Verschmutzung, Gratiszeitungen, Papier

© KURIER /gruber franz

Aktion scharf
09/13/2013

Sondertruppe gegen Müll in den Wiener U-Bahnen

200 Mitarbeiter sorgen ab Montag dafür, dass die Hausordnung eingehalten wird.

von Elias Natmessnig

Die morgendliche U-Bahn-Fahrt mit der U6 ist immer für eine Überraschung gut. „Heute Morgen wurde ich zum Beispiel vom Duft einer Leberkäs’-Semmel begrüßt“, sagt U6-Fahrgast Marta Ra. „Nicht gerade angenehm um diese Uhrzeit.“

Diese Empfindung teilen viele mit ihr. 2,5 Millionen Menschen fahren in Wien täglich mit den Öffis. Viele halten sich nicht an die Spielregeln. Mehr als 300 Mahnungen müssen die Mitarbeiter der Wiener Linien Tag für Tag aussprechen, auf einen Monat hochgerechnet sind das knapp 10.000. Neben geruchsintensivem Essen sorgen vor allem die ewig liegen gelassenen Gratiszeitungen, übermäßig lautes Musikhören und Telefonate in voller Lautstärke für Ärger bei den Fahrgästen. „Die privaten Probleme anderer Menschen interessieren mich nicht in dem Ausmaß, dass man sie in doppelter Lautstärke mitanhören müsste“, sagt U6-Fahrgast Erich Haller.

„Nicht hier!“

„Es kann nicht sein, dass eine Minderheit die Mehrheit stört“, sagt auch Wiener-Linien-Geschäftsführer Eduard Winter. Ab kommenden Montag starten die Verkehrsbetriebe daher eine dreiwöchige, 300.000 Euro teure Kampagne zum richtigen Verhalten in den Öffis.

„Mach, was du willst, aber bitte nicht hier!“, lautet das Motto, mit dem auf 500 Plakaten und in Kinowerbespots für die Einhaltung der Hausordnung geworben wird. Begleitet wird die Aktion von intensiven Kontrollen durch 200 Mitarbeiter eines Sondertrupps, die zuerst freundlich hinweisen sollen – aber auch Strafen aussprechen können. „Erst herzlich, dann hart“, formuliert Winter den Auftrag an seine Mannschaft. „Das ist keine Wohlfühl-Kampagne.“

Auch auf den eigenen Bahnsteigen wird aufgeklärt – durchaus humorvoll: So werden Menschen via Lautsprecherdurchsage dazu aufgerufen, ihre liegen gelassene Gratislektüre doch bitte beim Fundbüro abzuholen.

Zeitungen auf Boden und Sitzen gehören zum betrüblichen Alltag in den Öffis. Knapp 400.000 Exemplare verteilt Heute laut aktueller Auflagenkontrolle (ÖAK) täglich in Wien, Österreich folgt mit 315.000. Einmal gelesen wandern die wenigsten davon in den Mistkübel, sondern bleiben einfach liegen. „Nach der Lektüre kugeln sie überall in den Waggons herum“, bestätigt die passionierte Öffi-Fahrerin Marianne Tesar.

Die Sujets der Kampagne

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Hohe Kosten

„Jährlich müssen wir 54 Millionen Liter Müll entsorgen“, erklärt ein Sprecher der Wiener Linien. Einen großen Anteil machen genau jene Zeitungen aus. 1,5 Millionen Euro müssen die Verkehrsbetriebe im Jahr für die Entsorgung aufbringen.

Dazu kommen noch die Reinigungskosten. Knapp 300 Mitarbeiter befreien jede Nacht die Züge von Unrat und Schmutz. Mehr als 60 Reinigungskräfte sind auch untertags für mehr Sauberkeit unterwegs.

Bei den Fahrgästen dürfte die Aktion gut ankommen. „Viele Kunden unserer Hotline wünschen sich, dass wir mehr gegen die schwarzen Schafe unter unseren Fahrgästen unternehmen“, sagt ein Sprecher. Zusätzlich wird es nun auch eine eigene Verschmutzungs-Hotline geben. Unter ☎ 01/ 9009-100 können Fahrgäste auffallende Missstände melden.

Manche sind dennoch skeptisch. „Glauben Sie wirklich, dass das was nützt?“, fragt Getrude Rot. Die Wiener Linien haben ab Montag drei Wochen Zeit, diese Frage positiv zu beantworten.

Projekt U5 nimmt Fahrt auf

Bereits vor einem Jahr berichtete der KURIER über die Baupläne für eine U-Bahn-Linie U5. Jetzt kommt erneut Schwung in die Debatte: Nach den Wiener Linien scheint sich nun auch die zuständige Finanzstadträtin Renate Brauner (SPÖ) für eine Realisierung der sechsten U-Bahnlinie der Stadt zu interessieren. Es seien bereits konkrete Gespräche über die Umsetzung im Laufen, bestätigte Brauner gegenüber dem KURIER einen Bericht der Gratiszeitung Heute.

Die neue U-Bahn soll vor allem den 43er, den 13A und die U3 zwischen Westbahnhof und Volkstheater entlasten. Einen konkreten Streckenverlauf gibt es noch nicht. Dem Vernehmen nach soll die künftige U5 aber in Dornbach beginnen und über die Hernalser Hauptstraße bis ins Zentrum führen. Bei der Station Rathaus würden sich die U2 und U5 kreuzen. In der wahrscheinlichsten Variante würde die U5 die U2-Trasse in den Süden übernehmen, die U2 dafür über Neubau, Mariahilf, Margareten und den Matzleinsdorfer Platz bis zum Wienerberg geführt werden (siehe Grafik unten). Brauner schloss diese Variante am Donnerstag jedenfalls nicht aus.

Auch Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) meldete sich zu Wort. Sie bestätigte, dass in der rot-grünen Koalition derzeit "intensive Gespräche" geführt werden. Eine Erweiterung des Öffi-Angebots sei jedenfalls notwendig, da Wien wachse und die Verkehrsmittel hier Schritt halten müssten. Kein Geheimnis ist aber, dass die Grünen seit jeher aus Kostengründen eher für einen Ausbau des Bim-Netzes als der viel teureren U-Bahn plädieren.

Finanzierung offen

Bisher sind die Pläne für die neue U-Bahnlinie aber nur blanke Theorie. An eine Eröffnung der Linie vor dem Jahr 2020 ist derzeit nicht zu denken. Zu viele Fragen sind noch ungeklärt, vor allem die Finanzierung dürfte ein Knackpunkt werden. Bisher haben sich Stadt und Bund die Kosten des U-Bahn-Ausbaus zur Hälfte geteilt - ob dies so bleibt, ist offen. Die neue Strecke würde weit mehr als eine Milliarde Euro kosten. Auch aus bautechnischer Sicht dürfte der Plan schwierig umzusetzen sein. Eine endgültige Entscheidung zur U5 wird aber wohl noch heuer fallen, da der neue Masterplan Verkehr im Frühjahr 2014 beschlossen werden soll. Oberste Priorität bei den Wiener Linien genießt aber weiterhin die Verlängerung der U2 und der U1 bis 2019.

Von Seiten der Rathaus-Opposition wurde die U5-Debatte mit Wohlwollen kommentiert. "Bisher stand die SPÖ diesem Projekt reserviert bis ablehnend gegenüber, umso mehr freut es uns, dass Vizebürgermeisterin Brauner nun auch an einer Realisierung interessiert scheint", schrieb ÖVP-Wien-Chef Manfred Juraczka in einer Aussendung. "Wie sich die kolportierte Fertigstellung bis zum Jahr 2020 ausgehen soll, muss uns Renate Brauner aber noch erklären".

Die FPÖ hingegen hält die Pläne für unrealistisch. Verkehrssprecher Toni Mahdalik vermutet daher "ein leeres Wahlkampfversprechen".

So könnte die Strecke der neuen U5 verlaufen

Das riecht doch eh nicht übel

Mach, was du willst, aber bitte nicht hier“: Neue Wiener-Linien-Kampagne, alte Themen. Müll, Lärm und Gestank, das nervt die Öffi-Benutzer erwiesenermaßen am meisten.

Es solle, heißt es auf der Website der Wiener Linien, „auf Fehlverhalten wie zu lautes Musikhören, das Essen übel riechender Speisen, die Verunreinigung der Öffis oder belästigendes Telefonieren hingewiesen und klargemacht, dass dieses Verhalten im Sinne der großen Mehrheit der Fahrgäste nicht erwünscht ist.“ Wobei „übel riechende Speisen“ ein unglücklicher Begriff ist, da derjenige, der sich gerade eine Pizzaschnitte in den Mund schiebt, vermutlich keineswegs einen üblen, sondern einen ungemein lieblichen und appetitanregenden Geruch wahrnimmt, und sich somit ganz ungemeint fühlen darf.

Auch die Sache mit dem Müll hat einen Haken. Nicht erst seit gestern wissen wir, dass man Mist am besten verhindert, in dem man ihn gar nicht macht. Genau da haben die Wiener Linien ein erhebliches Defizit: Die „Verunreinigung von Öffis“ sei „nicht erwünscht“, heißt es im Text zur neuen Kampagne, „deswegen vergessen Sie bitte nicht, Ihre Zeitung beim Aussteigen auch wieder mitzunehmen“. Allerdings handelt es sich bei den zurückgelassenen Zeitungen vorwiegend um jene Gratiszeitung, die mit freundlicher Unterstützung der Wiener Linien erst in die U-Bahnen geholt und den Fahrgästen aufgedrängt wird: Ein Vertrag erlaubt es der Herausgeberin der Zeitung ausdrücklich, Boxen mit der Zeitung in U-Bahn-Stationen aufzustellen.

Die Wiener Linien erwarten also von ihren Kundinnen und Kunden, dass die das Altpapier entsorgen, das sich die Wiener Linien großzügig selbst hereinholen. Und machen es ihnen mit dieser Kampagne quasi zum Vorwurf, wenn sie das nicht tun. Und wenn schon, dann wären Altpapierbehälter in den Waggons konsequent.

Dass aber endlich der Verzehr warmer Mahlzeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln völlig tabu wird: Das ist allerhöchste Zeit.

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