© Melanie Baumgartner

Chronik Wien
07/04/2019

Mediziner zu parfümierter U-Bahn: "Langzeitfolgen nicht erforscht"

Seit Mittwoch sind vier duftende Züge unterwegs. Umweltarzt Hans-Peter Hutter sieht das kritisch.

von Stefanie Rachbauer

Gute Laune, innere Ruhe, Entspannung: Diese Gemütszustände sollen jene Düfte auslösen, die seit Mittwoch in je zwei Zügen der Wiener U-Bahn-Linien U1 und U6 versprüht werden.

Auf den Social-Media-Seiten der Wiener Linien haben sich diese Stimmungen allerdings noch nicht durchgesetzt. User rügen die Aktion dort als Zumutung für geruchsempfindliche Personen und zweifeln, ob die Parfums gesundheitlich tatsächlich so unbedenklich sind, wie der städtische Verkehrsbetrieb behauptet.

Die Wiener Linien haben bereits bei der Präsentation der parfümierten Züge am Mittwoch versichert, dass die Düfte „ausführlich“ auf mögliche allergische Reaktionen getestet wurden. Doch sind sie deshalb völlig unbedenklich? Nein, sagt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien.

Krebserregende Wirkung möglich

„Duftstoffeinsatz ist immer kritisch zu sehen“, erklärt er im KURIER-Gespräch. Denn allen voran die langfristigen Folger vieler verwendeter Substanzen sei noch nicht untersucht. Möglich seien etwa ein hormonartige oder krebserregende Effekte.

Akut können Duftstoffe die Augen, Atemwege und Schleimhäute reizen, sagt Hutter. Besonders anfällig seien Kinder, Asthmatiker und Allergiker.

Die zentrale Frage sei, welche Tests an den U-Bahn-Parfüms durchgeführt wurden, gibt der Umweltmediziner zu bedenken. Es komme nämlich nicht nur auf die Dufststoffe selbst an. Sondern auch auf die Substanzen, in denen sie gelöst seien.

Duft maskiert Ursache

Ein Grundproblem bleibt Hutter zufolge immer: „Düfte werden zur Maskierung eingesetzt. Der Auslöser des schlechten Geruchs bleibt. Aber es ergibt ja Sinn, dass etwas unangenehm riecht.“

Soll heißen: Stinkt der Kühlschrank, soll uns das sagen, dass die Lebensmittel darin wahrscheinlich nicht mehr genießbar sind. Anstatt ein Kühlschrank-Deo aufzuhängen, ist es in diesem Fall vernünftiger, Verdorbenes wegzuwerfen.

In der U-Bahn sei es naturgemäß etwas schwieriger, das „ursprüngliche Problem“ aus der Welt zu schaffen, sagt Hutter. „Es ist sehr schwierig, Leute dazu zu bewegen, sich hygienisch zu verhalten.“ Dabei würde es im Sommer etwa schon helfen, ein Baumwoll- anstelle eines Kunststoffhemds zu tragen.

Hutter sieht in diesem Zusammenhang durchaus Spielraum für die Wiener Linien. „Eine Kampagne zu diesem Thema wäre das Erste, das man machen sollte.“

Grundsätzlich sei es begrüßenswert, dass sich die Wiener Linien den Gerüchen in den U-Bahnen annehmen. Immerhin könnten olfaktorischen Argumente Menschen im Sommer davon abhalten, die U-Bahn zu nehmen und stattdessen das Auto zu fahren. 

Wiener Linien: Raumduft entspricht Richtlinien

Man habe damit gerechnet, dass das die Parfum-Aktion polarisieren werde, räumt eine Sprecherin der Wiener Linien auf Anfrage ein.

Der Duft-Hersteller habe mit einem Zertifikat bestätigt, dass das eingesetzte Parfum unbedenklich sei. Es entspreche sowohl den Richtlinien der EU, als auch jenen der International Fragrance Association, einem Branchenverband der Duftstoffindustrie.

Zudem seien die verwendeten Parfums bereits in Einkaufszentren, Bussen und Fernzügen im Einsatz. Bis Ende des Monats werde man das Projekt beobachten und Rückmeldungen sammeln.

9.000 Klicks bei Voting

Bis 31. Juli können die Fahrgäste online abstimmen, ob ihnen die Duft-Aktion gefällt und welcher ihr Lieblingsduft ist. Umweltmediziner Hutter ist allerdings skeptisch, ob das Voting ein aussagekräftiges Ergebnis liefern wird. Denn Menschen nehmen Düfte sehr unterschiedlich wahr.

Eine Note, die für den einen angenehm ist, stört den anderen. Das gilt auch für die Duft-Intensität. „Überwiegende Mehrheiten werden sich bei der Abstimmung nicht finden“, sagt Hutter.

Das Interesse für die Online-Abstimmung ist laut Wiener Linien jedenfalls groß: Rund 9.000 Klicks seien seit gestern Mittag verzeichnet worden. Wie die Düfte ankommen, werde aber noch nicht verraten.