© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
04/19/2021

Hietzing: Ein Ort, an dem die Zeit stillsteht

Veränderung mögen die Hietzinger nicht, ein paar große Projekte stehen ihnen aber bevor.

von Katharina Zach, Franz Gruber

Mit der Hand fährt sich Michael Böck an die Brust. „Hietzing, das ist mein Heiligtum“, sagt er. „Ich hab keinen Verkehr, ich hab meinen Wald, ich kann auf den Roten Berg und in den Hörndlwald.“

Denkt man an Hietzing, denkt man an das Schloss Schönbrunn, den Lainzer Tiergarten, historische Villen und – ja – an betuchte Herrschaften, die beim Plachutta ein und ausgehen. Kurz: Grün und wohlhabend, das ist der 13. Bezirk.

Das Klischee kommt nicht von irgendwo: Mit 31.000 Euro pro Kopf und Jahr liegt Hietzing nach der Inneren Stadt bei der Kaufkraft auf Platz 2. Zudem weist der 13. mit 71 Prozent Grünanteil den höchsten Wert Wiens auf. Vieles davon ist historisch bedingt. Mit dem Bau des Schloss Schönbrunn ab 1695 wurde der damalige Weinort Hietzing plötzlich angesagt.

Beliebt beim Adel

Jeder, der etwas auf sich hielt, wollte in der Nähe des kaiserlichen Hofs wohnen. Adelige und Beamte zogen in das Grätzel rund um das Schloss. Später wurde der gesamte heutige Bezirk zur beliebten Wohngegend für wohlhabende Wiener. Johann Strauß Vater und Sohn konzertierten gerne im damaligen Dommayers Casino – an dessen Standort sich nun das Parkhotel Schönbrunn befindet. Heute erinnert etwa noch die Hietzinger Hauptstraße, die als Allee schnurgerade bis nach Ober St. Veit führt, an die kaiserliche Pracht. Kaiserin Maria Theresia ließ sie einst anlegen.

Kultur
Neben dem Schloss Schönbrunn gibt es die Klimtvilla sowie die Hermesvilla, die Kaiser Franz Josef seiner Sisi schenkte, zu bewundern. Auch Otto Wagners Stadtbahn-Hofpavillon sowie zwei U-Bahnstationen sind erhalten

Persönlichkeiten
Berühmtester Hietzinger ist Kaiser Franz Josef. Auch Ex-ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel, Ex-Bundespräsident Heinz Fischer, Hans Moser, Waltraut Haas und Senta Berger stamm(t)en aus Hietzing. Am Hietzinger Friedhof liegen Franz Grillparzer, Otto Wagner und Gustav Klimt begraben

An der Hietzinger Hauptstraße liegt seit fast 50 Jahren das Würstelbuffet zum Seidl (na gut, früher hieß es Buffet Floh), in dem Michael Böck nun sein Bier trinkt und von seinem Heimatbezirk schwärmt. Das Seidl ist ein Grätzeltreffpunkt an der Verbindungsbahn, in dem Straßenkehrer sowie Porsche-Fahrer mittagessen, wie Chefin Halina Seidl erzählt. Denn letztendlich sei Hietzing wie ein Dorf. Man kenne einander in den Grätzeln, helfe einander gegenseitig aus.

Tatsächlich waren die Bezirksteile Hietzing, Unter Sankt Veit, Ober Sankt Veit, Hacking, Lainz und Speising einmal eigenständige Dörfer. Noch heute zeugen die alten Ortskerne vom dörflichen Charakter. Und von der jeweils eigenen Identität. „Sie dürfen nicht Hietzing sagen“, klärt Frau Erika, die in Ober Sankt Veit wohnt, auf.

Zwar haben auch im 13. Bezirk viele Nahversorger zugesperrt, doch im Vergleich zu manch anderen Bezirken trotzen kleine Boutiquen oder Cafés den Ketten. Die Hietzinger kaufen eben häufig im Bezirk, sagt Bezirksvorsteherin Silke Kobald (ÖVP).

Kritik an "Bauboom"

Dennoch, fragt man Ältere, habe sich der Bezirk nicht nur zum Vorteil gewandelt. Vor allem ein Bauboom wird beklagt. Jede Baulücke werde „zubetoniert“, moniert Frau Erika. Viele Wohnungen stünden ob der Preise aber leer.

Bild links: © Ledermann, Postkartenverlag / ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

Bild rechts: © Franz Gruber

Das Grätzel um die Ober-St.-Veiter Pfarrkirche hat sich in den vergangenen 100 Jahren kaum verändert

Der Ruf als lebenswerter und familienfreundlicher Bezirk wecke starke Begehrlichkeiten bei den Bauträgern, erzählt Bezirkschefin Kobald. Hier müsse auf den Erhalt der Grünflächen geachtet werden. „Wir wollen keine Monsterbauten“, sagt sie.

Gleichzeitig ist leistbarer Wohnraum ein Thema, 39 Prozent der Wohnimmobilien im Bezirk sind Eigentumswohnungen oder Häuser. Wienweit sind es 21 Prozent. Als Gegenpunkt zu den Bautätigkeiten wird im 13. auf Straßenbegrünung gesetzt. Ein Wunsch, den junge Bewohner geäußert haben.

Apropos Jugend. Hier hat Hietzing Nachholbedarf. Viel Angebot gebe es für sie nicht, erzählen Eltern oder Junggebliebene. Studenten bleiben nicht – aber sie kämen mit ihren Familien wieder, heißt es. Für Schüler wünscht sich Kobald jedenfalls eine AHS oder eine HTL am Standort des ehemaligen Geriatriezentrums Wienerwald.

Veränderung

Schon bald könnte sich der Bezirk weiter verändern. Mit dem Ausbau der Verbindungsbahn und der neuen Westausfahrt stehen zwei umstrittene Projekte an, die Seidl-Besucher Michael Böck und seine Bekannten ablehnen.

Nicht nur, weil dann sein Stammlokal an der Bahnstrecke dem Ausbau weichen müsste. Sondern auch, weil sein Hietzing dann nicht mehr sein Hietzing wäre.

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