beziehungsweise des Barackenlagers, das am heutigen Parkplatz stand.

Nach dem Krieg blieb der Pappelteich ein beliebtes Ausflugsziel. „In den 50er- und 60er-Jahren gab es Kolonnen von Fußgängern, die zum Pappelteich pilgerten“, sagt Ernst Paleta, selbst Maurer und Bezirksrat von Pro23, der sich seit 2018 für die Bewässerung des Tümpels einsetzt.

Früher konnte man im Winter dort sogar Eislaufen. Und im Sommer eben auch schwimmen. „Aber nur heimlich, wenn meine Mutter nicht dabei war. Die hätte das damals verhindert“, so Paleta.

Durch Müll, der dort abgelagert wurde, wäre die Verletzungsgefahr hoch gewesen. Illegale Müllentsorgung in dem Gewässer ist bis heute ein Problem.

Im Herbst wird der Pappelteich ein weiteres Mal verändert – und bekommt eine eigene Wasserleitung. „Wir haben lange über Sinn oder Unsinn dieses Unterfangens mit den Sachverständigen debattiert“, sagt Bezirksrat Wolfgang Ermischer (SPÖ). Nicht alle finden es sinnvoll, so einen Aufwand für ein Biotop zu betreiben.

Im Endeffekt habe man sich aber für den Erhalt des Wahrzeichens entschieden. Die Pläne der MA 45 sehen eine Leitung mit zwei Trinkwasserhydranten für die Besucher vor.

Die Leitung wird in einer Tiefe von rund 40 Zentimetern verlegt und verläuft vom Parkplatz über den Spielplatz bis zum Pappelteich.  Bis zur Errichtung wird der Teich mittels Tankwagen aufgefüllt, heißt es von der MA 45.

Somit ist das Zentrum der Welt – zumindest aus Sicht der Maurer – also vorerst gerettet.

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