Dienstag, 13.26 Uhr: die beliebte Aussichtsterrasse am Kahlenberg in Döbling. 

© Christian Fürthner

Chronik Wien
03/19/2021

Ein Jahr Corona: Das leere Wien in Bildern - vom Boden und von oben

Fotograf und Wien-Auskenner Christian Fürthner hat die Stadt im ersten Lockdown dokumentiert – und ist dabei dem speziellen Rhythmus der abgelichteten Orte gefolgt.

von Stefanie Rachbauer

Christian Fürthners Job ist es, ab und zu die Leere zu suchen. Und er weiß ganz genau, wann man diese in Wien üblicherweise findet.

Wenn man am Sonntag zu früh hinaus gehe, seien noch viele Jugendliche unterwegs – auf dem Weg nach Hause vom Feiern. „Aber gegen 8, halb 9, da ist es dann wirklich ruhig.“ Zeit für Fürthner, auszurücken.

Fürthner ist selbstständiger Fotograf und lichtet als solcher vor allem den öffentlichen Raum und Architektur ab. Manche Kunden, sagt er, wollen genau das sehen: ein Gebäude – und sonst nichts.

Der Anblick des leeren Wiens ist Fürthner deshalb vertraut. Und doch war es für ihn unheimlich, als vor fast genau einem Jahr der erste Lockdown die Stadt quasi leer fegte.

Initialzündung

Damals, im März 2020, machte Fürthner gerade die letzten noch fehlenden Fotos für seinen aktuellen Wien-Führer.

Mittwoch, 9.45 Uhr

Der Theseustempel im Volksgarten. 

Donnerstag, 12.10 Uhr

Der Stephansplatz mit Dom und Haas-Haus. 

Mittwoch, 13.42 Uhr

Der Augarten mit einem der Flaktürme. 

Samstag, 10.17 Uhr

Operngasse, Friedrichstraße und Karlsplatz. 

Mittwoch, 11.27 Uhr

Der Brunnenmarkt in Ottakring. 

Mittwoch, 9.48 Uhr

Der Universitätsring im 1. Bezirk. 

Mittwoch, 11.28 Uhr

Die Dachterrasse des Lokals Wirr am Yppenplatz. 

Als er zu diesem Zweck auf dem Rathausplatz stand, begriff er langsam, dass er gerade etwas Historisches erlebte: „Der Rathausplatz wird gefühlt zehn bis 14 Tage im Jahr nicht bespielt und mit dem ersten Lockdown ist er dann über einen längeren Zeitraum einfach komplett leer gewesen“, sagt Fürthner. „Da ist dann eine Düsternis spürbar.“

Ein paar Gehminuten weiter, an der leeren Kreuzung von Kohlmarkt und Graben, realisierte er es dann so richtig: „Es war Freitag gegen 13.30 Uhr. Normalerweise sind da alle unterwegs. Das war schon außergewöhnlich.“

Lockdown
Für sein Fotoprojekt hat Christian Fürthner binnen vier Wochen 3.500 Bilder vom leeren Wien gemacht – am Boden und mit der Drohne. Geplant ist ein Fotobuch, derzeit sucht er einen Verlag. Eindrucksvolle Bilder von seinen Streifzügen durch die Stadt zeigt Fürthner auch auf seinem Instagram-Profil

Wien für Fortgeschrittene
Einen Stadtführer für alle, die glauben, Wien eh schon zu kennen, hat Fürther mit der Autorin Ilse König herausgebracht: In liebevoll zusammengestellten Touren bringen sie die Leser an neue Lieblingsorte. (208 Seiten, Styria Verlag, 28 Euro)

Dieser Moment war die Initialzündung für Fürthners Fotoprojekt „Lockdown“. Bis April des Vorjahrs fotografierte er bekannte und weniger bekannte Flecken Wiens – vom Boden aus und mit der Drohne aus der Luft.

An die 3.500 Fotos entstanden in dieser Zeit. Sobald ein Verlag gefunden ist, soll daraus ein Fotobuch werden.

Eigener Puls

Die Bilder machte Fürthner ganz bewusst zu Zeiten, an denen die ausgewählten Orte sonst besonders belebt sind.

„An einem Dienstagnachmittag im Frühling kann man den Prater beschaulich erleben“, sagt Fürthner. „Am Wochenende diese Stille zu erleben, war einzigartig.“

Für jeden Ort gelten dabei andere Muster: „Jeder weiß, dass in der Rotenturmstraße wochentags zu Mittag viel los ist. Die Leute machen Mittagspause und gehen Einkaufen.“

Dort um diese Uhrzeit allein zu sein, sei nur im Lockdown möglich gewesen.

Hoffotograf

In welchem Rhythmus die unterschiedlichen Ecken Wiens ticken, weiß Fürthner deshalb so gut, weil er die Stadt schon lange beobachtet.

Das Rathaus ist sein Hauptkunde: Seit 23 Jahren fotografiert der Wiener für die Stadträte und für die Dienststellen des Magistrats. Sein thematischer Fokus: die Stadtentwicklung.

Leere ist bei seinem Hauptkunden selten gefragt, sagt Fürthner: „Bei meiner Arbeit für das Rathaus geht es darum, den öffentlichen Raum so zu fotografieren, wie er normalerweise ist: belebt, voller Menschen.“

Wie eh und je

Je länger die Pandemie dauert, desto leichter kann er diese Aufgabe wieder erfüllen: „Ein Jahr nach dem ersten Lockdown gibt es tagsüber keine leeren Straßen oder Plätze mehr. Im Gegenteil: Die Stadt ist zu belebt, der Verkehr wie eh und je.“

Für Fürthner heißt das: Sollte er doch einmal die Leere brauchen, findet er sie tendenziell wieder Sonntagfrüh.

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