Mauer: Die Bewohner sehen sich  als Hautevolee des Bezirks – und den Ort als Mittelpunkt der Welt 

© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
10/16/2021

Bezirksteil-Patriotismus: Liesing und seine acht Nabel der Welt

Alle acht historischen Ortskerne im 23. Bezirk sollen bald beschildert werden. Die große Grätzelliebe ist historisch erklärbar.

von Agnes Preusser

Wird man an einem Liesinger Stammtisch gefragt, wo man dann her sei, dann geht es selten um die Frage, ob man Wurzeln in anderen (Bundes-) Ländern hat. Das Gegenüber will vielmehr meist wissen, ob man Atzgersdorfer, Rodauner oder Inzersdorfer ist.

Die Grätzelzugehörigkeit wird im 23. Bezirk nämlich großgeschrieben – ein Phänomen, das besonders in den Randbezirken, wie etwa auch in der Donaustadt, bekannt ist.

In Liesing will man diesem Bezirksteil-Patriotismus nun ein Gesicht geben, und zwar in Form von Schildern für jeden der acht Ortskerne. „Wir lieben unsere Grätzel im Bezirk“, sagt dazu Initiator Christoph Pramhofer, Klubobmann der Liesinger Neos. „Die Schilder erhöhen das Bewusstsein für den Ortskern sowie die Identifikation mit der eigenen Wohngegend noch weiter.“

Diese Identifikation ist tatsächlich sehr hoch. Ist man in Mauer aufgewachsen, wurde man mit dem Spruch „Mauer liegt am Pappelteich, rundherum liegt Österreich“ groß. Als Atzgersdorfer setzt man hingegen auf die Variante „Atzgersdorf ist Königreich, rundherum ist Österreich“. Gemein ist beiden Versionen, dass der eigene Bezirksteil der Nabel der Welt ist.

NS-Vergangenheit

Erklärbar ist das unter anderem mit der Historie des Bezirks. 1938, also in der NS-Zeit, wurden 97 niederösterreichische Gemeinden „Groß-Wien“ zugeordnet. Nach dem 2. Weltkrieg gingen 80 dieser Gemeinden wieder an Niederösterreich zurück. Die restlichen 17 verteilen sich auf Liesing und eben die Donaustadt. Ganz hat man in den Orten diese Eingemeindung noch immer nicht überwunden.

Auch der dörfliche Charakter ist geblieben. Es werde hier gelebt, was international unter als „15-Minuten-Stadt“ im Trend liegt, sagt Pramhofer. Alle wichtigen Orte seien innerhalb von einer Viertelstunde erreichbar. Im Gegensatz zu anderen Teilen des Bezirks: „Die öffentliche Verbindung ist wirklich schlecht“. Das verstärke, dass man in seinem Grätzel bleibe.

Das Phänomen treibt mitunter wunderliche (aber liebenswerte) Blüten. Im Jahr 1986 wurde mit Erhard Berg in Mauer ein eigener Bürgermeister gewählt – inoffiziell, dafür auf Lebenszeit. Diesen Sommer ist das Bezirks-Original verstorben (siehe gleich unten).

Breite Zustimmung

Als 2016 in Liesing die FPÖ gegen ein Asylheim demonstrierte, stellte das Satiremagazin Hydra für die linke Gegendemo Buttons zur Verfügung – mit ironischem Bezirksteil-Patriotismus. Zu lesen waren etwa Sprüche wie „Inzersdorfer Bohnensuppe gegen eure Faschotruppe“.

Der Neos-Antrag zu den Schildern wurde dem Finanzausschuss des Bezirks zugewiesen, wo entschieden wird. Alle Parteien stimmten zu. „Liesing besteht seit jeher aus acht Dörfern, denen man sich verbunden fühlt“, sagt Wolfgang Ermischer, Bezirksrat und Büroleiter von Bezirkschef Gerald Bischof (SPÖ).

Auch an der Finanzierung soll es nicht scheitern. Übrigens: Die Grätzelliebe entsteht nicht nur, wenn man dort geboren wurde, selbst „Zuagraste“ können sich dem Zauber nicht entziehen. Pramhofer stammt aus Oberösterreich, ist jetzt aber glühender Maurer: „Der Ort zieht einen rein, da kann man nicht anders.“

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