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© Jenni Koller

Chronik Wien
03/22/2021

Ab Ostern leuchtet eine Himmelsleiter am Wiener Stephansdom

Die leuchtende Leiter die vom Innenraum der Kirche bis zum Spitz des Südturms verläuft.

von Nina Oezelt

Kaum eine Beziehung ist so alt und bestehend, wie die der Kirche und der Kunst. Die Kirche war und ist ein wichtiger Auftraggeber für die Kunst. Man denke dabei etwa an Michelangelo Buonarroti (Sixtinische Kapelle) oder Leonardo da Vinci (Das Abendmahl), die quasi um die Gunst der päpstlichen Auftraggeber buhlten.

Die Leiter, die in den Himmel führt

In Wien wird in diesen Tagen an einem zeitgenössischen Kunstwerk, einer neuen Installation gearbeitet: Der Wiener Stephansdom bekommt tatsächlich eine Leiter in den Himmel.

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Arbeiter klettern dafür - bei den trotz Frühlingsbeginn doch eisigen Temperaturen - auf den Südtürm (136,44 Meter Höhe).

Sie befestigen dort eine 36 Meter lange Leiter, die aus 33 Sprossen besteht.  Die aus Aluminium angefertigte Leiter wurde goldgelb lackiert und mit Neonleuchten befestigt. Auch im Innenraum der Kirche, in der Taufkapelle, wird sie zu sehen sein. Dort ist sie 18 Meter lang und zählt 21 Sprossen. Von 4. April bis zum 31. Mai soll die Leiter den Stephansdom erleuchten und so eine Verbindung zwischen "Himmel und Erde" darstellen.

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In Kirchentagen heißt das: Die Leiter soll in der "Nacht der Nächte" erleuchten. Nämlich in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag. An Ostern feiern Christen bekannterweise die Auferstehung Christi. Der Samstag davor heißt Karsamstag. Der Karsamstag, an dem Jesus noch nicht auferstanden ist, gilt im Kirchenjahr als der Gedächtnistag der Grabesruhe.

Erleuchtung in der Osternacht

Die Leiter soll vor dem Beginn der Osternachtfeier im Stephansdom (21 Uhr) zum ersten Mal erleuchtet werden. Erstrahlen wird sie dann die Wiener Nächte bis 31. Mai 2021.

Die Himmelsleiter soll biblisch gesehen, an die Jakobsleiter (Genesis 28) erinnern. Sie symbolisiert den Auf- und Abstieg zwischen Himmel und Erde.

Während Jakobs Flucht vor seinem Zwillingsbruder Esau von Be’er Scheva nach Harran erblickt Jakob, Sohn Isaaks und Enkel Abrahams in einer Traumvision die Himmelleiter. Auf ihr sieht der Träumende die Engel Gottes auf- und niedersteigen. Im Johannesevangelium im Neuen Testament wird das Bild der Jakobsleiter typologisch auf Jesus Christus übertragen, der in der christlichen Religion als Sohn Gottes für die Menschen gestorben und auferstanden, in den Himmel aufgefahren ist.

Hinter diesem Licht-Kunstobjekt steht die Kooperation des Dompfarrers Toni Faber und der Wiener Künstlerin Billie Thanner. Für die 49-jährige Wiener Künstlerin Billie Thanner geht damit ein Traum in Erfüllung. Sie arbeitet seit den 90er Jahren als freischaffende Künstlerin und schränkt sich genremäßig kaum ein. Sie macht Installationen, Skulpturen, Rauminstallationen und Performance-Kunst.

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Dabei setzt sie Mensch, Natur, Kunst und Gesellschaft in ein Verhältnis zueinander. Bekannt wurde sie unter anderem für ihre umweltkritische Installation "No Air-No Art" im MOCA Museum 2014 in Peking. Damals arbeitete sie bereits mit Masken um auf das Smog-Problem aufmerksam, heute verbindet man damit etwas anderes. Im Gespräch mit dem KURIER erzählt sie von ihrer neuesten Installation:

Für Dompfarrer Toni Faber stehen die Sprossen der Leiter auch als Tugenden: „Ausgehend von dieser alttestamentlichen Jakobsleiter wird in der christlichen Spiritualität der persönliche Weg eines Menschen zu Gott oft mit einer Leiter oder Treppe ins Paradies verglichen. Dieser Weg in den Himmel führt über die Stufen der Tugenden. Mit jeder weiteren Sprosse werden egoistische Bedürfnisse dieser Welt zurückgelassen, um immer die Nähe Gottes zu erleben.

Achtsamkeit, Anstand, Ausdauer, Bescheidenheit, Beständigkeit, Dankbarkeit, Diskretion, Disziplin, Ehrlichkeit, Freiheitssinn, Fleiß, Freundlichkeit, Geduld, Gerechtigkeit, Gutherzigkeit, Großzügigkeit, Hingabe, Höflichkeit, Klugheit, Mitgefühl, Mut, Offenherzigkeit, Respekt, Rücksichtnahme, Selbstlosigkeit, Standhaftigkeit, Tapferkeit, Treue, Unvoreingenommenheit, Vergebung, Weisheit, Weltoffenheit, Zielstrebigkeit

KURIER: Wie ist es zu der Kooperation gekommen?

Billie Thanner: Toni Faber hat mich angesprochen und gefragt, ob ich mir vorstellen kann für den Stephansdom ein Kunstwerk zu machen. Da ich in der Vergangenheit schon mehrere Kunstinstallationen gemacht habe, ist mir Idee mit der Himmelsleiter auf der Spitze des Südturms gekommen. Der Dompfarrer hat meine Idee mit großer Begeisterung aufgenommen und an sein 12-köpfiges Domkapitel weitergeleitet. Der Vorschlag wurde einstimmig akzeptiert.

Was ist Ihnen bei dieser Kunstinstallation wichtig?

Gerade jetzt in dieser schwierigen Zeit brauchen wir Kraft und Zuversicht. Die „Himmelsleiter“ steht genau dafür. Nach oben zu blicken bedeutet auch, seiner Sehnsucht, seinen Wünschen und Hoffnungen freien Lauf zu lassen, sich selbst Mut, Stärke und Ausdauer zuzusprechen, Kraft und Zuversicht zu tanken, für sich und alle das Beste zu ersehnen, unabhängig vom Geschlecht, Alter, Religion und Kultur.

Was ist bei dieser Installation die Herausforderung?

Bei der Realisierung der Himmelsleiter bewegen wir uns im mehrfachen Sinnes des Wortes „in schwindelerregenden Höhen“. Das gesamte Team ist und war bis jetzt gefordert. Zuerst musste die Leiter produziert werden und zwar so, dass sie den Wetterverhältnissen, denen sie ausgesetzt ist, standhalten kann. Dank der Metallwerkstätte und der Lichtwerkstatt ist es gelungen, die Leiter, die aus zwei Teilen – eine für Innen und eine für Außen – besteht, aus Aluminum und mit handgemachten goldgelb-leuchtenden Neonstäben anzufertigen.

Eine weitere Herausforderung sind die Wetterverhältnisse mit denen wir konfrontiert sind, vor allem Wind und Kälte. Aus Sicherheitsgründen können ausschließlich spezialausgebildete Fachkräfte die Leiter an der Spitze des Südturms montieren.

Sie müssen sich auch vor Augen führen, dass die obere „Himmelsleiter“ aus zwölf Einzelteilen mit je 3 Meter Länge besteht. Diese müsse dann zuerst einzeln in eine Höhe von 90-136 Meter transportiert werden, dann erfolgt die Montage und schlussendlich die Verkabelung. Da können wirklich nur Profikletterer – Alpinisten ans Werk.  Um die Statik und die Sicherheit zu gewährleisten arbeiten an die 30 Personen aus den verschiedensten Berufssparten hier zusammen.

Denken Sie, dass es wichtig ist, dass die Kirche die Kunst fördert? 

Ich finde es ist wichtig, dass Kirche zeitgenössische Kunst fördert und Künstlerinnen und Künstlern ein Forum dafür zur Verfügung stellt und ihnen auf diese Weise Öffentlichkeit gibt. Es ist dem Dompfarrer Toni Faber und seiner Offenheit gegenüber der zeitgenössischen Kunst zu verdanken, dass die Dompfarre St. Stephan bis dato vielen Kunstschaffenden die Möglichkeit gegeben hat in den Dialog mit den Gläubigen und der Kirche zu treten. Die kostenintensive Installation „Himmelsleiter“ ist auch nur durch das Sponsoring von SIMACEK Facility Management im Rahmen von „Visionary Projects“, möglich. 

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Bekannt sind Sie auch für Ihre Art-Virus-Skulpturen? Was ist hier der Hintergrund?

Man muss sie gesehen haben. Alle sind von mir handgefertigt. Oft habe ich auch schon gehört, dass sie „frech“ sind.

2007 hatte ich die Idee einen „Art-Virus“ zu bauen, der die Pseudo-Kunst hinterfragt. Die Rolle der „Art Viren“, ist einfach: sie sind „freundlichen Feinde“, durch den Beifall soll das Publikum geläutert werden. In ihrer Erscheinung muten die Viren harmlos an, bilden aber in der Menge und der konzentrierten Anordnung ein „Art Army“.

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