Ein Jahr Corona: Das leere Wien in Bildern - vom Boden und von oben

Blick von einer Terrasse auf eine Stadt unter einem bewölkten Himmel.
Fotograf und Wien-Auskenner Christian Fürthner hat die Stadt im ersten Lockdown dokumentiert – und ist dabei dem speziellen Rhythmus der abgelichteten Orte gefolgt.

Christian Fürthners Job ist es, ab und zu die Leere zu suchen. Und er weiß ganz genau, wann man diese in Wien üblicherweise findet.

Wenn man am Sonntag zu früh hinaus gehe, seien noch viele Jugendliche unterwegs – auf dem Weg nach Hause vom Feiern. „Aber gegen 8, halb 9, da ist es dann wirklich ruhig.“ Zeit für Fürthner, auszurücken.

Fürthner ist selbstständiger Fotograf und lichtet als solcher vor allem den öffentlichen Raum und Architektur ab. Manche Kunden, sagt er, wollen genau das sehen: ein Gebäude – und sonst nichts.

Der Anblick des leeren Wiens ist Fürthner deshalb vertraut. Und doch war es für ihn unheimlich, als vor fast genau einem Jahr der erste Lockdown die Stadt quasi leer fegte.

Initialzündung

Damals, im März 2020, machte Fürthner gerade die letzten noch fehlenden Fotos für seinen aktuellen Wien-Führer.

Luftaufnahme des Volksgartens in Wien mit dem Theseustempel im Vordergrund.

Mittwoch, 9.45 Uhr

Der Theseustempel im Volksgarten. 

Ein belebter Platz in Wien mit Blick auf historische und moderne Gebäude.

Donnerstag, 12.10 Uhr

Der Stephansplatz mit Dom und Haas-Haus. 

Blick über den Wiener Prater mit dem markanten Wasserturm im Hintergrund.

Mittwoch, 13.42 Uhr

Der Augarten mit einem der Flaktürme. 

Luftaufnahme des Karlsplatzes in Wien mit dem Café Museum im Hintergrund.

Samstag, 10.17 Uhr

Operngasse, Friedrichstraße und Karlsplatz. 

Blick von oben auf einen Markt mit Obst- und Gemüseständen.

Mittwoch, 11.27 Uhr

Der Brunnenmarkt in Ottakring. 

Blick auf eine grüne Allee mit Bäumen in Wien, im Hintergrund die Hofburg.

Mittwoch, 9.48 Uhr

Der Universitätsring im 1. Bezirk. 

Blick von oben auf eine Dachterrasse mit Tischen und Stühlen in einer städtischen Umgebung.

Mittwoch, 11.28 Uhr

Die Dachterrasse des Lokals Wirr am Yppenplatz. 

Als er zu diesem Zweck auf dem Rathausplatz stand, begriff er langsam, dass er gerade etwas Historisches erlebte: „Der Rathausplatz wird gefühlt zehn bis 14 Tage im Jahr nicht bespielt und mit dem ersten Lockdown ist er dann über einen längeren Zeitraum einfach komplett leer gewesen“, sagt Fürthner. „Da ist dann eine Düsternis spürbar.“

Ein paar Gehminuten weiter, an der leeren Kreuzung von Kohlmarkt und Graben, realisierte er es dann so richtig: „Es war Freitag gegen 13.30 Uhr. Normalerweise sind da alle unterwegs. Das war schon außergewöhnlich.“

Dieser Moment war die Initialzündung für Fürthners Fotoprojekt „Lockdown“. Bis April des Vorjahrs fotografierte er bekannte und weniger bekannte Flecken Wiens – vom Boden aus und mit der Drohne aus der Luft.

An die 3.500 Fotos entstanden in dieser Zeit. Sobald ein Verlag gefunden ist, soll daraus ein Fotobuch werden.

Eigener Puls

Die Bilder machte Fürthner ganz bewusst zu Zeiten, an denen die ausgewählten Orte sonst besonders belebt sind.

Das Wiener Riesenrad und der Wurstelprater an einem sonnigen Tag.

Samstag, 12.28 Uhr: Riesenradplatz im Wurstelprater. 

„An einem Dienstagnachmittag im Frühling kann man den Prater beschaulich erleben“, sagt Fürthner. „Am Wochenende diese Stille zu erleben, war einzigartig.“

Für jeden Ort gelten dabei andere Muster: „Jeder weiß, dass in der Rotenturmstraße wochentags zu Mittag viel los ist. Die Leute machen Mittagspause und gehen Einkaufen.“

Blick auf eine belebte Straße in Wien mit Geschäften und Passanten.

Donnerstag, 12.30 Uhr: Rotenturmstraße, Blick zum Kai. 

Dort um diese Uhrzeit allein zu sein, sei nur im Lockdown möglich gewesen.

Hoffotograf

In welchem Rhythmus die unterschiedlichen Ecken Wiens ticken, weiß Fürthner deshalb so gut, weil er die Stadt schon lange beobachtet.

Das Rathaus ist sein Hauptkunde: Seit 23 Jahren fotografiert der Wiener für die Stadträte und für die Dienststellen des Magistrats. Sein thematischer Fokus: die Stadtentwicklung.

Leere ist bei seinem Hauptkunden selten gefragt, sagt Fürthner: „Bei meiner Arbeit für das Rathaus geht es darum, den öffentlichen Raum so zu fotografieren, wie er normalerweise ist: belebt, voller Menschen.“

Wie eh und je

Je länger die Pandemie dauert, desto leichter kann er diese Aufgabe wieder erfüllen: „Ein Jahr nach dem ersten Lockdown gibt es tagsüber keine leeren Straßen oder Plätze mehr. Im Gegenteil: Die Stadt ist zu belebt, der Verkehr wie eh und je.“

Für Fürthner heißt das: Sollte er doch einmal die Leere brauchen, findet er sie tendenziell wieder Sonntagfrüh.

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