„Auszeit-WG“ auf Trauminsel: Die geheimen Reisen junger Intensivtäter aus Wien
Madeira, Insel im Atlantik. Ziel von Traumreisen, aber auch von betreuten Problemkindern.
Eine geschlossene „Auszeit-WG“ für jugendliche Intensivtäter, bedenkliche Vorfälle bei der Unterbringung von Minderjährigen, dazu Vorwürfe der Freunderlwirtschaft und Korruption bei kooperierenden Vereinen und Wohngemeinschaften: Die Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) sorgt seit Monaten für Negativschlagzeilen und reichlich (politischen) Diskussionsstoff.
Nun kommt eine weitere Facette ans Tageslicht, die die Debatte wohl neu befeuern dürfte: Denn laut KURIER-Recherchen gibt es seit Jahren schon eine besondere Form einer „Auszeit-WG“ für jugendliche Problemkinder – nämlich wochenlange Reisen zu Destinationen, die landläufig als touristische Traumziele gelten. Wie auf die portugiesische Blumeninsel Madeira im Atlantik.
Belohnung für Straftat?
Kann es tatsächlich sein, dass jugendliche Intensivtäter, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, aber etwa noch strafunmündig sind, auf Staatskosten Urlaubsreisen „verordnet“ bekommen? Grundsätzlich ja, bestätigt eine Sprecherin der MA 11, versucht diese „Auslandsaufenthalte“ aber als pädagogisch notwendig einzuordnen. Kritiker sehen die Sache freilich anders.
Der KURIER bekam aus der Sozialarbeiter-Branche den Hinweis, sich diese Reisen von „Problemkindern“ aus Wien näher anzusehen, weil das intern vielfach kritisch gesehen werde. Aufgrund der „schiefen Optik“ würde über solche Aufenthalte, die über Partnervereine der MA 11 abgewickelt werden, gerne der Mantel des Schweigens gelegt. Denn wer den Staat oder seine Bewohner schädige, dürfe nicht mit Reisen, die den Anschein von Luxus erweckten, belohnt werden. Apropos Staatskosten: Da die Betreuung in Wien mittlerweile extrem teuer sei – mit bis zu 2.000 Euro pro Tag und pro Person (sic!) – kämen diese Reisen mitunter aber sogar billiger als eine Unterbringung hierzulande, heißt es.
Von einem anderen Informanten ist zu hören, dass „nicht nachvollziehbar“ sei, warum mit den Kindern und Jugendlichen so weite Flugreisen ins Ausland gemacht werden müssen (Madeira ist rund 3.200 Kilometer von Wien entfernt). „Wenn man Kinder und Jugendliche aus der gewohnten Umgebung bringen will, kann es auch das Waldviertel, Kärnten oder Vorarlberg sein.“ Allerdings: Bei den Auslandsreisen gebe es lokale Strukturen mit Agenturen und Vereinen, die sich auf diese Klientel spezialisiert hätten. Madeira etwa wird auch von der deutschen Jugendwohlfahrt gerne gebucht.
Eine andere Stimme – auch diese ersucht um Anonymität – attestiert demgegenüber durchaus Erfolge bei diesem Modell, weil sich Betroffene hernach „besser entwickeln“ würden; es hänge alles von der Qualität der Betreuer ab. Außerdem könnten die Kinder derweil in der gewohnten Umgebung in Wien „nichts anstellen“.
Erstaunlicherweise findet man auf offiziellen Seiten oder im Archiv wenig bis nichts zu diesen von der Stadt Wien finanzierten Reisen. Was es gibt, ist ein Medienbericht über einen Gerichtsprozess im Jahr 2023: Zum Erstaunen der Richterin erschien damals ein jugendlicher Angeklagter (es ging um Nötigung) nicht zum Prozess, weil der 15-Jährige gerade für sechs Monate auf einem Insel-Camp weilte – auf Madeira. Die Kosten dieser „Resozialisierungsmaßnahme“: rund 30.000 Euro.
Kriminelle Kinder und Jugendliche
beschäftigen die Polizei immer häufiger.
Vieles bleibt geheim
Der KURIER fragte daher bei der MA 11 nach, um über diese Reisen klare Zahlen, Fakten und wissenschaftliche (Erfolgs-)Studien zu erhalten. Vorweg: All das gibt es nicht. Vielmehr fällt die Auskunft recht allgemein aus.
Bestätigt wird von MA-11-Sprecherin Ingrid Pöschmann, dass diese „Auslandsunterbringungen“ in „Europa (Mittelmeerländer, Skandinavien und Länder am Atlantik)“ stattfänden. Die dafür anfallenden Kosten könnten deshalb nicht geliefert werden, da sie „im Rahmen von regulären Unterbringungen in der Stadt Wien stattfinden“. Teilweise seien die Kosten im Tagsatz inkludiert, wenn nötig werden aber auch „außertourliche Kosten im Rahmen von Zusatzkosten abgerechnet“.
In Wien gab es im Vorjahr um 10,7 Prozent mehr Tatverdächtige unter 21 Jahren als 2024. Eklatant war der Anstieg bei den 10- bis 14-Jährigen (+18,1%) bei insgesamt 5.983 Tatverdächtigen. Vorwiegend geht es um Einbruchsdiebstähle und Körperverletzungen. Der Ausländeranteil lag bei 59,2%.
„Auszeit-WG“
Für besonders schwere Fälle (bei Intensivtätern unter 14) hat die zuständige Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling (Neos) eine „Auszeit-WG“ ins Leben gerufen. Ein 13-Jähriger befindet sich nunmehr in einer geschlossenen Wohngemeinschaft in Simmering. Kostenpunkt: 800.000 Euro pro Jahr.
Intensivtäter:
61 Kinder unter 14 Jahren gelten in Wien als Intensivtäter. Sie haben schon mindestens fünf Straftaten begangen.
Wie viele „Einzelfälle“?
Weiters: „Da es sich nicht um ein Standard-, sondern um ein individuelles Angebot handelt, unterscheiden sich die Aufenthaltsdauern sehr stark. Es gibt mehr Einzel- als Gruppenprojekte“, erklärt Pöschmann. In Absprache mit der Wiener Kinder- und Jugendwohlfahrt würden „unterschiedliche Vereine, aber auch Wohngemeinschaften im Bedarfsfall diese Projekte als Interventionsmöglichkeit“ anbieten, wobei meistens Sozialpädagogen aus den Einrichtungen ins Ausland mitfahren.
Auf Nachfrage, wie häufig nun solche Reisen stattfinden, wird dann betont, es seien lediglich „Einzelfälle“, wobei ein weiteres „erlebnispädagogisches Projekt mit vier Minderjährigen pro Schuljahr“ auf einem Schiff von Relevanz sei.
Keine konkrete Auskunft gibt es auch zum Hintergrund der so betreuten Kinder- und Jugendlichen: Sind es straffällig gewordene Jugendliche? Unter 14-jährige Gewalttäter? Sind es Missbrauchsopfer unter Obhut der MA 11? In-, Ausländer? Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge? Antwort: Es handle sich um Personen, „bei denen im Rahmen einer individuellen fachlichen Einschätzung geprüft wird, ob eine vorübergehende Herausnahme aus dem gewohnten Umfeld sinnvoll ist“.
„Aggressivität durchbrechen“
Solche Auslandsaufenthalte seien laut Pöschmann gewiss auch „keine Belohnung“, sondern stellten eine „intensiv betreute pädagogische Maßnahme“ dar. „Das ist eine bewährte Interventionsmöglichkeit, wenn andere passgenaue Lösungsansätze nicht erfolgreich sind oder wenn entschieden wird, dass ein Kind dringend aus einem gewohnten Setting herausgenommen werden muss, entweder um an individuellen Traumata bzw. Defiziten zu arbeiten oder Delinquenz oder Aggressivität zu durchbrechen.“
Eine Evaluierung des gesamten Projekts – etwa anhand der positiven Entwicklung der Kinder – kann die MA 11 jedoch nicht vorlegen; was man nennen könne, seien Wissenschafter, die solche „individualpädagogischen Auslandsmaßnahmen“ erforscht hätten.
Ausgaben explodieren
Faktum ist, dass das Budget der MA 11 seit Corona geradezu explodiert ist: Waren 2020 noch 333 Millionen aufzuwenden, so sind es heuer schon mehr als 500 Millionen Euro. 2025 befanden sich bereits 4.150 Kinder- und Jugendliche in der Obhut der MA 11. Wobei die Tagsätze der Betreuten – je nach Intensität – zwischen „rund 200 und 1.400 Euro“ liegen würden, so Pöschmann.
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