© Wie Wien wohnt

Chronik Wien
10/28/2020

Ein Fotoprojekt zeigt, wie die Menschen in Wien wohnen

Marie-Louise Gahleitner und Hannah Doppel fotografieren Menschen in ihren Wohnungen und stellen die Fotos auf Instagram aus.

von Julia Schrenk

Der Rucksack auf dem Esstisch, der eine Wäscheständer ist noch nicht ganz abgeräumt, der andere schaut zusammengeklappt hinter einem Regal hervor. Kerzen, Fotos, ein gelbes Bügelbrett und rechts unten im Eck, angeschnitten und gar nicht gleich ersichtlich: Eine Frau mit blondem Haar und schwarzer Katze.

Mitte September wurde dieses Foto auf dem Instagram-Account „Wie Wien wohnt“ gepostet. Marie-Sophie, 1190 – ist in der Bildunterschrift zu lesen.

Seit knapp einem Jahr besuchen Marie-Louise Gahleitner (27) und Hannah Doppel (24) Menschen in Wien in ihren Wohnungen – und fotografieren sie dort. Egal in welchem Zimmer, mit Haustier oder Lieblingsgegenstand, mit dem Blick zur Kamera oder von dieser abgewendet.

Vor drei Jahren schon kam Gahleitner erstmals die Idee, Menschen in ihren Wohnungen zu fotografieren. So, wie es die US-amerikanische Künstlerin Adrienne Salinger einst gemacht hat.

„In my Room“ heißt ihre legendäre Foto-Serie, für die sie in den 90er-Jahren Teenager in ihren Jugendzimmern fotografierte. Es waren höchstpersönliche Fotos, die zu Zeitdokumenten wurden.

„Wie Wien wohnt“ funktioniert ähnlich. Wer sich in seiner Wohnung fotografieren lassen will, schreibt die Initiatorinnen über den Instagram-Account an, macht sich einen Termin fürs Foto aus und lässt sich dann an dem Ort in der Wohnung fotografieren, an dem man sich am liebsten/am öftesten aufhält.

Da ist Ben, 1050, auf seinem Hängebett über der Küche. Die Beine baumeln, der Blick ist aufs Handy gerichtet. In der Küche drunter steht eine halb volle Flasche Rotwein, es gibt Eier, einen Wasserkocher, Geschirrtücher.

Da sind Lea und Hannah, 1120, in ihrer Sitzecke mit den leuchtenden Herzen an der Wand, dem pinken Tüll-Vorhang und einer großen Stofftier-Hello-Kitty.

Da sind Gamze, Julian, Lemon & Kiwi, 1110, auf ihrem Sofa in ihrer Dachgeschoßwohnung in Simmering, von der sie einen grandiosen Blick ins Grüne genießen.

Und da ist Katrin, 1090, auf ihrem riesigen Sofa vor einem dunklen Erker.

Ihre Wohnung ist bei Gahleitner und Doppel in bleibender Erinnerung geblieben. Katrin hat den Stuck in ihrer Wohnung heruntergerissen, die Decke freigelegt und ihren holzvertäfelten Erker bearbeitet.

Um besonders tolle, beeindruckende Wohnungen geht es bei „Wie Wien wohnt“ nicht. „Wir wollen Menschen in Lebenssituationen zeigen, in denen sie sich wohlfühlen“, sagt Hannah Doppel. Es gehe nicht ums Angeben. „Wir sind ja kein Wohnungsmagazin.“

Wer sich fotografieren lässt, soll nicht einmal aufräumen – wenngleich das manche natürlich machen. „Es geht uns um die Realität, nicht um die Instagram-Realität“, sagen die beiden. Es geht darum, zu zeigen, wie etwas ist, nicht darum, wie etwas zu sein scheint.

Vorname, Postleitzahl

Damit ihr Projekt nicht von einrichtungsbloggenden Angebern unterwandert wird, werden ausnahmslos alle Fotos gleich beschriftet. Mit Vorname und Postleitzahl – und es wird niemand markiert (also niemandes Instagram-Profil verlinkt).

Das würde auch bei prominenten Fotografierten nicht anders sein. Sie wollen nicht Raf Camora (österreichischer Hip-Hop-Musiker, Anm.), sondern Raphael in 1150.

Sie wollen nicht Yung Hurn (Wiener Hip-Hop-Musiker, Anm.), sondern Julian in 1220. „Und der Bundespräsident wäre nicht der Bundespräsident, sondern Alexander, 1030.“

In 99 Wohnungen haben Hannah Doppel und Marie-Louise Gahleitner schon geschaut. Heute, Mittwoch, folgt die Hundertste.

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