Chronik | Wien
07.01.2013

Frau auf U-Bahn-Gleise gestoßen

Samstag-Nacht wurde eine Kenianerin aus Fremdenhass auf die Gleise gestoßen. Warum häufen sich die Straftaten in der U-Bahn in letzter Zeit so deutlich?

Hass auf Fremde dürfte das Motiv eines Mordversuchs in der Wiener U-Bahn gewesen sein. Die Schreckenstat passierte Samstag um 23.40 Uhr in der U2-Station Taborstraße. Dabei wäre eine 36-jährige Kenianerin beinahe von einer einfahrenden U2-Garnitur erfasst worden. Denn die Frau wurde mit voller Absicht auf die Gleise gestoßen.

Bis dato gab es in Wien noch keinen vergleichbaren Fall, mit einem nur annähernd hohen Aggressionspotenzial: Josef S., 51, Elektriker aus Wien stand in der Nacht auf Sonntag mit seiner Lebensgefährtin auf dem Bahnsteig der Station Taborstraße. Neben ihm telefonierte die 39-jährige Sharon H. aus Ghana. Begleitet wurde sie von ihrer Freundin Nelly N., 36, aus Kenia.

Der Elektriker fühlte sich gestört, sprach die telefonierende Frau an und beschimpfte sie mit ausländerfeindlichen Parolen. Daraufhin versuchte die 36-jährige Kenianerin zu schlichten. „Es ergab sich zwischen den Beiden ein Wortgefecht“, beschreibt Polizeisprecher Thomas Keiblinger die Situation. Ohne Vorwarnung rastete der 51-Jährige plötzlich aus, schlug der Kenianerin mehrfach ins Gesicht und stieß sie mit voller Absicht auf die Gleise der U-Bahn. Laut Polizei gibt es Zeugen, die diesen Tathergang bestätigen.

Die Kenianerin zog sich bei dem Sturz auf die Schienen einen komplizierten Bruch des Fersenbeins zu. Sie blieb auf dem Gleiskörper schreiend liegen. Zu diesem Zeitpunkt raste eine U-Bahn-Garnitur in Richtung Station Taborstraße. Der moderne V-Wagen war von der auf den Gleisen liegenden, schwer verletzten Frau nur noch 30 Sekunden entfernt.

Anonymer Lebensretter

Geistesgegenwärtig betätigte ein Fahrgast, er stand auf dem Bahnsteig, den Zug-Notstopp in der Station. Der Lebensretter wollte vorerst anonym bleiben.

Der Fahrer des heranbrausenden Zuges konnte dank Lichtsignale im Tunnel noch bremsen. „Er war mehr als 110 Meter von der Frau entfernt. Wäre die Distanz geringer gewesen, hätte eine Zwangsbremsung automatisch gewirkt. Es hätte aber sehr eng werden können“, erklärte Wiener-Linien-Techniker Gerhard Hededüs.

Während die U-Bahn mit funkensprühenden Rädern abbremste, floh der Täter. Allerdings konnte die Freundin des Opfers, die Lebensgefährtin des Elektrikers bis zum Eintreffen der Polizei festhalten. Über sie forschte das Landeskriminalamt Josef S. aus. Er sitzt in U-Haft und bestreitet jede Verletzungsabsicht.

Die Gewalt in der U-Bahn explodiert. So vergewaltigte Mustafa A. im November mindestens drei Frauen. Am 18. Dezember wurde eine 23-Jährige ebenfalls Opfer eines Vergewaltigers. Zu Weihnachten prügelten drei Rowdys eine Lehrerin krankenhausreif und vergangenen Samstag schlugen zwei Mädchen (18, 19) eine Studentin und eine Polizistin nieder.

Die Wiener Linien verweisen auf die Sicherheitstipps: In heiklen Situationen die Notruftaste in Zügen und in Stationen verwenden, sowie den Zug-Notstopp ziehen, wenn Personen aufs Gleis fallen. 5000 Kameras überwachen Stationen und Garnituren. 100 Polizisten und 300 Mitarbeiter der Wiener Linien patrouillieren täglich durch Stationen und Züge.

Am KURIER-Telefon: Sicherheit in den Öffis

Wiens Landespolizeikommandant Karl Mahrer steht KURIER-Lesern am kommenden Mittwoch (9. Jänner) von 13.30 bis 14.30 Uhr im Rahmen einer KURIER- Telefonsprechstunde Rede und Antwort. Thema: Sind Wiens Öffis noch sicher? Sie erreichen Mahrer unter 01/ 52100 - 2303.

„Die U-Bahn ist wie ein öffentlicher Hinterhof“

KURIER: Warum häufen sich die Straftaten in der U-Bahn in letzter Zeit so deutlich?

Roßmanith: Die Aggression nimmt generell zu. Die U-Bahn ist ein Ort, an dem sich die Menschen reiben. Hier gibt es eine gewisse Dichte an Eindrücken, Gedränge. Die Begegnungen sind nicht auswählbar. Die Gewalt ist bedürfnisorientiert. Etwas, das sich aufgestaut hat, kann sich durch Kleinigkeiten entladen. Ein geringer Anlass kann eine riesige Tat ins Rollen bringen. Die U-Bahn ist wie ein öffentlicher Hinterhof. Wobei: Ein Großteil der Gewalttaten passiert daheim.

Ein Mann stößt eine Afrikanerin auf die Gleise, weil er sich durch ein Telefonat gestört fühlt. Wie kann eine solche Kleinigkeit derart eskalieren?

Da kann eine gewisse Intoleranz im Spiel sein. Hätte er das auch bei einer Wienerin getan? Oder hätte er das überhaupt bei einem stämmigen Mann versucht?

Die U-Bahnen sind meist stark frequentiert. Die Wiener Linien verstärken die Kamera-Über­wachung – hält das Täter ab?

Bei einer spontanen Abreaktion denkt kein Täter an Kameras. Eine Kamera schreckt nicht ab. Zehn vielleicht.