© APA/AFP/ADEK BERRY

Mehr Platz
06/30/2021

Afghanen in Österreich: Männlich, jung, kriminell?

Die Community leidet nicht nur unter einem schlechten Image wegen hoher Kriminalität. Es gibt auch überdurchschnittlich hohe Leistungen.

von Philipp Wilhelmer

Die Frage, wer sich aller in Österreich aufhält, beschäftigt spätestens seit den großen Fluchtbewegungen im Jahr 2015 Integrationsskeptiker wie -befürworter. Ganz oben auf der Liste: Junge Männer aus Ländern wie Afghanistan, die als unbegleitete Minderjährige um Asyl ansuchten und aufgrund ihrer Herkunft auf viele Vorbehalte stießen. Wer sind die Afghanen in Österreich? Was zeichnet sie aus? Eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) gibt einen Überblick. Das Fazit: Viel Schatten, viel potenzielles Licht.

Wenige Frauen

Afghanen sind vorwiegend jung und männlich. Vergleicht man sie mit der Gruppe der ebenfalls immer wieder in Verruf geratenen russischen Zuwanderer (hierbei handelt es sich vor allem um Tschetschenen, die zur russischen Föderation zählen), ist das Geschlechterverhältnis deutlich verschoben: Die Gruppe der strafmündigen AfghanInnen, über 14 Jahre umfasste 2018 rund 25.000 männliche und 10.000 weibliche Personen. Im selben Jahr sind rund 10.000 männliche und 15.000 weibliche strafmündige Personen aus der russischen Föderation in Österreich aufhältig.

Schlechte Wohnungen - schlechtes Umfeld

Die Wohnverhältnisse sind schlecht: 2016 lebten 64 Prozent der Menschen aus Afghanistan in einer Mietwohnung. Bei den Russen (Tschetschenen) lag die Quote bei 91 Prozent der RussInnen in einer gemieteten Wohnung, ob nun alleine oder im Familienverbund. Laut Studie heißt das, dass Menschen aus Afghanistan überdurchschnittlich oft in Gruppenunterkünften oder in Flüchtlingsunterkünften untergebracht sind. Das Problem: Hier besteht ein hohes Risiko des Einstiegs in kriminelle Tätigkeiten. Vereinfacht gesagt: Wer so haust, wird schneller zum Verbrecher.

Vier mal so kriminell, aber gut integriert

Die Kriminalitätsrate unter afghanischen Zuwanderern ist entsprechend hoch: Im Studienbeobachtungszeitraum (2018) stieg der sogenannte Belastungsindikator bis 2015 auf das fünffache der Durchschnittsbevölkerung an, sank danach auf das vierfache. Vereinfacht gesagt sind Afghanen in Österreich um das vierfache krimineller als der Durchschnitt. 

Die Gerichte urteilen in ihrem Fall durchwegs härter: Im Vergleich zu anderen Zuwanderergruppen werden sie öfter verurteilt. Das geringere Mittel der Diversion (zum Beispiel außergerichtlicher Tatausgleich) kommt laut Studie "unterdurchschnittlich" oft zum Einsatz. Wer hingegen eine Chance auf ein Erwerbsleben bekommt, nutzt sie auch, schreiben die Studienautoren: Afghanische Männer absolvieren öfter eine Lehre und vermögen sich im Vergleich zu anderen Zuwanderungsgruppen relativ rasch beruflich zu integrieren.

"Sich selbst überlassene Gruppen"

Eindeutig ist die Aussage der Studie, was die Frage von Sexualverbrechen durch junge afghanische Männer und Jugendliche angeht: "Es handelt sich oft um Delikte (räumlich) isolierter und sich selbst überlassener Gruppen männlicher Jugendlicher und Erwachsener ohne Tagesstruktur. Der Mangel an Kontakt zu disziplinierenden/sozialisierenden Instanzen, wie Schule, gleichaltrigen InländerInnen gilt als 'besonderer Risikofaktor'".

Was Sexualdelikte angeht, sind Afghanen in der Statistik in Relation zum Bevölkerungsschnitt stark auffällig (Faktor 12). Allerdings mit einer geringen Gesamtzahl an Delikten: Im Berichtsjahr 2018 wurden im Bundesgebiet insgesamt, strafunmündige und strafmündige Personen, rund 3.600 Anzeigen gegen ÖsterreicherInnen und rund 2.000 gegen Personen mit einer anderen Staatsbürgerschaft eingebracht, darunter 280 gegen Afghanen.

Risiko Drogenhandel

Im Bereich der Suchtmittelkriminalität sind afghanische Staatsangehörige bezogen auf ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung ebenfalls überdurchschnittlich belastet (Belastungsindikator bis Faktor 9), vor allem auch im Vergleich zu anderen Zuwanderungsgruppen. Die Fallzahlen sind hier mit 2.200 im Jahr 2018 viel höher als im Vergleich zu Sexualdelikten. Hier sehen die Studienautoren ein hohes Problem: "Die Suchtmittelkriminalität männlicher Afghanen erscheint potenziell auch als längerfristig problematisch, zumal die Gefahr des Abgleitens in manifeste Kriminalitätskarrieren besteht." Entsprechend wird hier Präventionsarbeit empfohlen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.