© Michael Pammesberger

Chronik Wien
12/21/2020

Das Geschäft verwüsten, das wär schön!

Wenn Künstler einkaufen: Im Kunstbedarfsgeschäft befallen den Karikaturisten regelmäßig seltsame Wünsche.

von Michael Pammesberger

Ist das Kunst, oder kann das weg? Diese Frage stellt sich ja manchmal. Ist auch oft nicht leicht zu sagen! Auch mich fragt man: Ist Karikatur jetzt Kunst, oder „nur... Äh. Äh?“ Ich kann da weiterhelfen: Es ist Kunst, wenn man das Zeug dafür beim Gerstäcker in Margareten gekauft hat. Du erkennst also den wahren Künstler am Gerstäcker-Sackerl.

Das klingt jetzt ein bissl nach einem schlechten Werbespruch. Und ich könnte das Gleiche über den Boesner in Simmering sagen, ein recht ähnliches Geschäft, und dort kaufe ich auch regelmäßig ein: Es steht ja eh irgendwo auf dem Katalog der beiden Geschäfte: Künstlerbedarf!

Orientblau

Der Katalog ist in diesem Fall übrigens ein ausgewachsener Telefonbuchziegel, und es ist schon eine Kunst, diesen – neben Leinwänden, Pinseln, Farben (oder gar Bildhauerbedarf) nach Hause zu schleppen. Aber dort am Sofa macht es Spaß, in dem Warenangebot zu versinken und diese wunderbaren Dinge anzuschauen: Mastix und Gummi arabicum, Stichel und Radiergaze, Passepartout und Keilrahmen, Schattenfuge und Kreidegrund. Farben mit Namen Indischgelb hell, Orientblau, Elfenbeinschwarz und Krapplack tief!

Gut, wir reden hier nicht vom kleinen österreichischen Kunstbedarfsgeschäft. Das gibt es noch, aber wohl immer seltener. Meins in der Schottenfeldgasse hat zugesperrt, ich war aber nicht schuld. Wir reden von ausgewachsenen Kunstbedarfssupermärkten, wo es alles, wirklich alles für das Genie und wer es werden will, gibt.

Ausprobieren

Der Gerstäcker – drum der Katalog – ist ja auch ein Versandhandel, aber nein, schicken lass ich mir ungern was. Denn die Farben, Pinsel, Federspitzen, Papierblöcke ... die muss man schon persönlich in Augenschein nehmen und wenn möglich angreifen. Gegen das Licht halten. Den Stift ausprobieren! Ein bissl kratzen am Speckstein. Über die Leinwände streichen und die Passepartouts drüberlegen. Oder – meine Spezialität – die Angestellten sekkieren, indem man eine Tinte sucht, die sich flüssig und liquide wie Tinte verhält, aber dann wie Tusche wasserfest wird. Weil entweder ist das immer eine klebrige Pampe, die sofort die Feder verpickt, oder die Zeichnung fährt mit einem Tropfen Wasser auseinander wie ein Kernöl in der Kürbissuppe.

Der Karikaturist braucht übrigens nicht viel: Papier, Tinte, Feder – vielleicht einen Aquarellkasten. Passt alles in die Umhängtasche. Federspitzen brauch ich keine mehr, ich habe mich eingedeckt damit bis zirka 3099. Ich kauf sie trotzdem: Aus Panik, dass sie mir ausgehen könnten.

Schüttbilder

Es ist also eines dieser Geschäfte, wo man gerne ein Mal über Nacht vergessen und versehentlich eingesperrt wäre, um alles, wirklich alles durchzuprobieren. Ich würde Skulpturen meißeln, Schüttbilder schütten, Kupfer ätzen, Hoch- und Tiefdrucke drucken, Collagen basteln, jeden Pinsel eintunken und jede Farbe mischen, dass der Sau graust! Und überhaupt eine Riesensauerei hinterlassen. Ähnliche Sehnsüchte befallen mich sonst nur im Musikinstrumente-Geschäft: Alle Instrumente durchprobieren, in jede Trompete blasen, jede Saite zupfen und vor allem: auf jede Trommel draufhauen.

Aber einmal den Gerstäcker komplett verwüsten, das wär vielleicht keine Kunst, aber das wäre schön!

Die Corona-Krise bedroht den regionalen Handel. Daher beleuchtet der KURIER bis Weihnachten das Thema: von regionalen Geschäftsmodellen bis hin zu prominenten Persönlichkeiten und ihrem Einkaufsverhalten.

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