Der Treffpunkt der Grätzelbewohner: der Wallensteinplatz.

© Kurier/Juerg Christandl

Chronik Wien
09/19/2020

Brigittenau: Die Hipster und die Halbinsel

Der Ruf des 20. Bezirks ist zweifelhaft – doch das könnte sich bald ändern. Mittlerweile reiht sich auch der eine oder andere Bio-Laden an die Kebap-Stände.

von Stefanie Rachbauer

Hannes wohnt auf einer Insel. „Aber auf keiner der Seligen“, sagt er und trinkt von seinem Achterl Rot. „Eigentlich ist es ja eine Halbinsel“, sagt sein mit Goldketten geschmücktes Gegenüber auf einem der Barhocker.

Aber so genau wie der Mann nimmt es in dem Tschocherl im Wallensteinviertel sonst niemand mehr.

In der „Kopfwehinsel“ in der Gerhardusgasse kommen die alten Brigittenauer zusammen. Sie haben es eben mit den Inseln.

Hannes zum Beispiel lebt seit 63 Jahren im Bezirk, in einem Gemeindebau. In der Klosterneuburger Straße, wo sich heute das Hallenbad befindet, spielte er als Bub auf der Gstetten Fußball.

Und wusste später, als junger Mann, in welchen Cafés die Strizzis ein und aus gehen: „Für mich kommt kein anderer Bezirk in Frage.“

Menschen, die die Brigittenau – die Halbinsel zwischen Donau und Donaukanal – nicht kennen, verstehen eine solche Einstellung oft nicht. Die Millennium City samt gleichnamigem Tower und das Lorenz-Böhler-Spital sind über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt– viel mehr aber nicht.

Und so mancher will auch gar nicht mehr kennen: Denn der 20. Bezirk ist verschrieen.

Günstige Bleibe

„In Favoriten ist es sicher gefährlicher“, sagt der Mann mit den Goldketten. Hinter ihm stehen Mappen mit der Aufschrift „Speisen und Getränke“. Wobei Erstere in der „Kopfwehinsel“ seit Jahren nicht mehr serviert werden. Nur Toast gibt es. Der Spritzer kostet 1,80 Euro.

Günstig ist im 20. auch das Wohnen: In den Mietpreis-Rankings ist die Brigittenau unter den günstigsten Bezirken. Das zieht Migranten und Studenten an.

Und Menschen, die aus sonstigen Gründen schnell eine günstige Bleibe brauchen. So wie einst Adolf Hitler: Der spätere NS-Diktator lebte im Männerwohnheim in der Meldemannstraße.

Bild links: © Weltbild / ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

Bild rechts: © Kurier/Juerg Christandl

Adolf Hitler lebte von 1910 bis 1913 in der Meldemannstraße. Jetzt befindet sich dort ein Pflegeheim.

Die Stammgäste der „Kopfwehinsel“ schätzen anderes: Die gute Verkehrsanbindung etwa („Auf die Donauinsel und zum Stephansplatz ist es gleich weit“). Und den Hannovermarkt („Am Samstag um 16 Uhr gibt es alles um einen Euro“).

Viele Stände, wenig Lokale

Wobei das mit dem Markt so eine Sache ist: Zu viele Kebap-Standln gebe es dort schon, sagt Barbara – eine der Frauen in der Runde. Hannes ist zufrieden: „Da kannst noch g’scheit einkaufen. Am Karmelitermarkt drüben kannst’ dich nur ansaufen. Nur Lokale dort.“

Mit „drüben“ ist der 2. Bezirk gemeint – wo die besser Verdienenden wohnen. Die, erzählen die Gäste, kämen aber auch schon in die Brigittenau.

„Die ziehen alle in Eigentumswohnungen, zum Beispiel bei mir gegenüber“, sagt Barbara. Was das mit dem Grätzel mache? „Es wird ruhiger. Ich hatte früher ein tschetschenisches Kulturzentrum vis-à-vis.“

Birkenstock-Enklave

Drei Gehminuten weiter, unweit des Wallensteinplatzes, zahlt man 2,50 Euro für den Spritzer. Statt Goldketten werden hier Birkenstock-Schlapfen getragen.

Vor drei Jahren hat Bayram Sensel in der Karl-Meißl-Straße seinen Naturkostladen Liola eröffnet: Hier bekommt man Bio-Lebensmittel (viele davon offen, zum selber Abwiegen). Im integrierten Imbiss kann man Fairtrade-Kaffee trinken und vegetarische Mittagsmenüs essen.

Das werde im 20. nicht funktionieren, bekam Sensel im Vorfeld oft zu hören. „Die Nachfrage ist da, man muss sich nur trauen“, sagt er. „Es wohnen mittlerweile Leute hier, die besser verdienen. Die Gentrifizierung ist gegeben.“

Mix der Zukunft

Sein Publikum ist gemischt: Architekten, Künstler, Bauarbeiter, Kindergärtner.

Ein Mix werde für den Bezirk insgesamt wichtig sein, glaubt Sensel: „Es braucht Kebap-Läden und Bio-Geschäfte nebeneinander. Sonst wird es einseitig.“

Die Brigittenau habe insgesamt noch viel Potenzial, ist er überzeugt. „Hier im Wallensteinviertel geht es schon in die richtige Richtung.“

120. Geburtstag

Der 20. Bezirk entstand zu einem großen Teil auf dem durch die Donauregulierung gewonnenen Neuland. Von 1850  bis 1900 gehörte die Brigittenau zur Leopoldstadt.

Das heißt: Sie ist seit exakt 120 Jahren eigenständig. Und das wird mit Festen und Ausstellungen gefeiert. Das Programm ist auf der Website der Bezirksvorstehung abrufbar.

Brigittenau in Zahlen

86.502 Personen leben in der Brigittenau. Sie teilen sich eine Fläche von 571 Hektar.

Der Anteil an ausländischen Bewohnern beträgt 37,9 Prozent – das ist nach Rudolfsheim-Fünfhaus der zweithöchste Wert unter den 23 Wiener Bezirken. Das Einkommen der Bezirksbewohner beträgt im Schnitt 18.738 Euro pro Jahr

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