Chronik | Wien
30.09.2018

Ende der Ära Tiller: "40 Jahre war Döbling mein König"

Wiens längst dienender Bezirkschef, Adi Tiller, geht in Pension. Der ÖVP-Vollblutpolitiker im Porträt.

„Wenn ich ein Urgestein sein soll, dann ist er ein Erzgebirge“, streut Altbürgermeister Michael Häupl (SPÖ), der 24 Jahre im Amt war, einem politischen Kontrahenten Rosen: Adi Tiller – dem längst dienenden Bezirksvorsteher Wiens. Der ÖVP-Mann, der am 31. Oktober nach 40 Jahren als Bezirkschef abtritt, habe stets Handschlagqualität unter Beweis gestellt.

„Er ist ein Fan von ,tun, statt reden’“, meint die ÖVP-Klubobfrau im Gemeinderat, Elisabeth Olischar. Für die Döblingerin ist Tiller einer, der das Gespräch suche und Kompromisse finden wolle.

Es gibt aber auch kritischere Stimmen. SPÖ-Landesgeschäftsführerin Barbara Novak, vormals stellvertretende Döblinger Bezirksvorsteherin, attestiert Tiller zwar, ein bodenständiger, „mit allen Wassern gewaschener Vollblutpolitiker“ zu sein, dessen größte Stärke die Volksnähe sei. Sie sagt aber auch: „Tiller ist ein Politiker aus dem vorigen Jahrhundert, ein Bezirkskaiser“, der „andere Parteien oft spüren lasse, wer Herr im Döblinger Haus ist“.

Was Tiller definitiv ist: Immer für sein Döbling da. Während des KURIER-Interviews läutet mehrmals das Telefon. Jedes Mal hebt der Bezirkschef ab, hört sich das Anliegen des Anrufers geduldig an und versucht spontan zu helfen. Wenn er dabei vom Bezirk spricht, sagt er „bei mir“.

Keine Luftschlösser

Der Kunde sei König, verrät Tiller sein Erfolgsrezept. Bevor er 1969 in die Politik ging, sei das in der Creditanstalt, wo er nach der Matura arbeitete, und an der Tankstelle, die er vom Vater übernommen hatte, genauso gewesen. Und vier Jahrzehnte „war eben Döbling mein König“. „Darum war ich 40 Jahre jeden Tag um 7.45 Uhr im Büro und oft bis Mitternacht in Sitzungen“, erzählt der Urgroßenkel von Josef Strobach, Wiens erstem christlichsozialen Bürgermeister.

„Die Leute vertrauen dem Tiller“, erklärt dieser. „Weil sie wissen, dass ich die Wahrheit sage; weil ich nichts verspreche, was ich nicht halten kann; weil ich keine Luftschlösser baue.“

Seit Tiller 1978 die Vorherrschaft der SPÖ im Bezirk durchbrach, wurde der 79-Jährige bei acht Wahlen bestätigt – 2015 mit 2598 Vorzugsstimmen. Eine davon stamme von Ex-SPÖ-Finanzminister Hannes Androsch – „der sagt, die ÖVP könne er nicht ankreuzen, aber den Tiller schon“.

Mit der SPÖ habe es nie Schwierigkeiten gegeben. Besonders gut in Erinnerung blieb ihm Bürgermeister Helmut Zilk, der den Bezirken ein eigenes Budget bescherte. Und auch mit Häupl habe er „hervorragend kooperiert“. Die Realisierung des Biosphärenparks Wienerwald sei eine Idee des 19. Bezirks gewesen, die man gemeinsam umgesetzt habe.

In Tillers Amtszeit gelang viel, was die Lebensqualität im Bezirk erhöhte. „Weil ich nicht lang red’.“ Ein Beispiel: In den 1980ern habe man das Kleinsteinpflaster in der Cobenzlgasse kurzerhand durch Asphalt ersetzt, weil die Lkw die Anrainer aus dem Schlaf rissen – obwohl die Gasse unter Denkmalschutz stand.

Tiller bleibt zwar ÖVP-Bezirksparteichef, als Bezirksvorsteher beerbt ihn aber sein Vize, Daniel Resch. In der Pension bleibt nun endlich Zeit für seine zwei Urenkel und für Gattin Hannelore, mit der er seit 57 Jahren verheiratet ist.

Auf der Straße wird er jedenfalls weiter erkannt. Oder wegen seiner Frisur mit dem nö. Ex-Landeshauptmann Erwin Pröll verwechselt. Das passiere oft, sagt er. Nachsatz: „Aber der ist mir nicht nachgekommen.“ Punkto Dienstzeit. Weil Pröll war „nur“ 25 Jahre im Amt.