Archivbild: Bereits im Juni wurde demonstriert. 

© APA/HELMUT FOHRINGER

Chronik Wien
10/19/2021

Hunderte demonstrierten gegen Folgen der neuen Wiener Lehrerzuteilung

Die Demo zog vom Heldenplatz zur Bildungsdirektion und zum Bildungsministerium. Stadtrat Wiederkehr kann Befürchtungen nicht nachvollziehen.

Das neue Zuteilungssystem für Pflichtschullehrer in Wien sorgt weiter für Aufregung. Vertreter der Elterninitiative „Bessere Bildung jetzt“ befürchten für das nächste Schuljahr gravierende Folgen für Integrations- und Mehrstufenklassen und verschränkte Ganztagsschulen.

Hunderte haben am Nachmittag demonstriert, unterstützt wurden sie von ÖVP und Grünen. Im Büro von Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS) verteidigt man die Reform weiter und ortet Fehlinformationen.

Im Wiener Abendverkehr hatte die Demos größere Einschränkungen und Staus zur Folge.

Kurz vor den Sommerferien hatte Wiederkehr eine Umstellung des bisherigen Systems der Lehrerzuteilung an Pflichtschulen (v.a. Volks-, Mittel-, Sonderschulen) angekündigt. Das bisherige System sei historisch gewachsen und intransparent gewesen. Dadurch hätten manche Standorte unverhältnismäßig viele Posten erhalten, die an anderen Schulen gefehlt hätten.

Das neue System sieht für Schulen ein Basiskontingent vor, für das die Zahl aller Schüler durch die (fiktive) Klassenschüleranzahl 25 dividiert wird. Pro Schüler gibt es einen Zuschlag. Zusatzressourcen erhalten auch definierte pädagogische Projekte (Schulschwimmen, muttersprachlicher Unterricht etc.), Standorte mit besonders vielen Schülern mit Förderbedarf sowie vom Bund finanzierte Maßnahmen wie Deutschförderklassen.

2.200 Stunden als Ausgleich

In der Praxis sind durch diese Umverteilung sowohl an Volks- als auch Mittelschulen rund die Hälfte der Standorte mit weniger Posten ausgestiegen als bisher. Als Ausgleich für besonders große Einbußen gab es zusätzliche 2.200 Lehrerstunden (das sind 100 Posten) sowie für 2021/22 einen sogenannten Übergangsbonus.

Letzterer ist auch der Grund dafür, dass die Demo-Organisatorinnen und -Organisatoren Kürzungen im kommenden Schuljahr befürchten. Im Schuljahr 2022/23 werde es aufgrund massiver Einsparungen keine Integrationsklassen, keine reformpädagogischen Konzepte, keine individuelle Förderung und keine verschränkten Ganztagsschulen mehr in Wien geben, warnten sie.

Versammlung am Heldenplatz

Hunderte Demonstranten, darunter ein guter Teil Kinder im Volksschulalter, haben sich deshalb um 16.30 Uhr am Heldenplatz unter dem Motto "Wir schreien so lange, bis ihr uns hört" versammelt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer - die Polizei sprach von 600, die Organisatoren von rund 1.500 - zogen weiter zur Wiener Bildungsdirektion in der Wipplingerstraße und dann zum Minoritenplatz vor das Bildungsministerium.

Im Wiener Bildungsressort kann man die Befürchtungen nicht nachvollziehen, wird dort gegenüber der APA betont. Auch weitere Kürzungen, wie sie von der Elterninitiative erwartet werden, soll es laut Büro Wiederkehr nicht geben. Eine Abschaffung des Übergangszuschlages für 2022/23 stehe nicht zur Debatte, für die Folgejahre könne man noch keine Aussage treffen.

Sowohl für Volks- als auch Mittelschulen gebe es im heurigen Jahr insgesamt mehr Lehrerstunden pro Schüler als im Jahr davor. Weniger Ressourcen hätten jene Standorte, die weniger Schüler und Klassen bzw. weniger außerordentliche Schüler hatten.

Außerdem betroffen waren Schulen, die in der Vergangenheit besonders viele Ressourcen bekommen haben. Die Planstellen seien zu Standorten und Schülern gewandert, die in den Jahren zuvor benachteiligt gewesen seien.

Mehr Mehrstufenklassen

Aber weder in Mehrstufenklassen, in denen Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam unterrichtet werden, noch Integrationsklassen, in denen Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam unterrichtet werden, gebe es Kürzungen. Die Zahl der Mehrstufenklassen sei im Vergleich zum Vorjahr sogar gestiegen, an einigen Schulen seien allerdings lediglich über Projektplanstellen bedeckte Mehrstufenklassen weggefallen.

Um allen Schulen innovative Unterrichtsformen zu ermöglichen, gebe es außerdem keine Dreifachbesetzung mehr in Klassen. Bei integrativen Mehrstufenklassen soll es aber eine durchgehende Doppelbesetzung geben, versichert man im Büro Wiederkehr. Auch zwei Lehrkräfte pro Integrationsklasse (in der Volksschule ständig, in der Mittelschule überwiegend) werde es weiterhin geben.

Dass künftig laut den Demo-Initiatoren 25 Schüler in einer Integrationsklasse sitzen sollen, könne die Bildungsdirektion nicht nachvollziehen.

"Unhaltbare Gerüchte"

Auch zur Zukunft der verschränkten Ganztagsschulen, an denen sich Unterrichts-, Lern- und Freizeit abwechseln, würden von der Eltern-Initiative "viele unhaltbare Gerüchte" verbreitet.

Die Behauptung, dass es verschränkte Ganztagsschulen künftig nicht mehr geben solle, sei "absurd": Immerhin wende die Stadt Wien enorme Mittel dafür auf, jedes Jahr kämen zehn neue Standorte dazu und das Angebot sei gerade kostenlos gemacht worden. Alleine heuer würden 200 zusätzliche Freizeitpädagoginnen und -pädagogen dafür angestellt.

Kritik der Opposition

Die Wiener Oppositionsparteien haben unterdessen im Vorfeld der Demo ihre Kritik an der Reform erneuert: Die ÖVP Wien bemängelt via Aussendung, dass trotz so vieler Lehrerplanstellen vom Bund wie nie zuvor viele Wiener Schulen und Klassen aus der Verliererliste der Stadtregierung stünden.

Für die Wiener Grünen werden nunmehr die Folgen der "NEOS-Kürzungen" sichtbar: Viele Schulen hätten langjährige erfolgreiche Projekte beenden müssen.

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