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Chronik Wien
09/26/2020

Liesing: Ein Bezirk und seine acht Orte

Die Bewohner schätzen das viele Grün und den dörflichen Charakter. Doch die Grätzeln verändern sich. Statt Industrie floriert nun der Wohnbau.

von Katharina Zach

Ab wann ist man eigentlich alteingesessen? 72 Jahre sind schon ein guter Wert, wenn man Wolfgang fragt. So lange lebt er in Liesing. Und zwar im Bezirksteil Liesing, wie er betont.

Mit seinen Freunden sitzt er im Gastgarten vom Lokal „s’Beisl“ am Bahnhof Liesing bei einem Bier und kann sich nicht vorstellen, woanders zu wohnen. „Wenn ich in Atzgersdorf bin, krieg’ ich schon Heimweh“, sagt er und lacht. Und warum sollte er auch weg? Es sei grün, der Wienerwald nah und doch zentral. „Wenn Sie da wohnen, brauchen Sie kein Auto“, sagt Wolfgang. Nur mehr Wirten, die brauche es.

Mit seinem Empfinden ist Wolfgang nicht alleine. Ok, vielleicht hat nicht jeder seiner Bekannten im Beisl Heimweh beim Verlassen des Bezirksteils. Aber zugehörig fühlt man sich nur dort. Und das ist eine Eigenheit des 23. Bezirks.

Was heute unter dem Namen „Liesing“ bekannt ist, waren einst acht (niederösterreichische) Gemeinden: Atzgersdorf, Erlaa, Inzersdorf, Kalksburg, Liesing, Mauer, Rodaun und Siebenhirten. Liesing ist der fünftgrößte und jüngste der 23 Wiener Bezirke. 110.464 Menschen leben hier.

Wie Liesing entstand
1938 wurden 97 niederösterreichische Gemeinden zu Groß-Wien zusammengefasst. Acht Ort wurden zum 25. Bezirk Liesing. Nach dem Krieg blieben sie bei Wien (im Gegensatz zu 80 anderen), der 23. Bezirk war geboren. Das Bezirksmuseum widmet sich den Traditionen der Orte

Persönlichkeiten
Maler Heinrich Krause wurde in Rodaun geboren, Frauenrechtlerin Adelheid Popp stammt aus Inzersdorf. Hugo von Hofmannsthal lebte in Rodaun. Heute wohnen Ex-SPÖ-Kanzler Werner Faymann, Parteikollegin Doris Bures und Neos-Gründer Matthias Strolz im Bezirk

Noch heute sind die Teile ganz unterschiedlich. Während Inzersdorf, Atzgersdorf und Liesing industriell geprägt waren – neben der Brauerei Liesing zählten die Firmen Osram und Unilever zu den größten Arbeitgebern – sind Rodaun und Kalksburg eher ländlich.

In Siebenhirten und Erlaa (wo es früher 48 Gärtnerein gab) dominiert nun der großvolumige Wohnbau, in Mauer sind es eher Einfamilienhäuser und Villen. Als „Nobelbezirk“ bezeichnet einer von Wolfgangs Bekannten den Bezirksteil.

Über die Grenzen Wiens hinaus bekannt ist übrigens der Wohnpark Alterlaa mit seinen fast 10.000 Einwohnern.

„Tetschn“

So verschieden wie die Bezirksteile, so verschieden sind die Bewohner. Sie bleiben eher unter sich.

Fragt man Bezirksvorsteher Gerald Bischof, erklärt er das Phänomen mit der Lage des 23. Die 32,1 des Bezirks erstrecken sich von West nach Ost vom Lainzer Tiergarten bis nach Rothneusiedl. „Von Inzersdorf aus ist der Weg zum Liesinger Platz (wo das Amtshaus steht, Anm.) fast genauso weit wie in die Innenstadt“, sagt er. Ein Zentrum für alle ist daher kein Wunsch.

Immerhin, es gibt keine „Feindschaft“ mehr. „Früher hast als Liesinger nicht nach Atzgersdorf gehen können, da hast a Tetsch’n k’kriegt“, erinnert sich Wolfgang, der im Bahnhofsbeisel in Liesing noch ein Bier bestellt hat.

Zuletzt hat sich im Bezirk viel getan. Um 19,7 Prozent ist die Bevölkerung in den vergangenen zehn Jahren gewachsen. Vor allem junge Familien zog es nach Liesing. Und es wird bald noch mehr Liesinger geben. Bis 2028/29 könnte der Bezirk knapp 5.000 Bewohner mehr zählen.

Wo früher Industriegebiete waren, entstehen sukzessive große Wohnbauten, ja eigene Stadtteile. Aktuell etwa das Carré Atzgersdorf mit 1.500 Wohnungen an der Südbahn oder das Projekt „In der Wiesen“ entlang der U6 zwischen den Stationen Alterlaa und Erlaaer Straße mit rund 3.500 Wohnungen.

„Unter Beibehaltung der Grünflächen“, wie Bezirkschef Bischof betont. 50 Prozent betrage dieser aktuell im Bezirk. Deshalb wird auch der Campingplatz Wien-Süd in Atzgersdorf in einen öffentlichen Park umgewandelt.

Verkehrsberuhigung ist hingegen kaum ein Thema. Da schon eher der Öffi-Ausbau mit mehr Busverbindungen. Ohne Auto geht es vielfach nicht.

Und das mit den Wirten, ja das ist so eine Sache. Breit gefächert sei das Angebot nicht, räumt Bischof ein. Deshalb soll im neuen Park auch ein Gastrobetrieb einziehen.

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