Die Lehrer sind immer häufiger mit gewaltbereiten Schülern konfrontiert.

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Chronik Wien
05/12/2019

Gewalt an Schulen: „Empathie fehlt, nur das Ich ist wichtig“

Der Vorfall an der HTL Ottakring ist kein Einzelfall. Pädagogen berichten und nennen die Gründe.

von Ida Metzger

Mindestens ein kritischer Vorfall pro Woche landet beim langjährigen Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Thomas Krebs am Tisch. „Das sind die mutigen Lehrer, die sich diesen Schritt trauen. Die Dunkelziffer ist sicher viel höher“, ist sich der Lehrerfunktionär sicher. Nicht jede Causa ist von einer derartigen Brisanz wie der Vorfall in der HTL-Ottakring. Manche Eskalationen sind allerdings sogar heftiger, berichtet Krebs über den Alltag an Österreichs Schulen.

So wurde erst kürzlich ein Lehrer von einem Vater regelrecht verprügelt. „Er fand, dass sein Sohn ungerecht behandelt wurde. Der Lehrer musste stationär aufgenommen werden.“ Beim Vater scheint jede Hemmschwelle gefallen zu sein. Die Attacke endete mit der Androhung, dass das jederzeit „wieder passieren könne, wenn sich der Lehrer nicht benimmt“.

"Eltern sind abhanden gekommen"

Massiv verschärft hat sich das Problem mit der Aggressionsbereitschaft in den vergangenen vier Jahren. Die Gründe für die aktuellen dramatischen Szenen sind ein Mix aus vielen gesellschaftlichen Entwicklungen. Insgesamt, so attestiert Krebs, leben „wir derzeit in einer Beschwerdekultur“. An den Schulen spielt die „Zuwanderung natürlich eine große Rolle“. Die Kinder schleppen auch immer größere emotionale Rucksäcke mit sich. Außerdem sind die „Eltern in der Schule abhanden gekommen“. So stehen die Lehrer vor dem Problem, dass sich die Eltern „nicht um die Kinder kümmern“. Entweder erscheinen sie gar nicht oder eben aggressiv zu vereinbarten Gesprächsterminen.

Gerne wird dieses zunehmende Phänomen der Verwahrlosung der Kinder als Problem von Brennpunktschulen in Ballungszentren abgetan. Dem ist nicht so.

Auch im ländlichen Raum ist diese problematische Entwicklung zu beobachten. Sonja Schärf ist Direktorin an einer Privatschule in der Nähe von Wiener Neustadt – auch hier gibt es Kinder, die „ohne Socken erscheinen oder ohne Frühstück und Jause in die Schule kommen und Hunger haben“, berichtet Schärf. Die Direktorin führt dieses Defizit auf den zunehmenden Druck in der Arbeitswelt zurück.

Immer öfters beobachtet Schärf, dass die Eltern offenbar das Gespür verloren haben, was man Kindern in jeweiligen Alter zumuten kann. „Entweder sind die Schüler überbehütet oder sie sind auf sich alleine gestellt. Das gesunde Mittelmaß ist kaum mehr vorhanden.“

Ganz wichtig sei, so die Pädagogin, dass die Kinder schon in der Volksschule lernen, wie man mit Konflikten unter Gleichaltrigen umgeht. Aber gerade Konflikte sind bei den Eltern ein Tabuthema. „Kaum berichten die Kinder von kleinen Auseinandersetzungen mit Mitschülern, wird sofort von Mobbing gesprochen“, so Schärf.

Dabei wäre der soziale Lerneffekt, wie man Konflikte bewältigt, so enorm wichtig. „Bei einer kleinen, harmlosen Rangelei lernen die Kinder schon früh, dass Aggressivität Schmerzen verursachen kann. So eine Erfahrung ist wichtig. Bei Computerspielen, wo auch gekämpft, haben sie diese Erfahrung nicht“, kritisiert Schärf. Die Empathie für die anderen fehlt den Kindern. „Nur das Ich ist wichtig.“

Time-out-Klassen

Doch wie kann man dieser gesellschaftlichen Entwicklung Herr werden?

Unterrichtsminister Heinz Faßmann will österreichweit auf „Time out“-Klassen setzen, um gewaltbereite Schüler künftig in den Griff zu bekommen. Die FPÖ zieht mit der Idee von Erziehungscamps ins Feld.

Die beiden Pädagogen sind für alle Ideen offen. Doch bleiben viele Fragen offen:  „Das sind alles Schlagworte. Wie sollen die Konzepte konkret ausschauen? Und vor allem: Wer zahlt die neuen Modelle“, so Krebs.

Auch die Privatschuldirektorin wünscht sich die Bereitstellung der derzeit zu geringen, nötigen Ressourcen. Für eine Million Schüler gibt es nur 200 Sozialarbeiter. „Wir brauchen die Experten ohne viel Bürokratie - bevor es zu Eskalationen kommt.“ Ein zweiter wichtiger Schritt wäre, wenn die Eltern, aber auch Lehrer ohne Furcht signalisieren könnten, wenn sie professionelle Hilfe brauchen. „Das ist aber für beide Seiten noch ein Tabu, weil man als gescheitert gilt. Wir brauchen mehr gegenseitige Offenheit“, so Schärf.

Auch bei den Lehrern gibt es ein Umdenken. „Immer mehr setzt sich in der Lehrerschaft das Gefühl durch, dass sie sich  diese Attacken nicht mehr gefallen lassen. Das war früher nicht so“, so Krebs.

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