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Chronik Wien
07/17/2020

Die ziemlich uncoolen "Coolen Straßen"

Fast kein Tag vergeht ohne neues „cooles“ Projekt. Doch die Kritik daran nimmt zu

von Julia Schrenk

„Kommen S’ mit“, sagt die grüne Vizebürgermeisterin. „Das wird ur-leiwand.“

Gestern, Freitag, hat Birgit Hebein in den Asphalt gehauen. Mit einer Spitzhacke. Es war der Spatenstich für die sogenannte „Coole Straße Plus“ in der Franklinstraße in Floridsdorf. Es ist die erste „Coole Straße“ in einem Außenbezirk. Aber ganz so „leiwand“ waren die „Coolen Straßen“ zuletzt nicht.

Wir erinnern uns: Anfang voriger Woche wurden erstmals Gerüchte laut, wonach das Wasser in den Sprühnebelduschen keimbelastet sei. Kommuniziert hat man das zunächst nicht.

Erst, als am Donnerstag in einem Blog über die Keime berichtet wurde, hieß es auch aus dem Büro der Vizebürgermeisterin: Bei sechs von 18 Anlagen lagen die Messwerte „im Grenzbereich“, wie es hieß. Am Freitag wurden dann die Sprühnebelduschen in allen 18 „Coolen Straßen“ vorübergehend abgeschaltet.

Zwar hat das Büro der Vizebürgermeisterin stets betont, dass keine Gefahr für die Gesundheit bestehe, allerdings: Durch die Keimbelastung haben die „Coolen Straßen“ an Coolheit eingebüßt. Aber nicht nur wegen der Keimbelastung.

Die „coolen“ Projekte sind inflationär geworden, den Überblick zu behalten, ist eine Herausforderung.

Cooler Park, kühle Meile

Zuerst gab es die „Coolen Straßen“, dann eine „Kühle Meile“ (die Zieglergasse in Neubau), seit März wird ein Cooler Park gebaut (in Mariahilf) gestern erfolgte der Spatenstich für eine weitere „Coole Straße Plus“.

Und dann gibt es da noch die sogenannten Sommerspritzer – die gehören aber nicht zur Vizebürgermeisterin, sondern sind mobile Sprühnebelduschen, die ins Ressort von Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ) fallen. All diese Projekte sind einander ähnlich – und gehören doch nicht zusammen.

Die „Coolen Straßen“ sind das Prestigeprojekt der Vizebürgermeisterin. Insgesamt 18 quer durch die Bezirke gibt es in diesem Sommer (bis 20. September) in Wien.

Hebein will damit nicht nur die Umgebung im dicht verbauten Gebiet abkühlen, sondern auch den Wienerinnen und Wienern Platz geben, der sonst von Autos befahren wird. Auf der Straße werden Nebelduschen aufgestellt, Wasserspiele installiert und Bäume gepflanzt. Für Autos gilt in dieser Zeit ein Fahr-, Halte- und Parkverbot.

Thomas Ertl, Vorstand am Institut für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz an der Boku, hält die Projekte „prinzipiell für eine gute Geschichte“.

Aber: „Auch das sauberste Trinkwasser hat Zellen in sich. Und wenn das unter bestimmten Temperatureinflüssen länger in Leitungen steht, dann wirken die Gesetze der Mikrobiologie.“ Vereinfach gesagt: Ist es heiß und steht das Wasser, dann bilden sich Keime.

Und: Die natürliche Kühlung der Umgebung – also etwa durch den Schatten von Bäumen – sei immer vorzuziehen, sagt Ertl.

Nicht immer erfolgreich

Das Konzept der Coolen Straßen funktioniert nicht überall. Jene in der Hasnerstraße in Ottakring wird gut angenommen, Kritik gibt es aber etwa an jener in der Waltergasse. Dort sei die Straße oft geradezu verwaist. An der Sinnhaftigkeit wurde zuletzt auch bei der sogenannten „Kühlen Meile“ in der Zieglergasse gezweifelt.

Die „Kühle Meile“ ist zwar der „Coolen Straße“ ähnlich, allerdings ist die Meile kein Projekt der grünen Vizebürgermeisterin, sondern eines des ebenfalls grünen 7. Bezirks. Und das zog in den sozialen Netzwerken Spott und Hohn auf sich.

Die Bänke verdreckt, eine einsame Sprühnebeldusche auf dem Gehsteig, zu wenige Bäume, noch kein Schatten durch die begrünten Pergolen. Pikant: Die Vizebürgermeisterin distanzierte sich sogar vor dem Projekt. Obwohl sie 2019 gemeinsam mit dem Bezirksvorsteher den Spatenstich gefeiert hatte.

Und auch mit den Sprühnebelduschen hat man mancherorts seine liebe Not. Leitungen sind leck, wenn der Wind kommt, verweht es den kühlenden Nebel. Und das ist dann doch auch ein bisschen uncool, bei all der Hitze.

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