Michael Ludwig hält die Wiener SPÖ auf Erfolgskurs.

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Chronik Wien
05/03/2019

Blaue „Einzelfälle“ als Glücksfall für das rote Wien

In der SPÖ regieren Splittergruppen, sagen Kritiker. Die FPÖ könnte ungewollt Schützenhilfe leisten.

von Christoph Schwarz

Ob es nun 120.000 Sympathisanten waren (wie die SPÖ behauptet) – oder doch nur 12.000 (wie die Polizei verkündete): Die SPÖ hat den 1. Mai trotz Konkurrenzveranstaltung im Kanzleramt relativ gut überstanden.

Die Angst, dass dieser 1. Mai zugleich der letzte war, an dem die SPÖ die Bastion Wien noch hält, die bleibt jedoch bestehen. Dass Umfragen die Partei von Bürgermeister Michael Ludwig mit konstant guten Werten voran sehen, ändert wenig.

Das liegt nicht nur daran, dass sich das Gespenst von der türkis-blauen Machtübernahme gut dafür eignet, die eigenen Funktionäre zu mobilisieren. Sondern daran, dass die Wahlkampfvorbereitungen dem Vernehmen nach nur schleppend – und unkoordiniert – anlaufen. In der SPÖ würden „Splittergruppen agieren, bei der eine nicht weiß, was die andere eigentlich tut“, lautet der Vorwurf.

Türkis-Rot statt Türkis-Blau in Wien

Ausgerechnet der Erzfeind, die FPÖ, könnte der SPÖ nun zum Machterhalt verhelfen. Der Grund: Die Liste an rechten „Einzelfällen“, die die Beziehung von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vize Heinz-Christian Strache (FPÖ) anhaltend auf die Probe stellen.

Dass die Türkisen in Wien als Juniorpartner in eine Koalition mit der SPÖ gehen würden, falls sich für ÖVP und FPÖ keine Mehrheit ausgeht, sollen Ludwig und Kurz schon paktiert haben. Nun könnte die SPÖ überhaupt zum Lieblingspartner der ÖVP avanciert sein, hört man: Kurz könne so beweisen, dass er die ÖVP nicht allzu weit nach rechts abdriften lassen wird.

Das würde auch die Karten im ÖVP-Wien-internen Gerangel zwischen Türkisen und schwarzer Wirtschaftskammer neu mischen: ÖVP-Chef Gernot Blümel wäre damit nicht nur offizieller Spitzenkandidat, sondern auch tatsächlich logischer Anwärter auf das Amt des Vizebürgermeisters.

Dass Walter Ruck, der mit Ludwig demonstrativ gut befreundet ist, nicht in den ÖVP-internen Machtkampf einsteigt, gilt mittlerweile als fast fix. Er tritt 2020 wieder als Kammerchef an. Sein Vertrauter Alexander Biach wurde jedoch gerade als Wiener Standortanwalt bestellt. Ein Job, der gute Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister voraussetzt ...