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Chronik Wien
12/22/2021

In einer Wiener WG mit Mördern und Dealern

Ehemalige Kriminelle wohnen in einem Heim. Alle eint der Wunsch nach einem Neustart. Ex-Bankräuber Helmut ist dieser gelungen.

von Agnes Preusser

Helmut hat eine Bank ausgeraubt. Damals im Jahr 2011 – eine Verzweiflungstat, wie er sagt. Zum Gespräch kommt er gut gelaunt, stolz zeigt er seinen frisch unterschriebenen Arbeitsvertrag. Er wird künftig als Maler arbeiten. Zwischen dem Bankraub und dem neuen Job liegen vier Jahre Gefängnis und eine Zeit im Wohnheim für Haftentlassene der Erzdiözese Wien.

Die Einrichtung ist geschaffen worden, um Menschen nach dem Gefängnis eine Perspektive zu geben. Jenen, die durch ihre Straftat den Kontakt zu ihrer Familie verloren haben. Jenen, die den alten (schlechten) Umgang meiden wollen. Oder auch jenen, die Hilfe beim Wiedereinstieg in die Gesellschaft brauchen.

Die genaue Adresse des Heims für Männer in der Brigittenau bleibt für die Öffentlichkeit verborgen, der KURIER darf aber einen Blick hineinwerfen. Gleich nach der Eingangstür steht ein Christbaum. Auch ein selbst befüllter Adventkalender hängt dort, jeden Tag darf ein anderer der 28 Männer ein Sackerl mit Süßigkeiten öffnen – damit sich das ausgeht, sind manche Tage doppelt behängt. Auch zu Weihnachten selbst wird es Geschenke geben, für die Schüler ihr eigenes Geld gespart haben (siehe Artikel weiter unten). 

Im Heim wohnen ehemalige Kleinkriminelle, aber auch Mörder und Vergewaltiger. Angst habe sie vor keinem hier, sagt Heimleiterin Lilli Pock. „Altersbedingt vergesse ich sowieso, welcher Mann welche Straftat begangen hat.“ In einem Jahr wird Pock in Pension gehen.

Nicht immer läuft alles reibungslos. Sie habe schon Handgreiflichkeiten mitbekommen, auch Verwüstungen und hat selbst mehrmals die Polizei gerufen. Einmal habe sie sich dazwischen gestellt, als ein Bewohner auf Polizisten eingetreten hat. „Mir tun sie ja nichts. Nie. Warum sollten sie? Ich helfe ihnen ja“, sagt Pock.

„Geld her“ auf einem Zettel

Helmut selbst wohnt nicht mehr dort, er steht wieder auf eigenen Beinen und hat seine Finanzen im Griff. Das war nicht immer so. In der Zeit vor dem Bankraub ging es ihm nicht gut. Er hatte den Job verloren, auch seine Frau. „Man merkt viel zu spät, dass man schon mittendrin ist in einem Abwärtsstrudel“, sagt er.

Man habe in so einer Situation zwei Rucksäcke zu tragen. „In dem einen ist die Frage, wie man seine Probleme lösen soll. In dem anderen, wie man alles vor anderen Menschen versteckt.“ Er habe sich nie jemandem anvertraut.

Am 28. November vor zehn Jahren ging dann alles nicht mehr. Helmut fuhr zum Billa am Praterstern, trank „fünf Schnaps oder so“ und begab sich anschließend zu einer Bank im 3. Bezirk. Ausgerüstet mit einem Zettel, auf dem „Geld her“ stand. Mit seinen Fingern täuschte er in der Jackentasche den Besitz einer Waffe vor. Was er ebenfalls nicht hatte, war eine Maske – und das in seiner Hausbank, in der man ihn kannte. Zwei Stunden später war er gefasst.

Ein Hilfeschrei

Das sei aber nicht aus Dummheit passiert. „Die paar Tausend Euro hätten mein Leben nicht wieder in Ordnung gebracht, der Raub war ein Hilfeschrei. Ich habe mein Leben selbst auf null gesetzt, um neu anfangen zu können“, sagt Helmut. Nach der Tat „fuhr ich zu meiner Mama“, vor deren Augen er schließlich verhaftet wurde.

Seine Mutter stand zunächst unter Schock. Trotzdem hätte er nach der Haft zu ihr ziehen können. Er entschied sich für das Heim und die damit verbundene Starthilfe. „Hilfsangebote gibt es genug, man muss nur selbst wollen“, sagt Helmut.

Man merkt viel zu spät, dass man schon mittendrin ist in einem Abwärtsstrudel. Und plötzlich stand ich als Räuber in der Bank.

Helmut H. | Ehemaliger Bankräuber

Ali hingegen wohnt erst seit einem Monat im Wohnheim. Seine Familie, die ursprünglich aus Afghanistan stammt, ist auf der Welt verstreut. Er hat sie seit 18 Jahren nicht mehr gesehen. Ins Gefängnis kam er, weil er Geld brauchte für seinen Traum: ein Haus im Burgenland.

Er geriet in das falsche Umfeld und wurde schließlich in Drogenverkäufe verwickelt. Ali hat in seiner Muttersprache nie schreiben oder lesen gelernt, als Kind durfte er keine Schule besuchen. Auf Deutsch beherrscht er beides mittlerweile schon ein bisschen, „aber ich habe Angst, Fehler zu machen“. Die Mistkübel im Wohnheim hat für ihn darum ein anderer Bewohner mit „Plastik“ und „Restmüll“ beschriftet. Warum? Ali hat im Heim Mülltrennung durchgesetzt.

Kein Luxus

Luxus sucht man hier übrigens vergebens. Die Zimmer sind klein – etwa 11 Quadratmeter groß. Klo, Bad und Küche werden gemeinschaftlich genutzt. Putzen und kochen müssen die Bewohner selbst. Die Männer, die hier wohnen, müssen je nach Größe des Raums 270 bis 330 Euro Miete bezahlen. Das Geld haben sie aus Rücklagen durch bezahlte Tätigkeiten im Gefängnis, durch Sozialleistungen oder dank aktueller Jobs.

Letztere sind allerdings schwer zu finden. Bei Ali etwa fehlt die notwendige Arbeitserlaubnis. Heimleiterin Pock begleitet ihn in den nächsten Tagen bei Behördenwegen. „Ich will nur eine zweite Chance, jeder macht Fehler“, sagt Ali über seine kriminelle Vergangenheit. Er will sich etwas aufbauen. „Ich will ja nicht Präsident werden, nur ein gutes Leben haben.“

Er hofft also auf einen Tag, wie Helmut ihn gerade hat. Einen Tag mit einem frisch unterschriebenen Arbeitsvertrag.

Weihnachtspackerl für die ehemaligen Häftlinge

Die Weihnachtspackerl sind liebevoll gestaltet. Teilweise sind die Verpackungen selber bemalt oder gebastelt. Die 4. Klassen des Gymnasiums in der Währinger Haizingergasse haben im Zuge ihres Religionsunterrichts Geschenke für die Männer aus dem Heim für Haftentlassene organisiert.

Manche haben ihr Taschengeld gespart, um Dinge wie Seifen oder Zahnbürsten zu kaufen. „Wir haben uns schon davor mit Armut in Österreich beschäftigt. Aber dass es auch Ex-Häftlinge gibt, die davon betroffen sind, das war uns nicht bewusst“, erzählen Adrian, Alba und Luka. „Auch sie sollen spüren, dass jemand da ist, denn jeder Mensch zählt.“

Vorbehalte

Im Jahr 2013 hat die damalige Religionslehrerin Eva Seifried das Projekt initiiert. Es habe schon Eltern gegeben, die daraufhin ihre Kinder vom Religionsunterricht abgemeldet hätten, sagt sie.

Auch Simone Pesendorfer, die jetzige Lehrerin, erzählt von Vorbehalten. „Ich will einem Mörder nicht schenken“, käme manchmal als Argument. Im Unterricht werde dann besprochen, dass die Strafe bereits verbüßt wurde und jeder Mensch ein Anrecht auf eine zweite Chance habe. Das komme bei den Kindern gut an.

„Wir haben darum notwendige Sachen eingepackt und auch welche, die das Herz erwärmen sollen“, sagt Alba. Wer Lukas Geschenk erhält, der darf sich etwa hauptsächlich über Süßigkeiten freuen, „denn jeder braucht Schokolade“.

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