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Chronik Wien
09/03/2020

Die Kindermedizin wird zur Privatmedizin

Zahl der Wahlärzte steigt, gleichzeitig sinkt die Quote der Rückerstattung bei den Behandlungskosten.

von Josef Gebhard

Jeder, der schon einmal mit einem verschnupften, fiebernden Kind stundenlang im Wartezimmer einer Ordination oder einer Ambulanz ausharren musste, weiß es aus eigener leidvoller Erfahrung: In Österreich gibt es nicht genügend Kinderärzte.

Zahlen aus der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der Neos an Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), die dem KURIER vorliegt, bestätigen dieses Bauchgefühl. So gab es 2019 österreichweit nur mehr 274 Kinderärzte mit Kassenvertrag. Zehn Jahre davor waren es noch 287 (siehe Grafik). Der Rückgang wiegt umso schwerer, weil im selben Zeitraum die Bevölkerungszahl deutlich angestiegen ist. Und zwar von rund 8,3 auf knapp 8,9 Millionen.

Dabei gebe es genug Kindermediziner auf dem Markt. Wegen den unattraktiven Arbeitsbedingungen und der mäßig guten Bezahlung verzichten aber immer mehr darauf, eine Kassen-Ordination zu übernehmen.

Rasanter Wahlärzte-Zuwachs

Viel lieber gehen sie in die Privatmedizin und werden Wahlärzte. Ein Trend, der sich aus den vorliegenden Zahlen ebenfalls eindrucksvoll ablesen lässt: Gab es bundesweit 2009 erst 256 Kinder-Wahlärzte, waren es im Vorjahr bereits 333. Besonders stark war der Anstieg unter anderem in Wien – von 72 (2012) auf 105 im Vorjahr.

Hohe Selbstbehalte

Mit dem Boom der Wahlärzte verschärft sich das vielbeschworene Problem der Zwei-Klassen-Medizin. Soll heißen: Nur wer es sich leisten kann, bekommt rasch und unkompliziert einen Termin bei einem Kinderarzt, der sich auch genügend Zeit für seine jungen Patienten nimmt.

An sich kann der Patient einen Teil eines Wahlarzt-Honorars bei der Krankenkasse abrechnen. Die Refundierungsquote ist in den vergangenen Jahren aber stetig gesunken. Im Schnitt werden aktuell nur mehr 34 Prozent der Kosten eines Besuchs bei einem Kinder-Wahlarzt rückerstattet. Das Schlusslicht im Ländervergleich bildet hier Wien mit nur 22 Prozent.

"Kindergesundheit darf keine Frage des Wohlstands sein", kritisiert Stefan Gara, Gesundheitssprecher der Wiener Neos. "Daher fordere ich weiterhin den Ausbau von öffentlich finanzierten Kinder- und Jugendgesundheitszentren, ausgestattet mit multidisziplinären Teams.“

Bei der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) hat man keine klare Erklärung für den stetigen Rückgang der Erstattungsquote. Vermutlich der primäre Grund: "Es gibt keine österreichweiten Kriterien für die Ausstellung von Honorarnoten im Wahlarztbereich“, sagt eine Sprecherin. „Sie können deshalb jegliche Leistungen in Rechnung stellen und sind dabei an keine Kassentarife gebunden. Aufseiten der ÖGK sind die erstattungsfähigen Leistungen jedenfalls nicht gesunken."

Warum Wien in dieser Statistik so schlecht abschneidet, bleibt ebenfalls offen: "Durch die unterschiedliche Ausgestaltung der Verträge bzw. Tarife ist ein bundesweiter Vergleich nicht möglich", betont die Sprecherin.

Sie weist darauf hin, dass in der Vergangenheit auch zu wenige Kinderärzte ausgebildet wurden. "Um mehr Medizinstudierende für den Fachbereich Kinderheilkunde begeistern zu können, wollen wir etwa auch Lehrpraxen in diesem Bereich forcieren."

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