Chronik | Wien
04/14/2019

Ballett-Ausbildung: „Menschenwürde darf nie verletzt werden“

Es gibt zwei Wege zur Höchstform zu kommen: Druck oder Kooperation. Was andere Ballettschulen zur Staatsopern-Causa sagen.

Demütigung bis Gewalt und Drill sowie sexueller Missbrauch – mit diesen Vorwürfen sah sich die Ballettakademie der Staatsoper Wien diese Woche konfrontiert. Kinder seien dem Falter-Bericht zufolge „Opfer autoritärer, gewalttätiger und gefährlicher Unterrichtsmethoden“ geworden. Die Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet und Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) initiierte eine Sonderkommission Ballettakademie.

Doch was sagen andere Ballettinstitutionen in Österreich zu den Trainingsmethoden? Und worauf achtet ein ehemaliger Balletttänzer bei seinen zwei Kindern beim Unterricht?

„Spaß, Freude und Kreativität müssen im Vordergrund stehen. Die Leistung kommt dann von selbst“, sagt Michael Fichtenbaum, Leiter vom Europaballett St. Pölten. Doch das war nicht immer so: „Als wir das Konservatorium vor 15 Jahren gegründet haben, sind wir in der Welt herumgefahren, haben an Wettbewerben teilgenommen, um bekannt zu werden.“

Es sei gerade zu Beginn wichtig für das Image gewesen, Preise zu gewinnen: „Karina Sarkissova hat für uns 1999 den ,Prix de Lausanne‘ gewonnen, das ist der größte Wettbewerb der Welt.“ Sarkissova wurde danach Mitglied des Staatsopernballetts. Auch sie berichtete diese Woche von Übergriffen und meinte: „Es passiert, man muss es in Kauf nehmen.“

Kunst vor Bewertung

„2004 hatten wir das nötige Image erlangt. Da haben wir aufgehört, 14-Jährige zu Wettbewerben zu schicken, für die sie zuvor ein halbes Jahr lang trainieren mussten“, erklärt Fichtenbaum. Heute stünde die Kunst im Vordergrund, nicht das Bewerten. Es dürfe keine Auswüchse geben, Trainer dürften keinen so großen Ehrgeiz entwickeln, dass sie ihre Schüler drillen.

Seine Lehrer wähle er deshalb gewissenhaft aus. Kriterium sei nicht nur, wo er oder sie getanzt hat, sondern auch, ob „die Psyche stimmt“. „Trainer aus alten Kompanien sind oft frustriert, weil sie selbst nicht mehr auf der Bühne stehen. Oder sie haben nie etwas erreicht und wollen sich jetzt mit ihren Schülern hervortun“, erklärt er. „Natürlich habe ich mich aber auch schon geirrt.“

Prinzipiell muss aber jeder Lehrer mehrmals im Jahr zu Schulungen. Dabei steht die Anatomie im Vordergrund. „Sie spielt eine wichtige Rolle beim Training“, sagt er.

Die Lehrer könnten durchaus einmal laut werden. „Es darf aber nie die Würde des Menschen verletzt werden“, ist er überzeugt. „Man muss die Freude fördern. Aber Honig ums Maul schmieren bringt auch nichts, man muss bei der Wahrheit bleiben.“ Schlussendlich sollte jeder befriedigt den Saal verlassen, schließlich müssen die 25 Tänzer, die die Berufsausbildung machen, jeden Tag zurückkehren.

"Verlangt den Tänzern physisch und psychisch alles ab"

Auch die Leiterin der Tanzakademie in Linz, Ilja van der Bosch, färbt die Ausbildung nicht schön: „Tanzen im professionellen oder semiprofessionellen Bereich verlangt den Tänzern physisch und psychisch alles ab. Darauf muss man vorbereitet sein. Allerdings ist ständige Angst als Begleiter das falsche Mittel zum Erfolg.“

Beate Vollack, Ballettdirektorin der Oper Graz, wo derzeit 74 Schüler unterrichtet werden, fügt hinzu: „Als Tanzpädagoge übernimmt man eine enorme Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen und ihre individuellen körperlichen wie persönlichen Voraussetzungen sowie ihre Hoffnungen, Wünsche und Lebenssituationen.“

Heutzutage wüsste man sehr viel über die Zusammenhänge von Tanz, Ernährung, Psyche und Training; die Zeiten der genormten Behandlung und des reinen „militärischen“ Drills sollten vorbei sein.

Trotzdem hinke der Tanz- dem Leistungssport nach, meint Fichtenbaum. Dem stimmt auch Harald Krytinar, der 15 Jahre lang Balletttänzer war, zu: „Beim Profisport ist man bei der psychischen und physiologischen Begleitung viel weiter.“

Pädagogisch wertvoll

Krytinar hat in Wien am Bundestheater und am ehemaligen Konservatorium der Stadt Wien seine Ausbildung gemacht, dann in Frankreich und Deutschland getanzt. „Ich erinnere mich genau. Ich war in der Opernballettschule, als ich ein Kind war, und da wurde hauptsächlich die physische Leistung beurteilt. Hat jemand einen flexibleren Körper, tut er sich leichter, einen Spagat zu machen und wird dann gelobt“, erzählt er.

Es müsse überlegt werden, wie Leistung beurteilt wird und was pädagogisch wertvoll ist.

„In meiner späteren Karriere habe ich festgestellt: Es geht über Druck oder Zusammenarbeit. Mit beidem kann Spitzenleistung erbracht werden. In der Praxis wird viel mit Druck und Wettbewerb gearbeitet. Bei der Kooperationsbasis geht es aber darum, dass man aufeinander aufpasst, dass man sich am Ende des Prozesses noch in die Augen schauen kann“, erzählt er. Die Menschen würden dazu gebracht werden, über sich hinauszuwachsen und sich trotzdem gut zu fühlen. „Den Druck macht man sich sowieso selbst“, sagt er.

Krytinar ist mittlerweile in Tanzpension und hat zwei Töchter. Er versuche, keinen Druck auszuüben. „Ich habe nie forciert, dass sie tanzen. Sie konnten sich ihre Aktivität selbst aussuchen“, beschreibt er. Seine Frau und er haben eine Ballettschule gefunden, der sie vertrauen.

„Wir nehmen eine Anfahrt von 20 Minuten in Kauf. Aber das ist egal. Ein wichtiges Kriterium war, dass es mit Qualität und Herz gemacht wird, dass das Selbstbewusstsein gestärkt wird, dass sich die Pädagogen für die ganzheitliche Entwicklung der Kinder interessieren“, sagt er. Dass dabei Tanzen gelehrt werde, sei nebensächlich. „Hauptsache, die Kinder können Neues entdecken.“