Volle Spazierwege – die waren vor Corona in Österreich eher eine Seltenheit

© APA/GEORG HOCHMUTH

Essay
01/23/2021

Bin ich eigentlich die Einzige, die sich noch an die Regeln hält?

Viel Verkehr, Schlangen vor Geschäften, Spaß auf den Pisten. Hält sich noch jemand an die Regeln im Lockdown? Was unsere Wahrnehmung und widersprüchliche politische Botschaften mit einem unguten Gefühl zu tun haben.

von Julia Schrenk

Stau im Morgenverkehr. Volle U-Bahn-Waggons. Ausgetretene Spazierwege. Menschen, die in Gondeln sitzen. Ferienfotos aus verschneiten Winterlandschaften. Langlaufen hier, Skitourengehen dort.

Gemeinhin beschleicht einen das Gefühl, dass das mit dem Lockdown im Frühling irgendwie anders war. Härter. Definitiver. Da waren nicht ständig alle draußen, so wie uns das jetzt vorkommt. Da gab es keine Einladungen zum Essen und auch keine zum gemeinsamen Kaffeetrinken.

Im Frühling hieß es: Wir sitzen alle im selben Boot. Die Armen wie Reichen, die Alten wie die Jungen, die Kranken wie die Gesunden. Überall. Wenn das Virus irgendetwas Gutes brächte, wurde erklärt, dann, dass es ausnahmslos gerecht sei.

Das darf bezweifelt werden. Nicht nur, weil die Krankheit, die das Virus auslöst, Alte härter trifft als Junge und Menschen in Ländern mit guter Gesundheitsversorgung klar im Vorteil liegen. Auch innerhalb Österreichs hat man das Gefühl von Ungleichheit, die sich breitmacht. Die einen wedeln im Schnee und die anderen gehen zum 734. Mal auf demselben ausgetretenen Spazierweg?

Da muss man schon sehr reflektiert sein, um sich nicht ständig zu fragen: Bin ich eigentlich der/die Einzige, der sich noch an diesen Lockdown hält? Home Office, macht das noch irgendjemand? Die fünf Gründe, die es einmal gab, um das Haus verlassen zu dürfen, kennt die noch irgendjemand?

Wahrnehmung und Widersprüche

Dass wir uns mitunter derzeit so fühlen, hat mit unserer Wahrnehmung zu tun. Und auch mit Widersprüchen.

Zunächst zur Wahrnehmung. Grundsätzlich, sagt, Arnd Florack, Sozialpsychologe an der Universität Wien, orientieren wir uns an jenen, die uns ähnlich sind. Halten sich also jene, mit denen wir uns vergleichen, an gewisse Regeln, fällt es uns leichter, uns auch an diese Regeln zu halten. Quasi: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Kritisch wird es, wenn einen das Gefühl beschleicht, dass die einen – nämlich wir – mehr leiden als die anderen.

Hier kommen die Widersprüche ins Spiel.

Und derer gab es in letzter Zeit einige, sagt Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für evidenzbasierte Medizin an der Donau-Uni Krems. Man darf mit der FFP2-Maske in eine enge Gondel, aber nicht in ein Museum, in dem der Besucherstrom sogar besser geregelt werden könnte. Das sei epidemiologisch betrachtet unlogisch, sagt Gartlehner. „Gondeln haben keine Existenzberechtigung in einem Lockdown. Diese widersprüchliche Logik frustriert viele.“

Keine Logik

Diese Widersprüche gibt es nicht nur in den politischen Botschaften, sondern auch in den Verordnungen, die dann zurückgenommen werden müssen. Und auch im Alltag, sagt Gartlehner. Diese widersprüchliche Logik fällt uns auf. Aber warum? Weil das Korsett an Regeln, an das wir uns halten müssen, extrem eng ist.

Erlaubt ist bekanntlich nur arbeiten, sich draußen zu erholen, jemandem zu helfen, Einkaufen gehen, sein Leben retten, Amtswege zu beschreiten. Und dann wird plötzlich Bestellen und Abholen im Handel erlaubt.

„Leute orientieren sich aber nicht nur an den Regeln der Politik, sondern auch an jene anderer Menschen“, sagt der Psychologe. Halten andere die Regeln nicht mehr so genau ein, beginnen wir auch, nachlässig zu werden. Obwohl wir wissen, dass das nicht so schlau ist. Slippery Slope nennt man das in der Fachsprache. Man könnte auch sagen: Der Damm ist gebrochen. Die Büchse der Pandora geöffnet. „Skifahren ist für viele zum Symbol geworden“, sagt Florack. Und zwar dafür, dass „vieles möglich ist.“

So viel zur Gefühlswelt.

Jetzt zu den Fakten.

Sind die U-Bahnen wirklich voll? Nein. Die Zahl der Fahrgäste war in den ersten beiden Jännerwochen um 50 Prozent niedriger als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Aber: Ja, es sind viele Menschen unterwegs.

In den städtischen Wiener Kindergärten etwa sind derzeit 50 Prozent aller Kinder anwesend (in den privaten sogar 90 Prozent), in die Wiener Volksschulen kommen 30 Prozent der Kinder zur Betreuung, in die Mittelschulen 10 Prozent. Das ist deutlich mehr als im ersten Lockdown, wo nur vereinzelt Kinder in die Schulen und Kindergärten geschickt wurden.

Dass der erste Lockdown härter und definitiver war, liegt auch daran, dass die Menschen Angst hatten – vor dem Virus und vor der Polizei, die teils heftig strafte.

Ein Arrangement

Bin ich – sind Sie, sind wir – also die einzigen, die sich noch an die Regeln halten? Nein. „Wir sind empfänglicher, jene stärker zu sehen, die sich nicht an die Regeln halten“, sagt Psychologe Florack. So wie uns der Moment, in dem wir den Zug verpasst haben, eher in Erinnerung bleibt, als jener, in dem wir diesen noch erwischt haben. Und: Nach fast einem Jahr Pandemie haben wir uns angepasst, uns arrangiert.

Kann dieser Lockdown also noch funktionieren? Fraglich. „Es hätte einen spürbaren Schnitt gebraucht“, sagt Gartlehner. Einen Kontrast zu den vorangegangenen Lockdowns. Nur FFP2-Masken statt herkömmlichen Mund-Nasen-Schutzes und ein größerer Mindestabstand sei zu wenig, um das Ziel von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner zu erreichen.

Mit Homeoffice-Pflicht, geschlossenen Liften und Kontrollen hätte man dieses Ziel durchaus bis 8. Februar erreichen können, sagt Gartlehner. „Aber die Regierung will zu viele Interessen bedienen.“ Jene der Touristiker, der Seilbahner, der Wirtschaft etwa.

Und am Ende auch die all jener, die diese Angebote nur allzu gerne nutzen.

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