Chronik | Wien
27.11.2013

Auf Nachtschicht mit der Tramway

Wenn der letzte Fahrgast ausgestiegen ist, kommt Leben in den Bahnhof Favoriten: Ein nächtlicher Besuch.

Ohne ihre Erlaubnis darf heute keiner heim. Angela Altgrübl sitzt spätnachts in ihrem Büro im Bahnhof Favoriten und schaut auf einen Monitor. Wie bei Tetris fahren die Rechtecke vor ihr auf und ab. Es sieht gut aus, dass sie ihre Schäfchen heute rechtzeitig ins Trockene bringt: "Alles soweit ruhig." Nur der 26er macht Probleme - aber das ist heute nicht wirklich ihr Kaffee.

"Angie", wie sie von Kollegen genannt wird, ist seit 24 Jahren Verkehrsführerin bei den Wiener Linien und die gute Seele in der größten Straßenbahn-Remise der Stadt. Ihre Aufgabe ist es, den Verkehr auf den Linien O, 71, D, 1, 6, 18 und 67 aufrechtzuerhalten und die Züge nachts wieder heimzuholen.

"Wenn ein schwerer Unfall passiert, sitzen wir hier manchmal bis acht Uhr Früh, aber das kommt zum Glück nicht oft vor", erzählt sie. Nachtarbeit? Für sie kein Problem: "Ich bin sowieso ein Nachtmensch. Mit drei bis vier Kaffee geht das schon."

Und man hat ja auch die Bim-Fahrer für den kurzen Tratsch. Nach Mitternacht kommen die ersten Züge "heim" in die Remise. Die Fahrer müssen bei Angie ihren persönlichen Einsatzplan für den Tag abgeben. Davor gibt's kein Heimgehen, da ist die ansonsten charmante Verkehrsführerin streng.

"Ihr macht's mich nervös"

Einer hat sein Gefährt schon ins Nachtquartier gebracht. Gegen 1 Uhr Früh fährt Bim-Fahrer Djuro Sulic den letzten Zug der Linie 67 (früher "Blaue" genannt) aufs Abstellgleis. Mit Tausenden Fahrgästen ist er heute im Kreis gefahren. Auch nach Dienstschluss hat der Simmeringer mit kroatischen Wurzeln ein wachsames Auge: Für Autofahrer, die die Straßenbahn blockieren, hat er ebensowenig Verständnis wie für Reporter, die zu nah am Werkstattgraben vorbeigehen: "Ihr macht's mich ganz nervös." Erst beim Schmähführen in Angies Büro kann Sulic den stressigen Tag hinter sich lassen.

Draußen in der Remise bricht unterdessen Hektik aus. Ein "26er" ist wegen eines Oberleitungsschadens am Kagraner Platz liegen geblieben. Die allzeit bereite Rüstwagenmannschaft rückt aus und bringt den Wagen wieder auf Schiene. Alltagsgeschäft für die harten Typen von der Einsatztruppe.

Bilder: Wenn die Straßenbahn Pause macht

Bilder: Wenn die Straßenbahn Pause macht

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Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Reportage über den Nachtdienst im Straßenbahn-Bahn…

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Reportage über den Nachtdienst im Straßenbahn-Bahn…

Reportage über den Nachtdienst im Straßenbahn-Bahn…

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Reportage über den Nachtdienst im Straßenbahn-Bahn…

Reportage über den Nachtdienst im Straßenbahn-Bahn…

Reportage über den Nachtdienst im Straßenbahn-Bahn…

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Bahnhof Favoriten, Wiener Linien

Kundenkontakt als Gretchenfrage

Der junge Spezialfacharbeiter Markus Fiedler bringt unterdessen die Kasse wieder zum Klingeln: In einer Zuggarnitur spielt der Ticketautomat verrückt. "Homma glei" - zwei Minuten später klickert das Werkl wieder. Gröbere Reparaturen an den Straßenbahngarnituren stehen heute nicht an, nur ein Lämpchen da, ein Türdefekt dort. Aufwändige Arbeiten werden ohnehin woanders, in der Hauptwerkstätte Simmering, durchgeführt.

Langweilig wird Fiedler in der Remise trotzdem nie. Als Abwechslung setzt er sich selbst an Wochenenden ins Cockpit: "Manche Mechaniker scheuen allerdings den Kundenkontakt. Entweder man hasst es oder man liebt es." Bei ihm ist es Zweiteres: Als er das erste Mal eine Straßenbahn durch Wien steuern durfte, ging für ihn ein Bubentraum in Erfüllung.

Stinkefinger und ferngesteuerte Fußgänger

Er selbst nennt sich aber eigentlich lieber "Unfallvermeider". Autos, die die Fahrbahn blockieren, scheinbar ferngesteuerte Fußgänger, die mit Blick aufs Smartphone vor den Bug laufen, Radfahrer, die den Mittelfinger zeigen ("die bösesten sind im 7. Bezirk"): Als Straßenbahnfahrer muss man auf alles vorbereitet sein. "Vor allem im 49er und 43er wird dir nicht fad. Aber ich liebe diesen Stress." Man muss sich direkt in die anderen Verkehrsteilnehmer hinein versetzen, sagt Fiedler: "Was hat der jetzt vor?"

Aber auch hartgesottene Bimfahrer drücken manchmal ein Auge zu. Es kommt nur auf den Elan an: "Wenn einer wirklich zur Straßenbahn sprintet, mache ich ihm meistens schon noch die Tür auf."

Es ist kurz nach 3 Uhr. In eineinhalb Stunden ist die Betriebspause in Favoriten zu Ende und die Straßenbahnen quälen sich wieder hinaus in die Stadt. Fiedler schmiedet derweil Urlaubspläne. Vielleicht geht es nach New York. Es gibt nur ein Problem: "Die haben keine Straßenbahn."

Nachtschwärmer am Abstellgleis: Was in der Remise alles auftaucht

Wenn der letzte Fahrgast nach Mitternacht die Straßenbahn verlässt, schlägt die Stunde der Putztrupps und Mechaniker. Bis zum Betriebsbeginn um 4.30 Uhr muss die Zugflotte in der Remise Favoriten gereinigt, gewartet und mit Sand für die Bremsen gefüllt werden.

"Die dreckigste Linie ist der 6er", erzählt Reinigungskraft Mustafa. Kein Wunder: Die Linie ist schließlich auch die längste der Stadt und transportiert pro Tag fast 70.000 Fahrgäste. Pro Jahr müssen mehr als 60.000 Liter Abfall aus Wiens Straßenbahnen geräumt werden – mit der Menge könnte man knapp 1000 herkömmliche Müllbeutel füllen. Die Reinigung einer Garnitur ist im Normalfall aber rasch erledigt. Nach Großveranstaltungen wie Fußballspielen dauert es „dank“ Bierdosenteppich aber auch manchmal länger.

Am Abstellgleis tauchen neben Nachtschwärmern, die im Wagen eingeschlafen sind, mitunter auch geheime Schätze auf: Ein Fahrer entdeckte im Vorjahr ein zerlumptes Plastiksackerl unter einem Sitz. Der Inhalt: 250.000 Dollar. Das mutmaßliche Drogengeld wurde der Polizei übergeben.

Die Straßenbahn in Wien

907 Millionen Fahrgäste waren 2012 mit den Wiener Linien unterwegs – ein Drittel davon mit der Straßenbahn

Mit insgesamt 174 Kilometern hat Wien das sechstgrößte Straßenbahnnetz der Welt

Insgesamt 29 Bim-Linien verkehren in der Bundeshauptstadt, die meistgenutzten sind der „6er“ und der „43er“ mit täglich rund 69.000 Fahrgästen

Der 140 Jahre alte Straßenbahn-Betriebsbahnhof Favoriten ist der größte der Stadt und beheimatet die Linien 1,6, D, 18, O und 67. Auf den 48 Abstellgleisen finden 85 Straßenbahnzüge und diverse Sonderfahrzeuge wie Schneepflüge Platz. 500 Mitarbeiter sind hier beschäftigt