Grindig und geil: Tschumsn sind wieder Kult

Eine Gruppe von Menschen versammelt sich vor einem Café namens „Schweden Espresso“.
Vom abendlichen Ausklang im Schmauswaberl bis zur Sperrstunde im Schweden Espresso sind es vor allem junge Leute, die derzeit die alten Tschumsn besuchen. Eine Spurensuche

Wer ein echtes, altes Espresso betritt, den beschleicht das Gefühl, in der US-Serie „Sliders“ aus den 90er-Jahren gelandet zu sein. Da springen Menschen durch ein Dimensionstor in parallele Welten.

Eine abendliche Straßenszene mit Restaurants und Passanten in der Stadt.

Blick in eine Bar mit Gästen, Pflanzen und Graffiti an den Wänden.

Einrichtung einer Bar mit Blumen, Getränken und Dekorationen an der Wand.

Ein Schild an einer Tür weist darauf hin, dass nach 22 Uhr keine Getränke mehr vor dem Lokal erlaubt sind.

Eine rote Bar mit Getränkekarte und Zapfhähnen für Bier und andere Getränke.

Ein mit Graffiti bedeckter Schrank in einem Raum mit beschmierten Wänden.

Ein mit Graffiti bedeckter Flur führt zu einer weiteren, ebenfalls mit Graffiti versehenen Toilette.

Eine Toilette mit Urinal, Wänden voller Graffiti und Postern, darunter eines von „Freud“.

Eines dieser Dimensionstore muss auf der Linken Wienzeile sein. Dort befindet sich das „Schmauswaberl“, von Fans liebevoll Schmausi genannt. Ein ranziges Espresso, das sich derzeit größter Beliebtheit erfreut, vor allem bei Jungen. Von Außen sieht man staubige Kakteen.

Drinnen eröffnet sich eine schummrige Dschungel-Welt: Tische im Safari-Muster, helle Fliesen, dunkles Holz. Alte Poster auf einer Spiegelwand, Barhocker mit Leder-Falten, beschmierte Wände. Auf der roten Schank steht mit Kreide geschrieben: Rüscherl oder Baucherl um 4,40 Euro. Nur Kenner wissen, dass es sich dabei um alkoholische Mischgetränke handelt.

„Das Schmausi ist halt kultig“, sind sich drei Soziologie-Studentinnen einig. Schuld daran seien Besuche von Autorin Stefanie Sargnagel oder Musiker Voodoo Jürgens. Dass Tschumsn wie das Schmauswaberl nun das große Lokalsterben wegen des Auslaufens der Coronahilfen als erste erreichen könnte, will man sich hier nicht vorstellen.

Im Schmausi findet man Urgesteine. Zum Beispiel Peter, 59-jähriger Musiker aus Favoriten, mit Kreolen und Jeans-Kappe: „Ich lass mich nicht in eine Schublade stecken“, sagt er, wenn man ihn fragt, welche Musik er gemacht hat. Das seit 1962 existierende Schmauswaberl repräsentiert für ihn die Stadt. „Wien war immer abgefuckt. Hier ist man tolerant, liberal, multikulti, frei“, sagt er.

An der Bar sitzt ein Mann, der von Athen träumt. Dahinter trinken zwei Autoren ihr Feierabend-Bier. Vielleicht kann man an diesem Ort noch Geschichten finden. „Hier ist es einfach cool“, sagt eine deutsche Studentengruppe.

Ein beleuchteter Musikautomat steht in einer Bar, im Hintergrund sitzen zwei Männer.

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch und lachen verlegen.

In einer Bar hängt eine Tafel mit der Aufschrift „Berliner Luft“ und Preisangaben.

Zeitschriften, darunter „Lust & Leben“ und Werbung für das Vienna Coffee Festival, hängen an einer Wand.

Eine Gruppe junger Leute sitzt in einer Bar bei Getränken.

Eine Flasche Henkell-Sekt neben einer ausgedruckten Titelliste von Musiktiteln.

Ein handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift „Only Cash!“ hängt an einem Fenster.

„Schmauswaberl“ war früher das Wort für die Frau, die Essensreste vom Kaiserhof verkaufte. „Essen gibt’s im Schmauswaberl nimmer, nur Mannerschnitten“, sagt Peter Balon. Der Ex-Disco-Betreiber hatte das Lokal vor fünf Jahren auf Willhaben entdeckt und glatt übernommen. „Ich habe nichts geändert, wir brauchen solche Orte“, sagt er. Das Schmausi sei ein Magnet für Junge und Künstler. „Weil es billig ist, weil die Stammgäste die Seele des Ortes sind.“

Schützt Denkmalschutz?

Wird Altes nicht bewahrt, kann das auch für Ärger sorgen. Das erlebte Influencer Hank Ge. Seine neue Speak-Easy-Bar Fitzcarraldo in der Neubaugasse ersetzte das urige Café Lambada. Für den Umbau wurde Ge kritisiert. „Wir haben die Discokugel behalten, alle Lambada-Gäste sind willkommen“, sagt er.

Zwei Männer gehen an einem sonnigen Tag an einem Geschäft vorbei.

In der Neubaugasse 38 gab es auch ein Kult-Lokal. Influencer Hank Ge musste sich wegen des Umbaus mit Kritikern auseinandersetzen.

Könnte man die Tschumsn durch Denkmalschutz bewahren? Prinzipiell kann auch ein „heruntergekommener Ort“ geschützt werden, heißt es aus dem Bundesdenkmalamt. Voraussetzung: eine geschichtliche, künstlerische oder kulturelle Bedeutung. Denkmalgeschützt werden in der Regel Traditionscafés. Einzige Ausnahme: Der von Oswald Haerdtl geplante Pavillon im Volksgarten, er gilt als Wiens erstes Espresso.

Zwei Männer stoßen in einer Bar mit Bier an.

Eine Frau in einem Lokal reicht einem Gast ein Getränk über die Theke.

Eine Flasche Henkell-Sekt neben einer ausgedruckten Titelliste von Musiktiteln.

In einer Bar stehen Spirituosen-Flaschen und Gläser auf Regalen.

Blick durch ein Fenster in eine Bar mit roten Wänden und einer Person im Hintergrund.

Dass Schweden Espresso am Schwedenplatz nicht denkmalgeschützt ist, sorgt für Unverständnis bei den Gästen: An der Bar trifft man Buchhalter, Ministeriumsmitarbeiter und wieder Soziologie-Studenten. „Ich bin ein Gastronaut“, sagt ein Stammgast. Bardame Annette kann sich ihr Lachen nicht verkneifen. Prosecco-Flaschen werden bestellt, in der Ecke liest ein Stammgast Zeitung. Auf der anderen Seite feiert ein Architekturstudent Geburtstag. „Das Beste ist die gratis Jukebox“, sagt er. Während die Studenten Gigi D’Agostino einwerfen, sorgt der Buchhalter mit Fendrich für Stimmung.

 

Eine Gruppe von Menschen versammelt sich vor einem Café namens „Schweden Espresso“.

Ein Mann mit Hut hält ein leuchtendes Spielzeug in Hasenform in der Hand.

Eine lachende Frau mit einer Rose in der Hand unterhält sich mit einem Mann.

In dieser Dimension verschwimmen Grenzen, die Musik eint bis zur Sperrstunde um 2 Uhr. Dann rutscht man zurück in die bekannte Zeitzone. Wer wieder sliden will, muss bis 7 Uhr warten. Da sperrt das Schweden Espresso wieder auf.

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