© Christoph Schwarz

Chronik Wien
10/26/2020

Nationalfeiertag: Eine kleine Kapitulation vor dem Virus

Ab sofort gelten wieder strengere Corona-Regeln. Erste Leidtragende: die traditionelle Heeresschau.

von Christoph Schwarz, Teresa Sturm

Ein kleiner Spalt zwischen zwei Bauzäunen. Viel mehr blieb all jenen Österreichern, die sich am gestrigen Montag auf den Wiener Heldenplatz wagten, nicht. Denn die traditionellen Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag fanden dieses Jahr (fast) unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Die Debatten über die teure Leistungsschau waren bereits in den vergangenen Jahren groß, im Vorjahr gipfelten sie in einer Fast-Absage. Am Ende konnten aber selbst die größten Budgetnöte der Veranstaltung nichts anhaben.

Erst vor dem Virus musste nun auch das Bundesheer kapitulieren. Und das ausgerechnet zum 25-Jahr-Jubiläum der Veranstaltung.

Ab sofort gelten in Österreich wieder strengere Corona-Regeln (siehe unten) – die Leistungsschau zählte zu den ersten Leidtragenden. Bis zu einer dreiviertel Million Besucher strömen in normalen Jahren auf den Heldenplatz, an die 1.000 Rekruten wurden vergangenes Jahr im Beisein der Staatsspitze angelobt. Voller Stolz zeigt sich das Heer hier mit all seinem Gerät.

Zu sehen gab es all das dieses Jahr nur im Fernsehen und im Internet – und selbst dort nur in einer stark abgespeckten Variante. Das schwere Gerät ließ das Heer in den Kasernen, statt hunderten Rekruten marschierten nur zwölf Auserwählte zur Angelobung auf – darunter eine Frau.

Wer sich der Bitte, zu Hause zu bleiben, widersetzte, für den gab es auf dem Heldenplatz selbst dann tatsächlich wenig zu sehen. Die Organisatoren setzten auf ein visuelles Abschreckungsmanöver: Das gesamte Areal war mit Zäunen abgesperrt und mit blickdichten Transparenten des Heeres verhangen. „Wir schützen Österreich“ stand darauf zu lesen. Ein Motto, das an diesem Tag eine völlig neue Bedeutung erhielt.

Wer dennoch einen Blick auf Soldaten und die anwesenden Spitzenpolitiker erhaschen wollte (und keine Lücke in den Bauzäunen mehr fand), dem blieb nur die Reiterstatue vor der Nationalbibliothek. Dutzende Schaulustige erklommen den Sockel, auf dem üblicherweise Prinz Eugen ganz alleine hoch zu Ross thront.

Zu hören gab es dennoch nichts. Auch das war Teil der Strategie, die Menschen vom Mitfeiern vor Ort abzuhalten. Die Reden während der Angelobung wurden nicht laut übertragen, nur die Klänge der Militärmusik hallten von den Fassaden wider.

Einschwören

Der gesamte Festakt, beginnend mit der morgendlichen Kranzniederlegung und dem traditionellen Sonderministerrat, stand im Zeichen von Corona. Die heimische Spitzenpolitik – von Bundespräsident, Kanzler und Wiener Bürgermeister abwärts – beschwor den Zusammenhalt und stimmte die Bevölkerung auf die kommenden schwierigen Krisenmonate ein. Und das mit durchaus klaren Worten: „Die Lage ist sehr, sehr ernst“, sagte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) nach dem Ministerrat (siehe unten).

Ein „neues Wir“ beschwor wenig später auf dem Heldenplatz Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ): „Wir halten räumlich Distanz, nicht soziale Distanz“. Österreich sei immer am stärksten gewesen, wenn die Menschen zusammengehalten haben.

Auch Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) forderte im Kampf gegen die Pandemie den Zusammenhalt der Bevölkerung ein: „Unser Heer wird immer für uns da sein“, so Tanner. Den Sieg gegen den unsichtbaren Feind könne das Heer aber nicht erringen, wenn nicht die gesamte Bevölkerung mitmache und die Maßnahmen gegen Corona mittrage.

Die Disziplin der Bevölkerung war – zumindest am Heldenplatz – an diesem Tag hoch. Mehr zu tun hatte die Polizei da schon vor der Oper, wo mehrere hundert Corona-Leugner, Maskenverweigerer und Impfgegner demonstrierten. Bei der Polizei sieht man den Verschärfungen insgesamt aber gelassen entgegen: Man setze vor allem auf Kommunikation und wolle „nicht überfallsartig Leute auf der Straße kontrollieren“, heißt es. Nur dort, „wo keine Einsicht gegeben ist“, werde man mit Organmandaten und Anzeigen handeln.

Der Blick durch den Bauzaun, der blieb gestern jedenfalls straffrei.

Gastronomie
Ohne zugewiesene Sitzplätze dürfen im Innenbereich nur noch sechs Personen, im Freien nur 12 Personen an einem Tisch sitzen. Die Anzahl der zusätzlichen Kinder (bis 18 Jahre) darf so oder so  sechs Minderjährige nicht übersteigen

Abstand
Beim Betreten öffentlicher Orte ist gegenüber Personen, die nicht im gemeinsamen Haushalt leben, ein Abstand von mindestens einem Meter einzuhalten

Veranstaltungen
Events mit mehr als sechs bzw. zwölf Personen dürfen nur mit zugewiesenen Sitzplätzen stattfinden, und müssen bei der Gesundheitsbehörde angezeigt werden. Zudem muss ein Präventionskonzept ausgearbeitet und umgesetzt werden

Private Proben
Neu geregelt sind nun auch Proben und Aufführungen von Chören und Musikkapellen. Im Amateurbereich dürfen künftig nur noch sechs Personen indoor und zwölf Personen outdoor teilnehmen

Alten- und Pflegeheime
Es gilt Maskenpflicht für Besucher und Personal, Neuzugänge müssen getestet werden

Begräbnisse
An Begräbnissen dürfen künftig nur noch bis zu 100 Personen teilnehmen - bisher waren es 500

Sport
Der Mindestabstand ist bei der Sportausübung wieder verpflichtend. Ausgenommen sind Kontaktsportarten

Alkohol im Freien
Nach der Sperrstunde dürfen alkoholische Getränke im Umkreis von 50 Metern um Betriebsstätten nicht konsumiert werden

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