Gastronom David Figar (li.) und der ehemalige Nationalspieler Rubin Okotie (re.) wollen das „Bellaria“ in die Zukunft holen   

© Kurier/Jeff Mangione

Chronik Wien
03/20/2021

Café Bellaria gerettet: Frischer Wind für die gute Luft

McDonalds und Burger King gingen leer aus: David Figar und Rubin Okotie erwecken das wohl älteste Kaffeehaus Wiens zum Leben.

von Nina Oezelt

Zwischen dem Justizpalast, dem Naturhistorischen Museum, dem Burggarten und dem Volkstheater gibt es ein Eck-Cafè. Es befindet sich in der Bellariagasse. „Bellaria“, der Name heißt so viel wie „gute Luft“ – und im 18. Jahrhundert stand er auch für die repräsentative Architektur. 


Erst letztes Jahr feierte man hier, im  Café, angeblich den 150. Geburtstag. Heute steht es leer, die Möbel sind herausgerissen worden. Nur das Schild „Café Restaurant Bellaria anno 1870“ erinnert daran, dass diese Wände wohl viel gesehen haben.

Die Augen der beiden Männer, die inmitten des Kaffeehauses stehen, leuchten, wenn sie auf die kleine Kuppel im Lokal blicken. Auch wenn der imperiale Luster von damals fehlt. „Wir eröffnen hier etwas, das die Menschen derzeit am meisten vermissen“, sagt David Figar. Wien braucht sein Kaffeehaus und das Kaffeehaus braucht Wien.

Sein Partner Rubin Okotie, bekannt als Ex-Nationalspieler und Quereinsteiger-Gastronom stimmt zu: „Das sind die Zeiten für Veränderungen.“ 

Der Film

"Die Deutschmeister": Der Wiener Film von Ernst Marischka mit österreichischen Filmstars, wie Romy Schneider und Hans Moser, wurde 1954 in den Räumlichkeiten des Café Bellaria gedreht. Im Film ist das Café eine k.u.k. Bäckerei, die Salzstangerl für den Kaiser bäckt.

Kino Bellaria

Auf der anderen Seite, hinter dem Volkstheaters befindet sich das Kino Bellaria. Dieses musste nach 107 Jahren im Jahr 2020 geschlossen werden. Es gibt laufend Gespräche über eine Übernahme.

Berühmte Gäste

Das Kaffeehaus galt als "Künstler- und Szenetreff". Einmal im Monat fand dort der "Franz Antel"-Stammtisch statt. Außerdem kamen viele Politiker, Richter, Sänger und Schauspieler. Meeresforscher Hans Hass, Skistar Karl Schranz, Sängerin Birgit Sarata, Staatsoperndirektor Ioan Holender, Schauspielerin Erni Mangold, Künstler Erik Brauer und viele mehr.

Die Straße

Die Bellariastraße wurde 1869 nach einem ehemaligen Vorbau der Hofburg "Bellaria" benannt. In der Bellariastraße befindet sich auch das historische Palais Epstein, heutige Parlamentsbibliothek. Davor diente es vielfältigen Zwecken: Das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der Familie Epstein war NS- Reichsstatthalterei, sowjetischen Stadtkommandantur und Sitz des Stadtschulrats.

Viele Interessenten

Interessenten gab es viele. Auch McDonalds oder Burger King wollten das Ruder am imperialen Eck übernehmen. Den Zuschlag haben aber die zwei bekommen. Beide führen bereits Restaurants. David Figar kennt man von den Figar-Betrieben. Er hatte Lokale im 2., 4., 6., und 7. Bezirk: – von „Figar macht Urlaub“ bis zu „Figar geht baden“.  Behalten hat er sich nur sein erstes Figar, jenes in der Kirchengasse. 

 

Dort ist auch Rubin Okotie Stammgast. Man lernte sich kennen. Als Fußballer spielte der heute 33-Jährige in der österreichischen Nationalmannschaft.  Gesunde Ernährung  spielte  immer eine Rolle. Schließlich wählte er den veganen Weg.  Nicht nur privat, sondern auch in seinem Restaurant Plain im 9. Bezirk, welches er 2019 eröffnete. Bei der kulinarischen Vereinigung wollen sie nun das Beste aus der Plain- und der Figar-Welt kombinieren. Etwa die ausgiebige Frühstückskarte – von Avocado-Brot bis zum Frühstücksburger (10 Euro) – aus dem Figar mit der veganen Plain-Bowl (12 Euro).

Öffnen wollen sie am 1. Juli für ein „junges, lebenshungriges Publikum“. Einen Schanigarten wird es geben, eine Cocktailbar und auch für Musik will man sorgen. „Wiener Moderne“, sei das Motto.  Man wolle „an alte Traditionen anknüpfen, aber modern sein“, sagt Figar.

 

Terezija Stoisits (Grüne) fragte einmal den Oberkellner Herr Otto, ob das Frühstücksei denn auch frisch sei. Otto soll erwidert habe: "Gnädige Frau, das Huhn weiß noch gar nicht, dass wir es ihr weggenommen haben!"

Dem ehemaligen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) wurde ein Nussschnaps angeboten: "Nuss kann nicht ungesund sein, das fällt in den medizinischen Bereich!"

Skistar Karl Schranz hatte eine Reservierung in Grinzing für das Abendessen. Aber die Stimmung im Bellaria gefiel ihm so gut, dass er zwei Mal den Termin verschob. Schließlich stornierte er den Tisch und sang selbst Wiener Lieder bis zur Sperrstunde, 

Traditionen

Und Traditionen gab es in dem Haus genug: Montags wurde früher mit dem Ex-Inhaber und mit Opernsängern klassisch gesungen. Einmal im Monat gab es den Franz-Antel-Stammtisch, in Erinnerung an den Regisseur. Künstler trafen sich vor oder nach ihren Theaterpremieren, Politiker zwischen den Terminen: „Es gab eine Regierungsloge für Politiker, einen Richtertisch für den Obersten Gerichtshof“, erklärt Ex-Inhaber Charly Kotzina. „Schüssel, Pröll, Gusenbauer, Haider und auch Karl Habsburg alle waren hier.“ Über die frische Brise in den alten Mauern wird man sich sicher freuen.

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