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Chronik Wien
10/22/2021

Jö schau: Nackte Skandale haben in Wien Tradition

Bei Nacktheit hat Wien eine Vorreiterrolle. Der Wien Tourismus landete nun mit einer Kampagne einen internationalen Coup.

von Agnes Preusser

„Jö schau, so a Sau, Jassas na. Wos macht a Nackerter im Hawelka?“Wer jetzt den Text von Georg Danzer im Kopf mitgesummt hat, ist wahrscheinlich in bester Gesellschaft. Zum einen, weil das Lied einfach sehr eingängig ist. Zum anderen, weil man in Wien seit jeher von Nacktheit fasziniert ist. Kein Wunder also, dass Danzer in den 70ern erst dank „Jö schau“ berühmt wurde.

Mit Nackabatzln hat der Wien Tourismus nun auch einen weltweiten Coup gelandet. Weil auf sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook Bilder von Egon Schiele oder Peter Paul Rubens zensiert wurden, wich man zur Bewerbung von Wiens Kunst auf die Porno-Plattform „OnlyFans“ aus.

Und diese Aktion ging viral: Die New York Times berichtete ebenso wie Le Figaro oder der Guardian. Sogar US-Comedian Stephen Colbert thematisierte die Kampagne in seiner Late-Night-Show. Die Kampagne hat mittlerweile eine Reichweite von 440 Millionen generiert.

„Wir sind irrsinnig stolz, dass wir eine globale Diskussion über Freiheit der Kunst im Internet angestoßen haben“, sagt Norbert Kettner, Direktor des Wien Tourismus im KURIER-Gespräch. Bereits 2018 provozierte sein Team erfolgreich mit einer Nackt-Kampagne.

Zu gewagt

Bilder von Schiele wurden an Plakaten in Hamburg, Köln und London angebracht – wegen geltender Werbevorschriften mussten aber die expliziten Teile verdeckt werden. Darauf prangte dann in einem weißen Textfeld der Spruch „100 Jahre alt. Und noch immer zu gewagt?“. Überbleiben sollte die Botschaft, dass es eben nur in Wien wirklich alles zu sehen gebe.

Tatsächlich stimmt es, dass Wien in Sachen Nacktheit schon lange eine Vorreiterrolle innehat. Um 1900 war die Stadt nicht nur mit Sigmund Freud in den Sexualwissenschaften führend, sondern auch im Pornogeschäft. Dank der Firma Saturn-Film und ihren „pikanten Herrenabendfilmen“ entstand damals hierzulande die erste Porno-Metropole Europas.

Im Jahr 1933 wurden die erste Nacktszene und der erste Orgasmus der Filmgeschichte von keiner geringeren gespielt als Erfinderin Hedy Lamarr – und zwar im Skandalfilm „Ekstase“. Die Stadt war auch die Heimat von Leopold von Sacher-Masoch. Der Begriff Masochismus geht auf seinen Namen und die von ihm dargestellte Erotik zurück.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Wien Tourismus öffentlich gegen Zensur aufgetreten ist.

Aus einem Artikel | der New York Times

Künstler zogen sich in einem Hörsaal der Uni Wien aus, masturbierten, beschmierten sich mit Exkrementen, peitschten einander aus – und sangen dabei die Bundeshymne. Damit war der Bogen mehr als überspannt, einer der Akteure musste nach Berlin ins Exil flüchten.

Ganz so offen wie es scheint, ist Wien dann aber doch nicht. „Wir leben in einer Stadt der Extreme“, sagt Kettner. „Heuchelei hat hier eine lange Tradition.“ Als Beispiel für die „Doppelmoral zwischen Freizügigkeit und Spießbürgerlichkeit“ nennt er die Zeit von Maria Theresia. Die Kaiserin gab eine streng katholische Linie vor, gleichzeitig boomten die Bordelle in der Stadt.

Ihr Sohn Kaiser Joseph II führte die Heuchelei fort: Offiziell bekämpfte er Bordelle, heimlich besuchte er sie allerdings. Der größte Nacktheitsskandal Wiens ereignete sich übrigens in den 1960ern und ging unter dem Titel „Uni-Ferkelei“ in die Geschichte ein.

Komplett wurscht

Vergleichsweise gering war die Aufregung um die Ausstellung „Nackte Männer“ im Leopold Museum im Jahr 2013. Teilweise mussten die Genitalien auf den Werbesujets abgeklebt werden. Der große liegende Mann im Museumsquartier wurde allerdings zu einem beliebten Foto-Motiv.

 Wir sind irrsinnig stolz, dass wir eine globale Diskussion über Freiheit der Kunst im Internet angestoßen haben.  

Norbert Kettner | Wiener Tourismusdirektor

Und in der Stadt war die Schau darum schnell – typisch Wienerisch – allen komplett wurscht. Ob Wien dahingehend moderner sei als andere Städte, will Kettner nicht beurteilen. Aber: „Bei uns gibt es einfach das Recht auf Gleichgültigkeit.“

Warum der Wien-Tourismus-Direktor nach dem gerade eingefahrenen Erfolg so auf Understatement setzt, zeigt sich an einer anderen Stelle des Gesprächs. „Es gibt zwei Wörter, die man in der Selbstbeschreibung nie nutzen sollte: charmant und cool“, so Kettner. „je mehr man betont, dass man es ist, desto weniger trifft es zu.“

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