Das Treiben am Wiener Donaukanal wurde zum Symbol der Kritik an den Jungen

© Starpix/ Alexander TUMA

Analyse
08/28/2020

Die junge Generation am Corona-Pranger

Junge werden zunehmend als Brandbeschleuniger der Pandemie abgestempelt. Viele der Infizierten in der Altersgruppe sind aber vermutlich gar nicht ansteckend.

von Christian Willim, Julia Schrenk, Elisabeth Holzer

Die Jugend von heute. Sie sorgt seit jeher bei der Generation der Entwachsenen für Kopfschütteln – und steht in Corona-Zeiten regelrecht am Pranger. Sei es, weil sich die Jungen an lauen Abenden in großen Gruppen im Freien versammeln – etwa am Wiener Donaukanal. Oder weil sie im Urlaub in Strandbars feiern und teilweise mit Covid-19-Infektionen heimkehren.

„Reißt Euch zusammen und übernehmt auch Verantwortung!!“, mahnte vergangene Woche Gesundheitsminister Rudolf Anschober via Twitter mit Verweis auf das Durchschnittsalter der positiv getesteten Kroatien-Rückkehrer von 23,5 Jahren.

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„In der Geschichte wurde bei allen Pandemien eine schuldige Gruppe gesucht“, ruft Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung in Erinnerung. „Man sollte die Jugend aber als Opfer- und nicht als Tätergruppe behandeln.“ Immerhin sei die Jugendarbeitslosigkeit in der Krise massiv gestiegen, Bildungswege seien unterbrochen worden.

Alkoholverbot im Freien

Jungen Italienern geht es in der öffentlichen Debatte nicht besser, nachdem sich dort Discos und Nachtklubs zu Hotspots entwickelt haben. In der SPD-geführten Millionenstadt München will man Partys im Freien mit einem Alkoholverbot im öffentlichen Raum ab 23 Uhr den Hahn abdrehen. Ausgenommen davon sind Gastgärten.

Heinzlmaier hält es zwar für jeden Menschen zumutbar, „zu feiern, ohne besoffen zu sein – noch dazu in einer Krisensituation.“ Ein Alkoholverbot müsste seiner Meinung nach aber nicht nur für den öffentlichen Raum gelten, in dem sich die Jugend tummelt, sondern dann auch für Lokale.

„Man kann nicht jemand mit der Bierdose auf der Straße verhaften und die braven Bürger dürfen sich in den Gastgärten volllaufen lassen“, sagt der Jugendkulturforscher.

Alkoholverbot in ganzer Stadt

Das nächtliche Alkoholverbot in München soll im ganzen Stadtgebiet in Kraft treten, wenn die Infektionszahl ein bestimmtes Maß überschreitet. Konkret, wenn die Sieben-Tages-Inzidenz den Wert von 35 Infizierten pro 100.000 Einwohner erreicht.

An solchen Kriterien soll sich auch die österreichische Corona-Ampel orientieren, die am Donnerstag erstmals getestet wurde. Den in der bayerischen Landeshauptstadt als Auslöser für das Alkoholverbot ausgegebenen Wert würden aktuell (18. bis 25. August) gleich mehrere Bezirke und Städte in Österreich überschreiten.

Das geht von Wels (58,3) über Kufstein (40,2) bis Wien (40,1). Wels-Land (34,2), Schwaz  (32,2) und  Innsbruck (28) kratzen an der Marke Bei einem KURIER-Rundruf durch Österreichs große Städte stößt das Modell München auf breite Ablehnung.

In Wien ist ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum kein Thema. Bis jetzt sind keine Cluster bekannt, die auf Ansteckungen im öffentlichen Raum zurückzuführen sind. Auch in Innsbruck ist das so: „Es gibt keine positiven Fälle, die auf eine Versammlung mehrerer Menschen bei Nacht zurückzuführen wären“, sagt Bürgermeister Georg Willi (Grüne). Zudem gäbe es in der Stadt ohnehin mehrere Alkoholverbotszonen.

„Bisher sind wir ohne ausgekommen, gerade im öffentlichen Raum hat es ja wenige Ansteckungen gegeben“, sagt auch der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP).

Infektiologe Günter Weiss von der Uni-Klinik Innsbruck (er sitzt auch im Corona-Krisenstab des Bundes) sagt: „Prinzipiell ist die Übertragungswahrscheinlichkeit im Freien viel geringer als in geschlossenen Räumen.“ Er meint aber auch: „Wenn zu fortgeschrittener Stunde der Alkoholpegel steigt, der Abstand der Leute geringer und die Aussprache ein bisschen lauter und feuchter wird, kann auch im Freien das Infektionsrisiko ansteigen.“

Dass die Jugend aktuell besonders im Fokus steht, hat auch mit der Entwicklung der Altersstruktur der Infizierten zu tun. Hier sind die 15- bis 24-Jährigen inzwischen die mit Abstand größte Gruppe. Sie ist deshalb aber noch nicht zwingend Brandbeschleuniger der Pandemie.

„Bei den Jüngeren, die positiv getestet wurden, muss man davon ausgehen, dass ein höherer Prozentsatz als bei älteren Patienten nicht infektiös ist“, sagt Weiss.

Sehr viele Junge, die im Umfeld von symptomatischen Covid-19-Fällen positiv getestet wurden, hätten asymptomatische Verläufe und somit das Virus wohl selbst abgetötet, erklärt der Mediziner. „Wenn ich das Virus selbst eliminiert habe, dann bin ich auch nicht ansteckend.“

Lifestyle-Mittelweg

Freibrief zum Feiern ist das keiner: Je mehr das Coronavirus grassiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in Risikogruppen getragen wird. Man könne den Mittelweg gehen: Rücksicht nehmen und sich trotzdem unterhalten. Die Jungen aus dem öffentlichen Raum zu drängen, hält Weiss nicht für sinnvoll: „Dann treffen sich die Leute irgendwo im privaten Bereich. Das macht dann nicht den großen Unterschied.“

Viele Alternativen haben die Jungen nicht. Denn für die Öffnung von Clubs, Discos und Nachtbars sind es auf absehbare Zeit wohl weiter schlecht aus.

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