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Chronik Wien
06/30/2021

Mordfall Leonie: Was wir wissen – und was noch offen ist

Fahndung nach drittem Verdächtigen. Afghanen liegen bei der Kriminalstatistik sehr schlecht. Ein Experte erklärt die Ursachen. Die Politik plant einen runden Tisch

von Dominik Schreiber, Markus Strohmayer

Die Polizei ist mit Details zu der Tötung der dreizehnjährigen Niederösterreicherin Leonie extrem zurückhaltend. Auch von den Tatverdächtigen kommt den Ermittlern gegenüber Schweigen: Während der 18-jährige mutmaßliche Mörder entschieden alles bestreitet, sagt sein möglicher, 16-jähriger Komplize gar nichts.

Vor Untersuchungshaft

Die beiden Verdächtigen wurden in die Justizanstalt Josefstadt überstellt, die Verhängung der Untersuchungshaft dürfte ein formaler Akt sein. Inzwischen wird auch nach einem dritten Verdächtigen gefahndet, es dürfte sich um den Bruder des 18-Jährigen handeln. Offiziell wurde dies weder bestätigt noch dementiert.

Wobei das Alter der jungen Männer durchaus noch überprüft werden könnte. Immer wieder machen sich Flüchtlinge absichtlich jünger, um als Minderjährige durchzugehen. Kommt es zu einem Prozess, dann wird die Staatsanwaltschaft wohl das Gutachten eines forensischen Anthropologen anfordern, wie in derartigen Fällen durchaus üblich. In einem sogenannten Ehrenmord-Fall in Wien wurde so ein Jugendlicher zum Erwachsenen und entsprechend härter bestraft.

Der Fall wirft aber auch die Frage auf, wie zwei junge Afghanen dazu kommen, allein in einer Gemeindewohnung zu sein und dort offenbar eine Drogen-Verteilerstelle einzurichten. Zuständig für die Wohnung ist die Kinder- und Jugendhilfe (MA11). Laut Nachbarn hatten zuvor Syrer dort gewohnt, diese seien unauffällig gewesen.

Dass die MA11 junge Asylwerber in Wohnungen unterbringt, ist nicht untypisch. Älteren Jugendlichen würden demnach im Zuge der „Verselbstständigung“ kleine Wohnungen zur Verfügung gestellt. Unter Berücksichtigung der individuellen Lebenslage werden diese auch an Minderjährige vergeben, heißt es beim Magistrat. Sozialpädagogen stünden aber unterstützend zur Seite.

Um eine der 86 Wohnungen zu bekommen, – nicht alle gehen an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – müssen die Jugendlichen über „ein Mindestmaß an Verlässlichkeit, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung verfügen“, heißt es von der MA11, die auch die Kosten für die Wohnungen trägt.

Dort zeigt man sich nun tief betroffen: „Wir sind fassungslos! Unser Mitgefühl gilt der Familie des 13-jährigen Mädchens.“

Viermal so kriminell

Fest steht, dass der Anteil an Afghanen in der Kriminalstatistik vergleichsweise hoch ist. Laut einer Erhebung des Instituts für Höhere Studien (IHS) sind Afghanen in Österreich um das Vierfache krimineller als der Durchschnitt.

Nur die hier lebenden Tschetschenen sind in Relation noch stärker vertreten. Afghanen sind besonders auffällig bei Sexual- und Eigentumsdelikten.

Kriminalsoziologe Norbert Leonhardmair führt dies vor allem darauf zurück, dass aus Afghanistan fast durchwegs männliche Jugendliche kommen. Die Gruppe der strafmündigen Afghanen, die älter als 14 Jahre sind, umfasste 2018 rund 25.000 männliche und nur 10.000 weibliche Personen. Jugendliche seien zudem auch in Österreich in der Kriminalitätsstatistik überrepräsentiert.

„Der Anteil junger, männlicher, bildungsferner Personen ist groß“

Norbert Leonhardmair | Kriminalsoziologe

Das oft genannte Argument des Kriegstraumas sei jedoch eher zu vernachlässigen, meint der Experte. Man müsse nur zum Vergleich die Syrer oder Iraker anschauen, die trotz verheerender Kriege bei der Kriminalität eher unterrepräsentiert sind. Der Unterschied sei allerdings, dass die Bildung in Afghanistan niedriger sei, dies habe ebenfalls eine Auswirkung. „Und man muss sagen, dass dort das Ehrgefühl offenbar auch ein sehr wichtiges Thema ist“, betont Leonhardmair. Er betont aber auch, dass einige wenige für sehr viele Delikte verantwortlich sind.

4-mal krimineller
als der Durchschnitt sind Afghanen in Österreich

Jung und männlich
sind die afghanischen Einwanderer in Österreich. Die Gruppe der strafmündigen Afghanen über 14 Jahre umfasste 2018 rund 25.000 männliche und 10.000 weibliche Personen

64 %leben in Mietwohnungen,
die restlichen afghanischen Migranten sind in Gruppen- oder in Flüchtlingsunterkünften untergebracht. Das Problematische daran: Dort besteht ein hohes Risiko des Einstiegs in kriminelle Tätigkeiten   

Die IHS-Studie zeigt außerdem, dass Menschen aus Afghanistan überdurchschnittlich oft in Gruppen- oder in Flüchtlingsunterkünften untergebracht sind. Das Problem: Hier besteht ein hohes Risiko des Einstiegs in kriminelle Tätigkeiten.

Polizeianalysen haben ergeben, dass die Kriminalitätsbereitschaft rund vierhundert Tage nach der Einreise stark ansteigt. Zu diesem Zeitpunkt werden oft die Asylanträge abgelehnt, dann gibt es wenig Motivation, sich bis zur Abschiebung gut zu verhalten. Außerdem gibt es für diese Gruppe wenig Betreuung.

Nach solchen Taten werden meist repressive Maßnahmen gefordert oder umgesetzt. Über deren Wirksamkeit könne man aber durchaus diskutieren, gibt Leonhardmair zu bedenken.

Kanzleramtsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) beruft für heute, Donnerstag, jedenfalls einen runden Tisch ein. Eingeladen sind Experten aus den Bereichen Jugend, Frauen, Psychologie und Arbeit.

Edtstadler betonte aber auch, dass sie auf schnellere Abschiebungen setzen möchte - wenn nötig, auch im laufenden Verfahren, wenn ein Asylwerber straffällig wird. 

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