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Chronik Wien
08/19/2021

Das Bimmeln der Straßenbahn: Das Lieblingsgeräusch der Wiener

Klangraum-Forscher Marvin Heine hat untersucht, wie die Stadt klingt und die Wiener zu den Geräuschen befragt.

von Agnes Preusser

Wenn die Straßenbahn abfährt, gibt es ein bimmelndes Glockengeräusch. Die Wiener haben dieses so sehr ins Herz geschlossen, dass sie das Gefährt lautmalerisch in Bim umgetauft haben. Und die Verehrung geht noch weiter.

Das sagt der auf Klänge spezialisierte Soziologe Marvin Heine. Bei Befragungen für seine Masterarbeit war das Bimläuten in nahezu jedem Interview das erstgenannte Geräusch, wenn er nach den wichtigsten Tönen Wiens fragte: „Es ist also das Klang-Wahrzeichen Wiens“.

Charakteristisch sind für die Stadt laut ihren Bewohnern weiters Kaffeehausgeräusche und das Hufgeklapper der Fiakerpferde (siehe Infokasten unten).

Die Pummerin
Zum Jahreswechsel geht nichts ohne das Geläut der Stephansdom-Glocke – genauso wichtig ist wohl der Donauwalzer.

Kaffeehaus-Atmosphäre 
Geschirrgeklapper, grantige Konversationen mit dem Ober und Stimmengewirr: Nicht umsonst ist die Wiener Kaffeehauskultur UNESCO-Weltkulturerbe.

Donaukanal
Wasserrauschen gemixt mit Partylaune sorgt für eine eigene Geräuschkulisse mit Strandfeeling im Herzen der Stadt.

Fiaker
Das Hufgeklapper auf den Pflastersteinen ist gepaart mit Gewieher der Pferde  für das passende Nostalgie-Flair  im 1. Bezirk verantwortlich
 

Etwas zu hören und es als angenehm zu empfinden oder nicht, habe viel mit der eigenen Kultur zu tun, sagt Heine. Im Dschungel sei das Hören wichtiger als bei uns, wo viel mehr auf visuelle Reize gesetzt werde.

Diese Unterschiede gebe es aber nicht nur zwischen Urwald und urbanem Raum, sondern bereits zwischen einzelnen Bezirken. „In Favoriten gibt es viel Leben auf der Straße, viele Märkte und die größte Durchmischung an unterschiedlichen Sprachen“, sagt Heine. „Wer hier aufwächst, für den ist das Wien.“

Bei Interviews im 1. Bezirk hätten die Bewohner über Favoriten hingegen gesagt, „da klingt es wie am Balkan“.

Die Akustik sei generell ein Treiber für Rassismus oder soziale Ausgrenzung, so Heine. Ungewohnte Geräusche würden man schnell als Lärm wahrnehmen, was zu Verärgerung führe. „Wenn sich jemand in einem sonst sehr ruhigen Park in der gleichen Lautstärke wie etwa am Reumannplatz unterhält, reagieren viele Anrainer mit Feindseligkeit“, sagt Heine.

Die Macht der Geräusche

Welche Macht Geräusche haben, erkenne man auch daran, dass man wegen Lärmbelästigung schnell die Polizei rufe, wegen visueller Irritationen aber eher weniger.

Dafür, dass die Akustik so einflussreich ist, sei die Beschäftigung damit aber zu gering. „In Wien gibt es ein eigenes Magistrat für Licht“, sagt Heine. „Aber für Akustik gibt es das nicht.“ Allerdings ist zumindest das Themengebiet Lärm in die MA 22 (Umweltschutz) integriert.

„Das Problem ist, dass Geräusche so schwer messbar sind, weil sie so subjektiv sind“, sagt Heine. Man könne zwar die Dezibel bestimmen, aber nicht, wie diese wahrgenommen werden: „Ein Brunnen kann etwa sehr laut sein, aber trotzdem als entspannend empfunden werden“.

In Heines Interviews hat sich klar gezeigt, welcher Ort für die Wiener am unangenehmsten klingt: Es ist (wenig überraschend) der Gürtel mit der Dauerbeschallung durch Verkehrslärm. Aber auch der Stephansplatz schnitt schlecht ab. „Er ist ein Ort für Touristen und klingt auch so: Es gibt nichts Nachbarschaftliches in den Geräuschen“, sagt Heine. „Als Wiener fühlt man sich dort deplatziert.“

Anonym, aber beliebt

Auch die Mariahilfer Straße wurde von den Befragten oft als unangenehm beschrieben. „Der Mischmasch aus konsumorientierten Geräuschen führt zu einem Feeling wie in einer Shoppingmall“, so der Soziologe.

Interessanterweise sei die Mariahilfer Straße aber gerade deswegen ein beliebter Treffpunkt. Da eigene Gespräche in der Lärmkulisse untergingen, sei sie ein anonymer Ort mitten in der Stadt.

Beliebt sei hingegen der Burggarten – eine Ruheoase mit Bäumen und Vogelgezwitscher. Komplett anders, aber trotzdem geschätzt sei das Museumsquartier (MQ), dessen experimentelle Architektur zu einer „harten“ Akustik führe. „Der eine Ort wird als Rückzugsort wahrgenommen, der andere schafft eine energetische Atmosphäre“, erklärt Heine.

Die im MQ herrschende Akustik animiere die Menschen zu lauten Gesprächen, zum Trinken und zum Partymachen.

Für Heine ein weiteres Beispiel für die Stärke der Akustik: „Da sieht man, wie sehr Klang unsere Umwelt formt.“

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