Chronik | Wien
05.10.2016

Seisenbacher soll Mädchen missbraucht haben

Seit Herbst 2013 wurde gegen den ehemaligen Judoka ermittelt. Nun wurde der zweifache Goldmedaillengewinner wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt. Ihm drohen im Falle einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft.

Drei Jahre lang hatte es gedauert – nun wurde gegen den zweifachen Olympiasieger Peter Seisenbacher Anklage erhoben. Der 56-jährige Judoka soll zwei unmündige Mädchen (unter 14) sexuell missbraucht und bei einem dritten Mädchen (16 Jahre alt) einen Versuch unternommen haben. Dieses Opfer hat sich laut Nina Bussek, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien, gegen die Zudringlichkeiten bei einem Trainingslager auf der Insel Krk gewehrt, deshalb wird in diesem Fall versuchter Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses angeklagt.

Bei einem der mutmaßlichen Opfer sollen sich die Übergriffe über Jahre hinweg erstreckt haben, das Mädchen war zu Beginn der Übergriffe erst elf. Dem Judoka drohen im Fall eines Schuldspruches bis zu zehn Jahre Haft.

Auch zu einer weiteren 16-Jährigen soll Seisenbacher eine Beziehung gepflegt haben. Allerdings sei dieses Verhältnis einverständlich gewesen.

Strenger Richter

Seisenbacher selbst will sich zur noch nicht rechtskräftigen Anklage nicht äußern. Auch sein Rechtsanwalt, der Grazer Bernhard Lehofer, will im Vorfeld der Verhandlung keine Stellungnahme abgeben. Nur so viel: „Herr Seisenbacher ist Trainer des Judo-Nationalteams Aserbaidschans und befindet sich auch gerade dort. Zu einer Hauptverhandlung in Wien wird er selbstverständlich kommen.“ Im Wiener Landesgericht, wo der Schöffenprozess stattfinden wird, ist bereits der zuständige Richter gefunden. Er heißt Christoph Bauer. Damit kann sich Seisenbacher auf den wohl schwersten Kampf seines Lebens einstellen, denn Bauer gilt zumindest rhetorisch als strenger Richter.

Erst viele Jahre nach den mutmaßlichen Übergriffen traute sich eine Betroffene, Seisenbacher anzuzeigen. Damals war der erfolgreichste Sommer-Olympionike Österreichs als Trainer in einem Wiener Verein tätig.

Die mittlerweile erwachsenen jungen Frauen belasten den 56-Jährigen schwer. Dass die Ermittlungen so lange gedauert haben, liegt zum Teil daran, dass die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen eingehend überprüft wurde. Eine junge Frau soll nach dem behaupteten Missbrauch weiter Kontakt zu Seisenbacher bzw. dessen Familie gehabt haben.

Schon seit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Seisenbacher wurden beim österreichischen Judo-Verband die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. „Zu Schultrainings gehen unsere Trainer nur mehr zu zweit. Auch bei der Abwaage der Sportler ist jetzt immer eine Frau dabei“, sagt Hans-Paul Kutschera, Präsident des Österreichischen Judoverbandes. Die Vorwürfe gegen den Parade-Sportler treffen den Verband dennoch. „Es ist wohl einzigartig, dass ein Doppel-Olympiasieger mit solchen Vorwürfen konfrontiert wird. Aber man muss so fair sein und das Ergebnis der Verfahrens abwarten.“

Peter Seisenbacher

Als Sportler und teilweise auch Sportfunktionär war Peter Seisenbacher sehr erfolgreich, doch nun sieht sich der zweifache Judo-Olympiasieger mit sehr schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert. Der 56-jährige Wiener ist am Mittwoch von der Staatsanwaltschaft Wien u.a. wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen angeklagt worden. Es gilt die Unschuldsvermutung.

In seiner aktiven Karriere als Judoka hatte Seisenbacher in seinem Sport Geschichte geschrieben: Als erstem Judoka überhaupt war es ihm gelungen, bei zwei aufeinanderfolgenden Olympischen Spielen Gold zu holen. Mit zwei Titeln im Zeichen der Fünf Ringe, einem WM-Erfolg und acht EM-Medaillen (1 Gold/3 Silber/4 Bronze) ist Seisenbacher bis heute einer der erfolgreichsten Sommersportler Österreichs.

Sporthilfe-Generalsekretär

Der am 25. März 1960 in Wien geborene ist Vater einer Tochter und eines Sohnes. Der gelernte Goldschmied holte am 9. August 1984 in Los Angeles im Alter von 24 Jahren sein erstes Olympia-Gold. Vier Jahre später gelang ihm in Seoul die Wiederholung dieses Triumphs.

Nur vier Wochen nach seinem Rücktritt vom Sport wechselte Seisenbacher ab 1989 ins Amt des Sporthilfe-Generalsekretärs und damit auf die andere Seite. Davor war er nach 1984 und 1985 zum dritten Mal als Österreichs Sportler des Jahres ausgezeichnet worden.

Im Juni 1991 musste sich Seisenbacher - um sein Amt zu behalten - bei Sportminister Harald Ettl entschuldigen. In seiner Funktion als Verbandskapitän des Österreichischen Judoverbandes (ÖJV) hatte er beim Turnier in Leonding einem Grazer Judoka nach einer Meinungsverschiedenheit eine Ohrfeige verpasst. Ein Linzer Gericht hatte Seisenbacher wegen leichter Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Vom ÖJV fasste er ob der Unbeherrschtheit eine einjährige Sperre aus, später legte er nach Differenzen seine Funktion zurück. Im Oktober 1993 trat er als Sporthilfe-Generalsekretär ab.

Nationaltrainer von Georgien

In der Folge ließ der Judosport den Wiener aber trotzdem nie los, so war er von 2010 bis 2012 als Nationaltrainer für Georgien verantwortlich. Unter seiner Führung errang Georgien u.a. bei den Spielen 2012 in London eine Goldmedaille. Von 2012 bis 2013 fungierte er dann als Coach in Aserbaidschan. Die Ermittlungen gegen ihn wurden bereits im Herbst 2013 aufgenommen, drei Jahre später sieht sich Seisenbacher seinem wohl schwierigsten Kampf gegenüber - der Anklage wegen Missbrauchs von Unmündigen und Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses.