Steven Schacher (24) und Thomas Köfinger (55) auf der Warte: quasi das Wohnzimmer der Techniker.

© Wien Energie

Chronik Wien
04/14/2020

Isoliert in Müllverbrennungsanlage: Big Brother am Flötzersteig

Seit einem Monat leben sechs Mitarbeiter abgesondert in der Müllverbrennungsanlage. Nun naht die Freiheit

von Stefanie Rachbauer

Haust eine Gruppe Menschen von der Außenwelt abgeschnitten auf engem Raum, kann viel schief gehen. Was konkret, ist seit zwanzig Jahren en détail in der Reality-TV-Show Big Brother zu sehen. Nichtsdestotrotz haben sich vor rund einem Monat sechs Männer auf dem Gelände der Müllerverbrennungsanlage am Flötzersteig in Ottakring abgeschottet. Und das freiwillig.

Steven Schacher ist einer davon. Der 24-jährige Betriebselektriker lebt mit seinen Kollegen auf einer sogenannten Isolierstation. Im Unterschied zur Fernseh-Show gibt es dort zwar keine Kameras. Aber auch keinen direkten Kontakt mit draußen. Weder zur Familie, noch zu Freunden. Und es ist eng: „Man hat keine Privatsphäre“ sagt Schacher am Telefon zum KURIER.

In der aktuellen Krise sind die sechs Männer die Reserve: Sollte die Belegschaft Corona-bedingt ausfallen, halten sie den Betrieb aufrecht. Das ist nötig, weil die Müllerverbrennungsanlage zur kritischen Infrastruktur gehört. Aus der Hitze, die bei der Verbrennung entsteht, gewinnt die städtische Wien Energie Fernwärme für Warmwasser und zum Heizen. Beides benötigt die Wiener Bevölkerung auch während einer Pandemie.

Geburtstag in Isolation

Um die Versorgung zu sichern, nehmen die Männer Entbehrungen auf sich: Sie schlafen in Containern, die gerade so groß sind, dass zwei Betten und sechs Spinde darin Platz haben. In einem alten Nebengebäude befinden sich Duschen, Toiletten und ein kleiner Aufenthaltsbereich.

„Unser Leben spielt sich ohnehin vor allem in der Anlage auf der Warte ab“, sagt Schichtmeister Thomas Köfinger. Er arbeitet seit 34 Jahren am Flötzersteig. Die derzeitige Situation ist auch für ihn neu: Am Sonntag feierte er seinen 55. Geburtstag (und Ostern) in der Isolation.

Die Warte ist ein Raum voller Monitore. Ihn dürfen derzeit nur die sechs Männer betreten. Sie steuern von hier aus die Müllfeuer. In den übrigen Bereichen sind zwar andere Mitarbeiter anzutreffen, die zu Hause leben und deshalb Kontakt zur Außenwelt haben. Mit dem isolierten Team haben sie aber keine Berührungspunkte. „Oft bleibt man auf der Warte, auch wenn die Schicht schon vorbei ist“, erzählt Schacher. „Um bei Bedarf die Kollegen kurz abzulösen – und gegen die Langeweile.“

Ansonsten vertreiben sich die Männer die Zeit mit Uno, Mensch ärgere dich nicht und Puzzles. Oder mit Wäschewaschen. Das ist am Flötzersteig nämlich nicht so einfach: Die Waschmaschine ist alt und schleudert schlecht. Die Männer müssen die nasse Kleidung daher mit den Händen auswringen. Zu Beginn machte ihnen die Hausarbeit generell Schwierigkeiten: „Der Putzplan musste sich erst einspielen“, sagt Köfinger.

Freiheit in Sicht?

Zumindest ums Kücheputzen müssen sich er und seine Kollegen nicht zanken. Sie bekommen sämtliche Mahlzeiten fertig geliefert – natürlich kontaktlos. Zubereitet werden die Speisen von einem gelernten Koch, der an einem anderen Standort der Wien Energie isoliert arbeitet (siehe Kasten). Laut Köfinger hat er Talent: „Wir werden mit mehr auf den Rippen nach Hause gehen.“ Dagegen gibt es – zumindest theoretisch – Abhilfe. Der Sportraum, am Flötzersteig den sonst die Betriebsfeuerwehr nutzt, ist aktuell für die sechs Techniker reserviert.

Bald könnten die Männer das Leben im Container ohnehin überstanden haben. Diese Woche wird die Wien Energie entscheiden, ob es die Isolierstationen weiterhin braucht.

Köfinger und Schacher freuen sich schon auf ihre eigenen Betten. „Ich werde aber auch Dinge vermissen“, sagt Schacher. Zum Beispiel? „Den kurzen Arbeitsweg.“

Corona-Pandemie Um den Betrieb im Ernstfall aufrecht halten zu können, hat die Wien Energie in den Müllverbrennungsanlagen Flötzersteig, Spittelau und Simmeringer Haide sowie im Kraftwerk Simmering Isolierstationen eingerichtet

53 Mitarbeiter haben sich freiwillig bereit erklärt, in diesen abgesonderten Bereichen   zu leben. Sie wurden vor ihrem Einzug  medizinisch getestet

200 Tausend Tonnen Hausmüll werden am Flötzersteig in Ottakring jedes Jahr verbrannt. Das entspricht der Ladungen von 200  Müllautos pro Tag

 

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