Chronik | Wien
05/06/2016

FPÖ-Politiker trauert um Mordopfer

Betroffenheit auch bei Freunden und Verwandten: "Maria ist derzeit Thema Nummer eins".

Seit vergangenem Herbst gilt Simmering als die Freiheitliche Hochburg in Wien. Der Mord an der 54-jährigen Reinigungskraft Maria Eschelmüller am Brunnenmarkt in Ottakring bewegt aber jetzt nicht nur das Wohnumfeld des Opfers. Auch die Bezirkspolitik ist entsetzt, war Eschelmüller doch ein aktives FPÖ-Parteimitglied.

Der einzige blaue Bezirksvorsteher Wiens, Paul Stadler, erfuhr am Freitag vom KURIER, wer das Opfer vom Brunnenmarkt war: "Ein Wahnsinn. Ich bin tief geschockt", sagt Stadler. Er kannte Eschelmüller seit mehreren Jahren, man sah einander regelmäßig.

"Sie hatte keine Funktion bei uns, war aber Parteimitglied und praktisch bei jeder Veranstaltung mit dabei. Wir haben uns oft getroffen und immer nett unterhalten", erzählt der Freiheitliche Politiker. Bei einer dieser Veranstaltungen entstand auch das Foto, das den Bezirkschef mit der 54-Jährigen zeigt. Stadler: "Sie war eine ganz liebe, lustige und aufgeweckte Frau. Sie war auch sehr hilfsbereit, für jeden da. Wir werden sie sehr vermissen."

Eschelmüller lebte in Simmering in einem Grätzel, in dem sich Gemeindebau an Gemeindebau reiht. Trafik, Bäckerei und Friseur sind seit Langem geschlossen, bloß ein türkischer Supermarkt hat geöffnet. Im Schatten der Hochhäuser liegt ein unscheinbares Café. Zwei Männer stehen am Tresen und halten sich an ihren Bieren fest. Am Tisch nebenan sitzt Hilde und raucht eine Zigarette nach der anderen.

"Ein Wahnsinn"

Sie alle kannten das Mordopfer: "Fürchterlich und unbeschreiblich" sei dieses Verbrechen, einfach "ein Wahnsinn". Man spreche in der Nachbarschaft über nichts anderes. "Als Frau fühle ich mich auf der Straße nicht mehr sicher", schildert Hilde.

Ihr Bekannter pflichtet ihr bei: "Das ist auch ein Versagen der Justiz. Wie kann das sein, dass jemand so viele Straftaten begeht, ohne dass ihm etwas passiert?"

In einem Wirtshaus ein paar Häuser weiter war Eschelmüller oft zu Gast. Wirtin Gina S. war eine gute Freundin von ihr. "Maria war immer lustig: Eine richtige Turbo-Powerfrau. Sie war so fleißig, dass sie praktisch null Freizeit hatte", beschreibt sie. "Erst am Montag waren wir noch gemeinsam Mittagessen."

Trauer und Wut

Sie könne das Geschehene nicht fassen, schwanke zwischen Trauer und Wut: "Wie kann das sein, dass so jemand nicht abgeschoben wird?", sagt sie über den mutmaßlichen Täter. "Der müsste doch sofort zum Flughafen gebracht werden."

Generell sei das Leben in Wien unsicherer geworden: "In der Nacht mit der U-Bahn zu fahren würde ich niemandem raten. Und als Frau im Mini-Rock muss man sich mittlerweile fürchten." Ohne ihre beiden Hunde gehe sie nachts kaum noch auf die Straße, dennoch habe sie ein mulmiges Gefühl: "Ich warte schon darauf, bis mich jemand ermahnt, dass meine Hunde keinen Beißkorb tragen", sagt die Wirtin. "Aber so lange Mörder ohne Beißkorb herumlaufen, brauchen meine Hunde auch keinen."

Neben ihr sucht Walter K. nach den richtige Worten, um seine Gedanken auszudrücken. Er ist schockiert, denn er kannte Eschelmüller seit Jahrzehnten: Sein Bruder ist mit ihrer Tochter verheiratet. "Nett, zuvorkommend und hilfsbereit" sei sie gewesen. "Das ist doch nicht normal", wiederholt er immer wieder. Er könne die schreckliche Tat nicht realisieren: "Früher wurde man vielleicht erschlagen, weil einem jemand Geld rauben wollte. Heute einfach deshalb, weil man zur falschen Zeit am falschen Ort war", sagt er kopfschüttelnd.

Dieser Tage trägt Gina S. jedenfalls ausschließlich schwarz. In ihrer Gaststube hängt ein ausgedrucktes Foto zur Erinnerung an ihre Freundin: "Denn die Maria, die ist in Simmering derzeit Thema Nummer eins."

Ein Gutachten soll die Zurechnungsfähigkeit des 21-Jährigen klären.

Über den 21-jährigen Mann, der die 54-jährige Wienerin Maria Eschelmüller in der Nacht auf Mittwoch in Wien-Ottakring mit einer Eisenstange erschlagen haben soll, ist Freitagnachmittag die U-Haft verhängt worden. Der Kenianer Francis N. zeigte sich bei seiner ersten justiziellen Befragung grundsätzlich "einvernahmefähig", schilderte Christina Salzborn, Sprecherin des Wiener Straflandesgerichts. "Er bestreitet aber nach wie vor, am Tatort gewesen zu sein."

Offen ist, ob der Mann zum Tatzeitpunkt überhaupt zurechnungsfähig und damit schuldfähig war. Zur Klärung dieser Frage wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft ein psychiatrisches Gutachten eingeholt. Die U-Haft ist vorerst bis 20. Mai wirksam.

Der Tatverdächtige dürfte am Brunnenmarkt in Ottakring seit Längerem als Unruhestifter bekannt gewesen sein: Er lebte dort als Obdachloser und soll wegen gewalttätigen Verhaltens und des Verkaufs von Cannabis eine Art "Stammkunde" der Polizeiinspektion Brunnengasse gewesen sein.

Nach zwei gerichtlichen Verurteilungen – zuletzt hatte N. 2013 acht Monate teilbedingt kassiert, wovon er zwei Monate absitzen musste – soll er im Vorjahr erstmals einen Mann mit einer Eisenstange attackiert haben. Dabei blieb es bei einer leichten Körperverletzung. "Zudem ist der Vorfall erst drei Wochen nach der Tat angezeigt worden", erläutert Nina Bussek, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Daher habe es aus damaliger Sicht keinen Grund gegeben, den 21-Jährigen in Haft zu nehmen: "Es hat sich um ein bezirksgerichtliches Delikt gehandelt."

Laut Polizei wurde der Verdächtige insgesamt 18-mal angezeigt. Für die Justiz war N. mangels einer Meldeadresse zuletzt nicht greifbar. Er war daher zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben.

Der freiheitliche Volksanwalt Peter Fichtenbauer kündigt indes ein Prüfverfahren an. Er vermutet "jahrelange Untätigkeit" der Polizei. Für Fichtenbauer ist es "nicht nachvollziehbar", dass der Mann zuletzt nicht auffindbar gewesen sein soll. "Was die Polizei in all den Jahren sowohl in kriminalpolizeilicher als auch in fremdenpolizeilicher Hinsicht unternommen hat, ist unklar und wird untersucht", sagte er.

Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) wiederum will nun sämtliche negativ rechtskräftigen Asylbescheide nochmals fremdenpolizeilich prüfen. Es soll geklärt werden, woran in diesen Fällen die Abschiebung scheiterte. Kanzler Werner Faymann (SPÖ) sicherte seine "volle Unterstützung" zu. Er sprach sich für "durchführbarere Maßnahmen" aus, um "konsequente Abschiebungen" möglich zu machen.