© Kurier/Juerg Christandl

Reportage
02/16/2021

Ein 60-Tonnen-Baum schwebte durch die Wiener Nacht

Die Eiles-Platane hat ein neues Zuhause. Bei dichtem Schneefall übersiedelte der knapp 20 Meter hohe Baum über die Auerspergstraße auf den Schmerlingplatz.

von Andreas Puschautz

Dienstagfrüh um 6 Uhr war es so gut wie geschafft. Am Ende einer langen, kalten Nacht ließ ein 480-Tonnen-Kran langsam seine lebende Last in die dafür vorgesehene Grube am Schmerlingplatz hinunter und beendete damit die aufsehenerregende Reise von Wiens aktuell bekanntesten Baum (siehe auch Video weiter unten).

Laut Baumkataster der Stadt Wien seit 30 Jahren, laut Experten-Einschätzung jedoch wohl schon um einiges länger, hatte die 80-jährige Platane bisher den kleinen, namenlosen Platz gegenüber dem Café Eiles an der Ecke Josefstädter Straße/Auerspergstraße beschattet.

Ende vergangenen Jahres schienen ihre Tage jedoch gezählt, sollte doch genau an ihrem Standort ein Zugang zum neuen U2/U5-Linienkreuz Rathaus errichtet werden. Weil den Wiener Linien eine Verpflanzung aufgrund der geschätzten Kosten von einer halben Million Euro zu risikoreich erschien, sollte die Platane gefällt werden.

Eine Allianz aus der NGO Kuratorium Wald, dem Baumchirurgen Manfred Saller und Finanzstadtrat Peter Hanke (SPÖ) wendete das Blatt jedoch in letzter Minute.

Der Schlüssel zur Lösung des Problems war die Aufteilung der Kosten: Die Wiener Linien übernahmen die Transportkosten in Höhe von 50.000 Euro. Dafür erklärte sich Saller bereit, die baumchirurgischen Maßnahmen mit seiner Firma unentgeltlich durchzuführen.

Enormer Aufwand

Warum? Natürlich aus Liebe zum Baum. Und: "Man muss im Leben etwas zurückgeben, dafür zahlen wir dann weniger Steuern“, so der Fachmann augenzwinkernd.

Ein wenig war es aber auch die Herausforderung, die Saller reizte. Der erfahrene Arborist hat schon viele Gehölze verpflanzt, aber noch nie einen knapp 20 Meter hohen Baum im Herzen einer Großstadt.

Zwei Wochen lang werkte sein Team in Doppelschichten, baggerte den Boden rund um die Platane aus, schnitt Baum und Wurzelballen zusammen, verpackte Letzteren in eine Schutzhülle aus Stroh, umhüllte das Ganze mit einer Mauer aus zusammengefügten Stahlbohlen und trieb am Ende Stahlträger in einer Tiefe von zwei Metern unter dem Baum hindurch. So entstand eine Art Käfig, der mitsamt dem Baum angehoben werden konnte.

Das alles hat freilich seinen Preis - und sein Gewicht. 60 Tonnen wog der Baum, 80 Tonnen am Ende der gesamte Transport. Eine Punktlandung: "Es hätte keine Tonne mehr sein dürfen", stellt ein Mitarbeiter der Transportfirma trocken fest. Wegen der relativ knapp unter der Auerspergstraße verlaufenden U-Bahn-Trasse sind 80 Tonnen die Belastungsgrenze.

Abschiedskomitee

Zum finalen Akt hatte sich am Montag kurz vor Mitternacht eine für Pandemiezeiten ungewöhnlich große Menschenmenge von gut 100 Personen auf der gesperrten Zweierlinie versammelt, um dem denkwürdigen Anlass beizuwohnen - die von Fenstern und Balkonen zusehenden Anrainer nicht mitgezählt.

Neben Schaulustigen (es sei ihnen vergönnt, viel gibt es ja momentan nicht zu erleben) und Medienvertretern fanden sich Stadtrat Hanke, Wiener-Linien-Geschäftsführer Günter Steinbauer und der Präsident des Kuratoriums Wald, Gerhard Heilingbrunner ein - Letzterer zur großen Freude der Anwesenden mit Glühwein im Gepäck.

Schließlich sei es kalt - und es gebe etwas zu feiern. "Eigentlich müsste man jeden Baum retten", meint der Naturschützer, aber speziell diese Platane sei "ein Baum mit Symbolkraft, den jeder Wiener kennt". Darum empfinde er auch "Hochachtung" vor Hanke und den Wiener Linien, die Baumrettung doch noch ermöglicht zu haben.

Wehmut

Nur einer war inmitten der großen Aufregung etwas zwiegespalten: der neue Bezirksvorsteher der Josefstadt, Martin Fabisch. "Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust", sagte der Grünen-Politiker. Einerseits freue er sich, dass die Platane weiterleben könne. Dass seine Vorgängerin, Veronika Mickel-Göttfert (ÖVP), sich nicht für eine andere Zugangslösung zur U-Bahn stark gemacht und damit den Baum an seinem alten Standort erhalten habe, wurmt ihn aber.

Die Möglichkeit dafür hätte es gegeben, so Fabisch. Jetzt wünsche er dem Baum aber "alles Gute".

Nachdem gegen ein Uhr alle Daumen-hoch-Fotos geschossen und alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, rückte schließlich der eigentliche Star des Abends in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Per Kran wurde die Platane im pünktlich einsetzenden Schneefall auf einen Tieflader gehoben, um um 1.45 Uhr ihre Reise anzutreten.

Kurze Reise

Eine Viertelstunde später, um ziemlich genau zwei Uhr, war diese nach etwa 500 Metern am Schmerlingplatz bereits wieder zu Ende und die Ereignisse nahmen ihren - vorübergehend - unspektakulären Lauf.

Dreieinhalb Stunden dauerte es, bis sich der Baum nach diversen Umbauarbeiten am Schwerlastkran wieder in die Lüfte hob, um in beeindruckender Feinarbeit der Kran-Crew 20 Meter weit von der Straße an seinen finalen Bestimmungsort zu schweben - und dem Leiter der Aktion, Baumchirurg Saller, endlich Erleichterung zu verschaffen.

Freude

"Es ist ein herrliches Gefühl, all den Pessimisten gezeigt zu haben, dass es doch funktioniert", freute sich der sichtlich erleichterte 58-Jährige. "Jetzt müssen wir nur mehr schauen, dass wir ihn gut durchbringen, damit er im Frühjahr kräftig austreibt und die nächsten 100 Jahre noch steht."

Damit er vorerst einmal die nächsten drei Jahre übersteht, wird er für diesen Zeitraum mit sechs Stahlseilen abgespannt, die zwei Meter tief im Boden einbetoniert werden. Erst dann kann sich die Platane sicher selbst aufrecht halten.

Saller spukt unterdessen bereits der nächste Plan im Kopf herum. Ein lebender Christbaum am Rathausplatz, das wäre doch etwas: "Denn im 21. Jahrhundert muss man keine Bäume mehr für drei Wochen umschneiden."

Bevor er dieses Projekt angeht, wartet aber noch etwas anderes auf ihn: sein Bett. Das hat er nämlich seit 48 Stunden nicht mehr gesehen.

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