© Preusser Agnes

Chronik Wien
05/09/2021

Abgerissen, umgepflanzt, übersiedelt - die Opfer des U-Bahn-Baus

Durch die Verlängerung der Wiener U-Bahn müssen Bäume und traditionelle Grätzel-Institutionen weichen. Manche sind für immer weg, manche feiern ein Comeback

von Agnes Preusser

Beim Stöbern auf der Verkaufsplattform willhaben tauchte plötzlich ein Zeitungskiosk auf. Blau, mit der Aufschrift „Internationale Zeitschriften“ oben drauf. Und zwar jener Kiosk, der bisher im Rathaus-Grätzel, gleich beim Café Eiles stand.

„Zu verschenken“ stand da. Als einzige Bedingung war angegeben, dass man für den Abtransport selbst sorgen müsse. „Wir wollten ihn sofort haben“, sagt Mirjam Schweiger.

Gemeinsam hatten Schweiger, Anja Summerer, Judith Rohrmoser und Georgiana Nightingall erst kurz davor beschlossen, ein Skaterlabel mit dem Namen Moisturride auf die Beine zu stellen. „Der Link zum Kiosk war die erste Nachricht in unserer Chatgruppe“, sagt Rohrmoser. Die vier schlugen sofort zu — ohne genau zu wissen, was man mit dem Stand machen könne, wie man ihn transportieren solle und zunächst auch, ohne einen neuen Standplatz zu haben.

Dass der ehemalige Besitzer den Kiosk überhaupt verschenkt hat, liegt am U-Bahn-Bau. Genau wie die berühmte 80-jährige Platane, die ebenfalls beim Café Eiles beheimatet war, musste er den Platz räumen. Während der Baum mit großem Trara in einer spektakulären Aktion in einer Nacht im Februar auf den Schmerlingplatz verlegt wurde, organisierten Schweiger und Co. in einer Hauruck-Aktion Lkw und Kran.

Neuer Standort Liesing

Ab sofort steht der Kiosk beim F23, einem Kultur- und Veranstaltungsort in der ehemaligen Sargfabrik auf der Breitenfurter Straße (Liesing).

Die Platane und der Kiosk sind nicht die einzigen lokalen Mini-Wahrzeichen der Wiener Grätzel, die der U-Bahn weichen müssen. Auch zum Beispiel das ehemalige Feuerwerk-Geschäft mit der charakteristischen bunten Schrift, seit Jahrzehnten beheimatet am Matzleinsdorfer Platz, gibt es seit April nicht mehr.

Eigentlich konnte man dort immer nur Ende Dezember, also kurz vor Silvester, Pyrotechnikartikel erstehen. Zuletzt wurde im Feuerwerk schon längere Zeit gar nichts mehr verkauft.

In den vergangenen Jahren hat dafür der Künstler und Stadtforscher Tomash Schoiswohl den Raum immer wieder für Ausstellungen und Workshops genutzt. Zuletzt soll hier ein Obdachloser gewohnt haben, erzählt Schoiswohl. Trotz allem habe das Geschäft aber zum Grätzel dazu gehört. Das Feuerwerk habe ihm sofort gefallen, schon damals als er 1999 nach Wien kam. „Diese Buntheit bei der gleichzeitigen Verfallenheit mit den verstaubten Packungen in Auslage hat mich fasziniert“, sagt Schoiswohl.

Der brüchige Charme des Feuerwerks ähnelte dem des Josefstädter Zeitungskiosks. In dessen Seitenauslage hängen hinter schmutzigem Glas noch Zeitschriften aus den 80er-Jahren.

Bis Juni wird der Kiosk aber komplett aufpoliert. Die Skaterinnen wollen dann hier nicht nur Kleidung und Boards verkaufen, sondern auch einen Ort der Begegnung schaffen – insbesondere für FLINTA*-Personen. Die Abkürzung steht für Frauen, Lesben und Menschen, die sich als Inter, Nichtbinär, trans oder Agender bezeichnen.

„Die Skaterszene zeichnet sich sonst durch Macho-Männlichkeit aus“, sagt Rohrmoser. Frauen seien höchstens Sexsymbole. Motive auf der Kleidung seien oft nackte weibliche Körper, manchmal sogar homophob.

Durch “Brettl Bande”, gegründet von Anja Summerer und zwei anderes Personen, eine Skatecrew für einen sicheren Ort für FLINTA* Personen, lernten sich die 4 Frauen/Nichtbinäre Personen vom Moisturride Team überhaupt kennen.

„Ich habe vor zwei Jahren zu skaten begonnen und schnell gemerkt, dass ich mich allein nicht wohlfühle“, erzählt Summerer. Blicke, blöde Sprüche oder penetrantes Aufdrängen von Hilfestellungen verleideten Summerer den Sport. Darum will Moisturride einen sicheren Ort für alle jene schaffen, denen es genauso geht.

U2-Ausgang statt Haus

Ein früheres Opfer des U-Bahn-Baus ist das Gründerzeithaus in der Hofmühlgasse 6 (Mariahilf), das 2018 abgetragen wurde. Hier soll demnächst ein U2-Ausgang der Station Pilgramgasse errichtet werden.

Christoph Pfandler hat durch den Abriss seinen Standort des Vintage-Modegeschäfts Polyklamott verloren. „Zuerst hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt er. 20 Jahre lang habe er das Geschäft in der Hofmühlgasse gehabt und plötzlich wurde ihm mitgeteilt, dass er das Feld räumen müsse. „Ich hatte keine Option, Nein zu sagen. Was soll man denn machen gegen die Wiener Linien mit ihrem Stab an Anwälten?“ Letztendlich habe man aber zu einer Einigung gefunden.

Im Endeffekt sei er gestärkt aus der Sache herausgegangen. Das Polyklamott ist sogar größer geworden. Durch Glück fand er damals ein neues Lokal in der Mollardgasse, also gleich um die Ecke. „Das hat mich sehr erleichtert, sonst wäre ich komplett entwurzelt gewesen“, sagt Pfandler.

Wurzeln schlagen

Der umgepflanzten Eiles-Platane geht es währenddessen in ihrer neuen Heimat gut. Damit sie sich wohlfühlt, wird sie zweimal die Woche bewässert. Für einen anderen Baum ist die Zukunft aber noch ungewiss. Die Schubertlinde am Augustinplatz (Neubau) muss ebenfalls wegen des U2-Ausbaus weg. Dabei ist sie mit 100 Jahren noch älter als die Platane. Die ÖVP Neubau will sie nun mit einer Bürgerinitiative retten.

Der Zeitungskiosk könnte übrigens zukünftig in ganz Wien auftauchen – als mobiler Verkaufsstand. Zumindest bis August steht er laut Moisturride aber fix in Liesing. Es sei ja auch irgendwie schön, jetzt ein neues und unbekannteres Grätzel damit zu beleben.

Einzigartig
Das Haus in der Hofmühlgasse 6 ist und bleibt das einzige Wohnhaus, das durch den  Bau der U2/U5 abgerissen wurde

Nachtaktion
Die 22 Meter hohe Platane wurde mitten in der Nacht  vom Café Eiles zum Justizpalast übersiedelt

Alte Dame
Die Schubertlinde in Neubau ist mit 100 Jahren älter als die Eiles-Platane. Auch sie muss der U-Bahn weichen

Gedenken
Das Feuerwerkshäuschen am Matzleinsdorfer Platz war so beliebt, dass Künstler Tomash Schoiswohl eine Trauerfeier dafür abhielt

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