Im Park ist man nachts unbeobachtet - das zieht neuerdings vermehrt Gruppen an. 

© Kurier/Jeff Mangione

Reportage
05/01/2021

Nachts im Schlosspark Schönbrunn: Ein Stück Freiheit im Lockdown

Hinter den Mauern und Hecken des Schlossparks ist man abends unbeobachtet. So manche Besucher nutzen das im Lockdown aus – und lassen sich unerlaubterweise einsperren.

von Stefanie Rachbauer

Die beiden jungen Männer auf der Parkbank bei der Gloriette sind gut ausgestattet. Am Schotter vor ihnen stehen zwei Flaschen mit Tonic und eine mit Gin. Aus einem Sackerl lugt noch eine Flasche Wein hervor. Immerhin wollen sie mindestens so lange bleiben, bis die Scheinwerfer der Gloriette ausgehen.

Sogar richtige Gläser haben die zwei mitgebracht. Und aus diesen trinken sie – mit Panoramablick: Vorne das Schloss, darüber der Abendhimmel, dahinter die Stadt, in der die ersten Lichter angehen.

Improvisierte Bars wie diese erblickt man einige: Auf mehreren Bänken und auf der Wiese sitzen junge Menschen zusammen. Sie hören Musik aus der Boombox, plaudern und trinken. Sperrstunde ist hier noch lange nicht – auch wenn das gegen die Regeln ist.

Der Schlosspark ist ein Lustgarten und dient damit per Definition der „Erholung und Erfreuung der Sinne“. Das wusste bereits Maximilian II., während dessen Regentschaft die Anlage in kaiserlichen Besitz gelangte.

Und das ist Wienern noch heute wohl bekannt – gerade im Lockdown. Dieser fördert eine Beschäftigung, die in Lustgärten Tradition hat: das Versteckspiel.

Einziger Ausweg

Wenn abends die Parktore abgesperrt werden, dann bleiben so manche Besucher ganz bewusst auf dem Hügel sitzen. Hier, hinter den Mauern, Zäunen und Hecken des Schlossgartens kann man sich abends ungestört treffen.

Oder, um es mit den Worten einer Maturantin zu sagen: „Die Polizei ist zu faul, hier heraufzukommen.“ Um frei zu sein, lässt man sich also einsperren.

Die junge Frau sitzt mit sechs Mitschülern auf einer Picknickdecke im unteren Teil der Wiese. Rundherum: Bierflaschen und Süßigkeiten-Sackerln.

Die Zusammenkunft besteht aus mehr als zwei Haushalten und ist damit eigentlich verboten. „Wir sind alle getestet“, sagen die Schüler. „Uns bleibt keine Wahl. Irgendwo müssen wir uns treffen, ohne Kontakt wird man verrückt.“

Öffnungszeiten 
Von Mai bis Juli ist der Schlossgarten laut Parkordnung von 6.30 bis 21 Uhr geöffnet. Dann werden die meisten Tore zugesperrt. Eine Stelle, an der man  immer hinauskommt, ist beim Wächter am Haupttor. Ganz abgeriegelt werden kann der Park wegen der Wohnungsmieter nicht. Auf der Wiese liegen darf man eigentlich nicht – derzeit nehmen es die Bundesgärten mit dieser Bestimmung aber nicht so genau. 

Strafen
Wer außerhalb der Öffnungszeiten im Park erwischt wird, begeht eine Verwaltungsübertretung. Laut Bundesgärten setzt  die Polizei vor allem auf Ermahnungen und eskortiert nächtliche Besucher mitunter aus dem Park. Strafen kann es bei  Sachbeschädigungen und Verstößen gegen die Corona-Regeln setzen. 

Die Gruppe hat sich im Lockdown schon oft hier verabredet, an manchen Abenden blieb sie bis Mitternacht: „Wenn uns kalt wird oder wir keine Lust mehr haben, gehen wir halt“, erzählt eines der Mädchen. Erwischt worden seien sie noch nie.

Begrenztes Verständnis

Bei den Bundesgärten bestätigt man, dass sich neuerdings gehäuft Gruppen im Schlosspark einsperren lassen. Darauf aufmerksam wurde man durch Beschwerden über Lärm von Mietern der Wohnungen im Schloss.

Unterbinden könne man das Phänomen aber nicht. Und man hat sogar Verständnis: „Das geht einher mit einem generell gesteigerten Nutzungsdruck an Grünräume“, sagt Direktorin Katrin Völk. „Vor allem für Jugendliche gibt es kaum Möglichkeiten, einander zu sehen und sich zu bewegen.“

Problematisch seien die Treffen dann, wenn es zu Müllbergen oder Vandalenakten komme.

Die Füchse kommen heraus

Die nächtlichen Besucher sind nicht das einzige Phänomen, das der Lockdown dem Schlosspark gebracht hat. War er früher vor allem für die zutraulichen Eichkätzchen bekannt, sind jetzt häufig Füchse aus der Nähe zu sehen.

Weil kaum Touristen da sind, ist es im Park insgesamt ruhiger geworden: Die Tiere trauen sich nun eher aus dem Dickicht – und auf bis zu zwei Meter an Menschen heran, erzählt ein biertrinkender Mann.

„Ganz in der Nähe gibt es ja noch den Maxingpark. Der ist zwar klein, aber hat immer offen“, sagt er. Und trotzdem treffe man sich lieber im abgeriegelten Schlosspark. Die kaiserliche Abgeschiedenheit punktet eben.

Achtung, Kontrolle

Unten, bei den Blumenrabatten vor dem Schloss, sind inzwischen die Wassersprinkler angegangen. Aus dem nahen Zoo sind ab und zu Tiergeräusche zu vernehmen. Alles ist friedlich – bis oben bei der Gloriette ein Polizeiauto vorfährt.

Die Schülergruppe packt hektisch zusammen. „Sollen wir in den Wald laufen?“, fragt ein Bursch. Eines der Mädchen bleibt entspannt: „Wartet, die kommen save nicht herunter.“

Es soll recht behalten: Nach wenigen Minuten fährt das Auto davon und die Jugendlichen nehmen wieder Platz.

Sie haben den Park jetzt ganz für sich: Die anderen Nachtschwärmer sind wegen der Polizei abgezogen - die meisten davon vermutlich über das Haupttor am wohl wenig erfreuten Wächter vorbei.  

Auch die beiden Gin-Tonic-Trinker auf der Bank sind weg. Bis zum Ausschalten der Scheinwerfer hat es dann doch nicht ganz gereicht.

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