El Kaida erpresst Österreich

YEMEN TRIALS AL QAEDA
Foto: APA/YAHYA ARHAB Der Fahndungsdruck der jemenitischen Behörden auf die Entführer soll zum Verkauf der europäischen Geisel an das El-Kaida-Netzwerk geführt haben.

Ein sechsköpfiges Verhandlungsteam aus Österreich ist vor Ort. Das Außenamt hält sich bedeckt.


Jetzt wird die Befreiung des 26-jährigen Österreichers Dominik N. aus der Geiselhaft im Jemen höchst kompliziert. Für Sicherheitsexperten deutet vieles darauf hin, dass der Arabistik-Student aus Wien und ein finnisches Paar von ihren Entführern an die Terrororganisation El-Kaida verkauft worden sind. Das Außenministerium hält sich – wie in diesen Fällen international üblich – dazu und zu Lösegeldforderungen bedeckt.

Die drei Europäer wurden, wie berichtet, am 21. Dezember in der Hauptstadt Sanaa von Bewaffneten verschleppt. Anfangs schien die Affäre einigermaßen unter Kontrolle zu sein. Jemenitische Sicherheitsbehörden orteten die Entführten bei einem aufrührerischen Stamm in der Region Khawlan nahe Sanaa. Eine Einigung schien möglich.

Am Dienstag meldete aber die Nachrichtenagentur Reuters, dass die Geiseln an Mitglieder des El-Kaida-Terrornetzwerkes verkauft wurden – und zitiert dazu eine Aussage des jemenitischen Präsidenten Abd-Rabbu Mansour Hadi. Das klinge glaubhaft, sagt ein internationaler Terrorexperte, der schon bei der Befreiung von österreichischen Geiseln beteiligt war, zum KURIER.

Druck auf Entführer

Nach Einschätzung des Experten steht am Anfang „zumeist eine rein kriminell motivierte Entführung“, wobei die Entführten durchaus freundlich behandelt werden. Mit steigendem Fahndungsdruck der Armee würden aber die Geiseln als Belastung empfunden. Der Weiterverkauf der Geiseln an Profis sei dann keine Seltenheit. Im Fall Jemen handelt es sich dabei um die El Kaida. Deren Netzwerk erstreckt sich vom Jemen über Somalia und Nordafrika bis Mali.

Diese Organisationen, so der Sicherheitsexperte, kommunizieren abhörsicher, und wechseln ständig den Aufenthaltsort. Sie haben auch andere Interessen als die ursprünglichen Entführer. Sie werden politische Forderungen stellen, um diese weltweit zu vermarkten, da El Kaida seit dem Tod von Osama bin Laden wieder ein Lebenszeichen von sich geben wolle. Dadurch würde der Organisation mediale Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum zukommen.

Ein weiterer „Player“ in dieser Angelegenheit sind die USA. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist für sie der Jemen Kriegsgebiet, in dem die CIA fallweise mit ferngesteuerten Drohnen Jagd auf El-Kaida-Funktionäre macht. Die USA haben kein Interesse an Lösegeldzahlungen an Terroristen. Das bewiesen sie schon im Fall des im Irak entführten Österreichers Bert Nussbaumer. Obwohl es noch keine Lösegeldforderungen gab, intervenierte die damalige US-Botschafterin Susan McCraw im April 2008 beim damaligen Kanzler Alfred Gusenbauer, nicht zu bezahlen. Nussbaumer wurde von den Entführern getötet.

Das Netzwerk El Kaida

Der Begriff El Kaida wurde erstmals gegen Ende des Afghanistankrieges 1988 verwendet. Osama Bin Laden, ein prominenter saudi-arabischer Freiwilliger, plante, jene jungen Männer, die in Afghanistan gegen die Sowjets gekämpft hatten, in einer neuen Organisation einzufangen. Er wollte damit den Heiligen Krieg fortsetzen. Bekannt wurde die Organisation durch Terroranschläge – etwa auf das World Trade Center am 11. 9. 2001. Die Organisation hat in vielen Ländern Anhänger. Sie vertritt eine extreme Form des Islamismus.

Die gefährlichsten Länder der Welt

Offiziell ist der Krieg in Afghanistan zwar beendet, sicher ist die Lage dort dennoch nicht. Es kommt immer wieder zu Anschlägen, vor allem auf Angehörige westlicher Staaten – zudem wurde auch die österreichische Botschaft in Kabul aus Sicherheitsgründen geschlossen. Algerien war von 1992 bis 2011 offiziell im Ausnahmezustand – dies hat sich zwar mittlerweile geändert, dennoch ist das Land als unsicher eingestuft. Zudem ist der Norden Ziel von Attentaten der "Al-Qaida im islamischen Maghreb", die dort operiert. Auch in den Grenzregionen zu Burkina Faso ist die "Al-Qaida im islamischen Maghreb" aktiv, Entführungen fanden bereits unweit der burkinischen Grenze statt.  Das Außenamt rät daher, das Land nicht zu bereisen – denn konsularische Hilfe ist nur schwer zu leisten. Haiti wurde im Jahr 2010 von einem verheerenden Erdbeben erschüttert – danach hatte man mit einer Cholera-Epidemie und Überflutungen zu kämpfen. Mehr als 300.000 Menschen starben. Die Situation im Land sei wie vor unübersichtlich und äußerst schwierig, so das Außenamt. Der Irak befindet sich zwar nicht mehr im Krieg, die Lage seit der Hinrichtung Saddam Husseins 2006 ist dennoch eine äußerst gefährliche. Reisen sollten nur unternommen werden, wenn sie dringend nötig seien. Der Jemen hat es erst kürzlich in die Schlagzeilen geschafft – mit der Entführung dreier Europäer, darunter ein Österreicher. Anhaltende Unruhen führten zu Terroranschlägen auf diverse Botschaften, Selbstmordattentate und Entführungen stehen an der Tagesordnung. Auch wenn Reisen in die Demokratische Republik Kongo angeboten werden – das Außenamt rät davon ab: Kriegerische Auseinandersetzungen in weiten Teilen des Landes und Gesundheitsrisiken wie das grassierende Ebola-Virus machen den Staat zu einem der gefährlichsten der Welt. Libyen befindet sich seit einem Jahr im Kriegszustand: Am 15. Februar 2011 hatte der Aufstand gegen den Langzeit-Machthaber Muammar al-Gaddafi begonnen - Gaddafi lebt mittlerweile zwar nicht mehr, die Lage ist dennoch äußerst unsicher. Im März dieses Jahres wurde die Hauptstadt Malis, Bamako, vom Militär eingenommen - wenngleich derzeit eine zivile Übergangsregierung eingesetzt ist, bleibt die Lage weiterhin unübersichtlich. Zudem ist der Norden des Landes von Aufständischen besetzt, die der Al-Kaida nahestehen. Auch Mauretanien ist von der unsicheren Lage in Mali betroffen: Die sich ausweitende Entführungsgefahr strahlen auch dorthin aus. In Not geratenen Österreichern kann, wenn überhaupt nur in sehr eingeschränktem Umfang konsularische Hilfestellung geleistet werden, so das Außenamt. Im Niger ist die Terrororganisation "Al Qaida im islamischen Maghreb" vertreten – mehrere blutige Entführungen von westlichen Staatsangehörigen wurden dort dokumentiert. Im Juli erklärte der verarmte Südsudan seine Unabhängigkeit vom Sudan – seither ist die Lage zwischen den beiden Staaten angespannt. Gerade in der Grenzregion kommt es regelmäßig zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Somalia befindet sich im Bürgerkrieg – und verfügt über keine diplomatische Vertretung Österreichs. Entführungen sowie Terror- und Selbstmordanschlägen stehen an der Tagesordnung. Österreichischen Staatsbürgern, die sich in Somalia aufhalten, wird daher dringend empfohlen, das Land zu verlassen. Syrien ist Dauergast in den Medien – wegen des 2011 dort wütenden Bürgerkriegs. Seit Beginn der Kampfhandlungen, die sich gegen das Assad-Regime richten, wurden mehr als 60.000 Menschen  getötet. Die Zentralafrikanische Republik wird seit geraumer Zeit von Rebellenkämpfen erschüttert; ausschließlich die Hauptstadt Bangui sei einigermaßen sicher, so das Außenamt. Wegen Demonstrationen und Unruhen sei aber auch dort erhöhte Vorsicht geboten.

Interview

„Die Weitergabe von Geiseln hat es immer wieder gegeben“

NEUER AUSSENAMTS-PRESSECHEF MARTIN WEISS
Foto: APA/MAHMOUD-ASHRAF MAHMOUD/BMEIA

Der Wiener Dominik N. wurde vor 26 Tagen gemeinsam mit einem finnischen Pärchen von vier maskierten, bewaffneten Männern aus einem Elektrogeschäft in Sanaa gekidnappt. Seitdem fehlt (offiziell) jedes Lebenszeichen. Der Sprecher des Außenamtes, Martin Weiss, nimmt im KURIER zur aktuellen Situation um die Entführung des 26-jährigen Studenten Stellung.

KURIER: Am 21. Dezember wurde N. in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa entführt. Agenturen meldeten Dienstagmittag, dass der Wiener an El Kaida verkauft worden sein soll. Ist das gesichert?

Martin Weiss: Nein, das können wir nicht bestätigen.

Aus taktischen Überlegungen nicht, oder ist die Informationslage zu unsicher?

Zuallererst gibt es bis jetzt kein Bekennerschreiben. Somit ist die Lage undurchschaubar.

Jemens Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi informierte aber die Nachrichtenagentur Reuters, dass der Österreicher von seinen Entführern an das Terrornetzwerk verkauft wurde.

Wir haben diesbezüglich keine sicheren Informationen und es gibt auch keine Lösegeldforderung.

Welche Schritte unternimmt und unternahm das Außenamt in diesem extrem heiklen Fall?

Wir sind mit einem operativen Team und Diplomaten vor Ort – darunter befindet sich unser Botschafter aus Saudi-Arabien, Gregor Kössler. Wir wissen aus Erfahrung, dass eine permanente Präsenz enorm wichtig ist. Nur so ist ein seriöser Kontakt mit den Behörden möglich.

Sind auch die Eltern des Ent­führungsopfers im Jemen?

Nein. Und sie wollen zurzeit keinen Kontakt mit Medien, um die Situation nicht noch weiter eskalieren zu lassen.

Der Wiener Student soll von seinen Entführern, einem kriegerischen Bergstamm, an El Kaida verkauft worden sein. Eine gängige Praxis im ara­bischen Armenhaus Jemen?

Ja, leider. In dieser Re­gion werden Geiseln gerne als Faustpfand gegen die Regierung verwendet. Aber auch Weitergaben von Geiseln hat es immer wieder gegeben. Diese Konstellation verkompliziert die Situation rund um eine Befreiung zusehends.

Chronologie

Entführungen von Österreichern seit 1998

In politisch brisanten Regionen der Welt kommt es immer wieder zu Entführungen westlicher Touristen, Geschäftsleuten und Journalisten. Im Folgenden ein Überblick über Ereignisse der vergangenen Jahre, in die Österreicher involviert waren.

27. Februar 1998
Nach fast zwei Wochen in der Gewalt von Geiselnehmern im westafrikanischen Sierra Leone kommen fünf europäische Missionare, unter ihnen der Vorarlberger Arzt Andreas Erhard (36), wieder frei. Die Entwicklungshelfer des Ordens der Barmherzigen Brüder waren am 14. Februar aus ihrem Spital in Lusar verschleppt worden. Die Entführung ereignete sich zwei Tage nach dem Sturz der Militärjunta.

23. April 2001
Eine Geiselnahme pro-tschetschenischer Rebellen in einem Istanbuler Luxushotel geht noch am gleichen Tag ohne Blutvergießen zu Ende. Die bewaffneten Kidnapper lassen die 120 Menschen in ihrer Gewalt - unter ihnen auch bis zu acht Österreicher - nach fast zwölf Stunden frei und ergeben sich der Polizei.

13. Mai 2003
Alle zehn in der algerischen Sahara entführten Österreicher werden nach fast zwei Monaten aus der Hand ihrer Geiselnehmer - der Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) - befreit und kehren nach Österreich zurück. Gemeinsam mit den acht Salzburgern und zwei Tirolern kommen sechs Deutsche und ein Schwede frei. Damit befinden sich noch 15 der ursprünglich insgesamt 32 entführten Europäer in der Gewalt von Geiselnehmern. Bei ihnen handelt es sich um zehn weitere Deutsche, vier Schweizer und einen Niederländer. Sie kommen Mitte August 2003 frei, eine deutsche Geisel überlebt die Strapazen nicht.

13. Juli 2005
Ein im Gaza-Streifen entführter Österreicher und ein Brite werden nach wenigen Stunden wieder freigelassen. Der Steirer Volker Mitterhammer, der für eine Tiroler Firma als Ingenieur für Wasseraufbereitungsanlagen arbeitet, war gemeinsam mit seinem britischen Kollegen von zwei Personen in ein Auto gezerrt und in das Flüchtlingslage Al Bureij gebracht worden. Beide Männer werden freigelassen, nachdem hohe palästinensische Offizielle einschreiten.

24. Dezember 2005
Während einer ganzen Serie von Einführungen von Ausländern im Jemen geraten auch die beiden österreichischen Architekten Barbara Meisterhofer (31) und Peter Schurz (52) in die Hände von Geiselnehmern. Nach wenigen Tagen kommen sie nach Verhandlungen zwischen Stammesführern und der Zentralregierung in Sanaa am 24. Dezember unversehrt wieder frei.

4. April 2006
Die Leichen der seit Jänner 2006 vermissten österreichischen Touristen Peter Kirsten Rabitsch (28) und Katharina Koller (25) werden in der bolivianischen Hauptstadt La Paz gefunden. Sie waren von Kriminellen entführt, ausgeraubt und ermordet worden. Das auf Weltreise befindliche Wiener Paar war von der bolivianischen Stadt Copacabana am Titicacaca-See kommend, am 26. Jänner in La Paz verschwunden. Im August 2006 werden die mutmaßlichen Mörder gefasst und ein Jahr später zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

16. November 2006
Der 25-jährige Oberösterreicher Bert Nussbaumer wird gemeinsam mit vier US-Bürgern und neun ortsansässigen Mitarbeitern der US-Sicherheitsfirma Crescent Security im Irak entführt. Nach ersten Video-Botschaften, die die Entführer den Behörden bzw. Medien zuspielen, gab es monatelang kein Lebenszeichen der Geiseln mehr. Im März 2008 werden mehrere Leichen im Irak gefunden. Eine davon wird in den USA als Bert Nussbaumer identifiziert.

Februar 2008
Zwei Touristen aus Österreich - die Halleiner Wolfgang Ebner (51) und Andrea Kloiber (43) - werden im tunesisch-algerischen Grenzgebiet gekidnappt und in den Norden Malis verschleppt. Die beiden Österreicher befinden sich 252 Tage lang in Geiselhaft des nordafrikanischen Zweigs des internationalen Terrornetzwerks El-Kaida "El-Kaida im islamischen Maghreb" (AQMI). Nach langen Verhandlungen gibt das Außenministerium in Wien Ende Oktober ihre Freilassung bekannt.

Jänner 2012
Bei einem Überfall auf europäische Touristen im Nordosten Äthiopiens werden fünf Menschen getötet. Bei einem Opfer handelt es sich um einen Österreicher. Bei den Tätern soll es sich der Landesregierung zufolge um von der eritreischen Regierung ausgebildete Banditen gehandelt haben. Eritreische Diplomaten weisen diese Vorwürfe zurück.

21. Dezember 2012
Ein 26-Jähriger, der vermutlich einen Sprachkurs im Jemen gemacht hat, wird in der Hauptstadt Sanaa - gemeinsam mit einem finnischen Paar - entführt. Sie wurden laut Medienangaben von vier bewaffneten Männern in ein Auto gezerrt und verschleppt.

Jemen

Das Armenhaus Arabiens

Der Jemen gilt als das Armenhaus Arabiens. Die schwache Zentralregierung hat große Probleme, die Staatsgewalt gegen traditionelle Stammesstrukturen durchzusetzen. Clan-Führer ließen bereits mehrfach Ausländer entführen, um Forderungen an die Behörden durchzusetzen. Dazu kommt ein gewaltiges Terrorproblem.

Das Land bleibt auch nach der Vereinigung von Nord- und Südjemen im Jahr 1990 politisch gespalten. Der Süden fühlt sich von der Zentralregierung benachteiligt. Eine Separatistenbewegung kämpft seit Jahren für die Abspaltung.

El-Kaida nutzt das von Bergen und Wüsten geprägte Land als Rückzugsgebiet mit Ausbildungslagern. Islamisten aus dem Jemen und Saudi-Arabien gründeten 2008 zudem die "El-Kaida auf der Arabischen Halbinsel", die zwischenzeitlich erhebliche Gebiete des Landes eroberte.

Der Arabische Frühling hat im Jemen zu keinem echten Regimewechsel geführt. Der Präsident Ali Abdullah Saleh, der das Land seit 1978 beherrschte, musste nach Unruhen und einem Anschlag auf sein Leben sein Amt seinem Stellvertreter überlassen.

Im Vergleich zum großen Nachbarn Saudi-Arabien sind Wirtschaft und Infrastruktur schwach entwickelt. Der Konsum der Volksdroge Kat beeinträchtigt stark die Wirtschaftskraft. Ihr Anbau verschlingt einen großen Teil der knappen Wasserreserven des Landes.

(Kurier) Erstellt am