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Chronik Wien
08/23/2020

Warum der Meidlinger Markt plötzlich der Beste ist

Er galt schon als abgeschrieben, jetzt ist der Meidlinger Markt Vorbild für alle Wiener Märkte

von Julia Schrenk

Seit Neuestem gibt es Bio-Pastrami am Meidlinger Markt. Und Bio-Eis aus Kilb, Niederösterreich. Und Eingelegtes vom Stekovics aus dem Burgenland.

Am Dienstag hat am Meidlinger Markt das „Heu & Gabel“ aufgesperrt, ein Feinkostladen mit Stadtheurigem, betrieben von Katharina und Mario Schinner-Krendl. Die ehemalige SPÖ-Gemeinderätin kandidiert nicht mehr für die Wahl am 11. Oktober, stattdessen hat sie sich selbstständig gemacht.

In ihrem Stadtheurigen serviert sie Brettljause und Aufstrichplatte, alles mit regionalen Produkten aus heimischer Erzeugung. Es gibt Hartwürste vom burgenländischen Steppenrind, Mangalitza-Salami vom Thum, bio Roast Beef aus dem Weinviertel und marokkanische Merguez-Würste von Nuran (dem Fleischer am Markt).

Außerdem wird Frühstück serviert, täglich gibt es ein „Street Food des Tages“ (das ist ein kleines Mittagsmenü) und eben Bio-Eis. Und zwar durchaus mit Sorten, die man in Wien sonst nirgends oder selten bekommt: Dirndl zum Beispiel. Oder Birne.

„Wir waren schon immer sehr Lebensmittel-affin“, sagt Katharina Schinner-Krendl. Und jetzt, wo sie nicht mehr als Gemeinderätin kandidiert, habe sich das mit dem Stand perfekt ergeben.

Markt mit Haube

Für Lebensmittel-Aficionados ist der Meidlinger Markt längst kein Geheimtipp mehr. Fleisch von Nuran, Käse von Anna (am Markt), Brot von Furat (aus dem Holzofen). Seit Dezember trägt der Meidlinger Markt auch Haube.

Da eröffnete Bauträger Hans Jörg Ulreich die Wirtschaft am Markt, Küchenchefin ist Heidi Ratzinger, die ob des Standorts anfangs durchaus ihre Zweifel hatte.

Denn der Meidlinger Markt war früher nicht gerade ein Aushängeschild. Man brachte ihn in Verbindung mit Dosenbier am Vormittag und mit Billigware.

Bis im Mai 2012 Christian Chvosta das „Milchbart“ eröffnete, ein Lokal mit Bar. Chvosta war „der erste Bobo am Markt“ (wie er selbst sagte). Und so mancher hat in seinem Lokal die Idee vom eigenen Stand geboren.

Seit Jänner 2019 ist Chvosta weg, sein Geist ist geblieben.

Jetzt ist der Meidlinger Markt ein Musterschüler. In der Fachgruppe Märkte in der Wiener Wirtschaftskammer wurde er jetzt sogar zum „Pilotmarkt“ auserkoren. Welche Initiative auch immer getestet wird, man schaut zunächst, ob sie in Meidling funktioniert.

Liefer-Moped, Abholbox

Das war etwa kurz nach dem Corona-Lockdown so, als die Wiener Märkte ein Bestell- und Lieferservice ins Leben gerufen haben.

Der neue Obmann in der Fachgruppe, Markus Hanzl, will jetzt die Märkte einer Digitalisierungsoffensive unterziehen. Erster Schritt: Die Märkte haben jetzt eine Website (www.markt.wien), jeder Marktstandler bekommt eine eMailadresse (vorname.nachname@markt.wien).

Das soll nicht nur das Bestellen einfacher machen, sondern auch jenen Markstandlern, die mit Onlinevermarktung nicht so vertraut sind, die Möglichkeit zur Präsentation ihrer Produkte geben.

Jeder Stand soll auf markt.wien aufgelistet werden – mit Foto, Adresse, Öffnungszeiten, den zehn wichtigsten Produkten und Angabe von Telefonnummer und eMail-Adresse. Dass zuletzt das Meidlinger Liefer-Moped abgeschleppt wurde (wegen Falschparkens), soll der Aufbruchstimmung keinen Abbruch tun.

In Zukunft sollen auf den Märkten auch Abholboxen stehen. Bestellte Produkte werden darin gekühlt und sind jederzeit abholbereit. Im September startet das Projekt voraussichtlich. Wo? In Meidling, natürlich.

Ab dann soll es auch Grätzel-Folder von jedem Wiener Markt geben. Mit Informationen zu allen Ständen und zu Geschäften im Grätzel – nach Branchen geordnet.

Für den Schwendermarkt gibt es so etwas seit dem Vorjahr. Und zwar auf Eigeninitiative der umtriebigen Standler. Hätte die Kammer also so eine Idee nicht längst selbst haben können? „Naja“, sagt Markus Hanzl. „Warum soll man so eine gute Idee nicht weiterbringen?“

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